BAYERN & SEINE GESCHICHTEN

Selig vielleicht, aber auch heilig?

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Fritz Gerlich und Therese Neumann. Foto: Schöningh Verlag

Der frühe Hitler-Gegner Fritz Gerlich – von Lebenskrisen geschüttelt

Sein Lebensstil: ausschweifend, dem Alkohol zugetan. In der Redaktion der „Münchner Neuesten Nachrichten“ (Vorläufer der SZ) war der Kettenraucher ein Berserker – gefürchtet, aber auch brillant auf seine Art, ein Arbeitstier, das stundenlang im Akkord diktierte. Heute würde man ihn als Workaholic bezeichnen. In einer seiner Lebenskrisen, es war im Herbst 1927, suchte jener Fritz Gerlich Trost beim Reserl von Konnersreuth, jener seltsamen Mystikerin in der oberpfälzischen Provinz. Und Gerlich wurde ihr Anhänger, bedingungslos und radikal, wie er immer war. Er hing fortan an ihren Lippen, machte sogar Geldgeschäfte oder Aktienkäufe von ihr abhängig – wobei das Reserl meist so schlau war, unverfängliche, doppeldeutige Botschaften auszusenden.

Der renommierte Historiker Rudolf Morsey geht dem verästelten Leben des Fritz Gerlich nun in einer großen, fair geschriebenen Biografie nach (Ferdinand Schöningh Verlag, 29,90 Euro), wobei er stets beides im Blick hat: die Person und ihr politisches Wirken. Bisher ist Gerlich ja vor allem als früher, in seinen Mitteln nicht zimperlicher Warner gegen den Nationalsozialismus bekannt, der in der Zeitung „Der gerade Weg“ gegen Hitler giftete. Das ist schon interessant genug, denn Gerlich war früher selbst Radikalnationalist gewesen. Dass nun auch die persönlichen Seiten des Publizisten ans Licht kommen, ist nur möglich, weil Morsey Einblick in den Nachlass von Gerlich nehmen konnte – er wird von dem Tölzer Unternehmer Max A. Hoefter (Alpamare), der meist in der Schweiz lebt und – da wird man nicht zu viel verraten – ein bekennender Konnersreuther ist, seit Langem sorgsam verwahrt.

Sowohl privat als auch politisch – die Biografie Gerlichs hat viele Brüche. Politisch wechselte er mehrmals radikal die Richtung, was Morsey detailreich ausleuchtet. Gerlich stand in der Kaiserzeit erst dem linksliberalen Lager nahe, wechselte aber nach Beginn des Ersten Weltkriegs die Richtung und wurde zum „schroffen Nationalisten“, der in den damals viel gelesenen „Süddeutschen Monatsheften“ ein williges Publikationsorgan fand. Ob nun „Unabhängiger Ausschuss für einen Deutschen Siegfrieden“ oder „Volksbund für die rasche Niederwerfung Englands“ – es gab in München kaum ein radikalnationales Grüppchen, in dem Gerlich nicht Mitglied war. Hier traf der Publizist, dessen Brotberuf eigentlich Archivar war, auf ein Netzwerk im „rechtsoppositionellen Lager“, das ihn konsequent förderte. Auszahlen sollte sich das für Gerlich im Juli 1920, als er zu aller Überraschung Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“ wurde und das Blatt von linksliberal ins radikalnationalistische drehte. Aus dem Nachlass Gerlichs zitiert Morsey ein Schreiben des Journalisten an seinen Förderer Paul Nikolaus Cossmann, wonach die „traditionelle Kulturpolitik“ der Zeitung („aufklärerischer Liberalismus“) „rücksichtslos auszumerzen“ sei. Morsey zeichnet auch Gerlichs „Einsatz für eine Rechtsdiktatur“, die ihn im München der frühen 1920er Jahre fast bis an die Seite Hitlers (den er mehrmals persönlich traf) führte. Allerdings war Gerlich, das bleibt festzuhalten, kein Antisemit. Als er am Abend des 8. November 1923 im Bürgerbräukeller „live“ den Putschversuch Hitlers mitbekam, intervenierte er mutig zugunsten von Ludwig Wassermann vom bayerischen Wirtschaftsverband, wohl des einzigen Juden, der im Bürgerbräukeller zugegen und prompt als „Geisel“ verhaftet worden war.

Aufschlussreich ist nebenbei, was Morsey über die verkommenen Sitten im Münchner Journalismus der 1920er Jahre berichtet. Gerlich, nun treuer Anhänger der BVP-geführten Landesregierung, legte sich mit Vorliebe mit der SPD-nahen „Münchener Post“ an, damals ein einflussreiches Presseorgan. Die Chefredakteure von MNN und MP denunzierten und verklagten sich gegenseitig. Gerlich wurde wegen „standesunwürdigen“ Verhaltens sogar aus dem Landesverband der bayerischen Presse ausgeschlossen.

Die erneute Wende kam im Zuge einer Lebenskrise. Gerlich, nun geschieden, wurde im Jahr 1928, nach Begegnungen mit Therese von Konnersreuth, glühend katholisch. Über die Vorhersehungen der angeblich mit Wundmalen Christi stigmatisierten Reserl von Konnersreuth, die auch heute noch viele in den Bann zieht, ist so viel geschrieben worden, dass sich jedweder Kommentar erübrigt. Aus Sicht des Journalisten war es erst einmal ein Coup: Als die MNN erstmals am 3. August 1927 berichteten, war das eine Sensation. Der Bericht wurde in 32 Sprachen übersetzt und führte dazu, dass Gläubige und Schaulustige in die oberpfälzische Provinz pilgerten. Morsey begegnet den Berichten, wenn man sein Buch richtig liest, mit einer gewissen Skepsis – ähnlich wie der damalige Regensburger Bischof, der über das „himmlische Auskunftsbüro“ spöttelte. Für die donnernde Verehrung, die Gerlich nach einer persönlichen Begegnung im September 1927 Therese entgegenbrachte, hat der Historiker allerdings keine schlüssige rationale Erklärung.

Dafür erhellt er gewissenhaft, aus welch trüben Quellen der nun katholische Publizist schöpfte, als er am 8. Februar 1931 in der Zeitung „Der gerade Weg“ seinen Feldzug gegen Hitler begann. Gerlich saß reihenweise Fälschungen auf, zum Beispiel einem dubiosen Exil-Russen, der ihm gefälschte Geheimberichte aus sowjetischen Führungsgremien andrehte (in 42 Ausgaben abgedruckt). Kaum besser waren seine Informanten Max Weber und der (in einer früheren Publikation zum Widerstandskämpfer verklärte) Georg Bell, die aberwitzige Fehlprognosen aus dem „inner circle“ der NSDAP lieferten. Ob es wirklich so schlau war, Hitler „Mongolenblut“ anzudichten und die Nationalsozialisten als vom „Satan“ besessen zu bezeichnen, sei dahin gestellt. Nicht in jedem Fall heiligt der Zweck der Mittel, und gelegentlich sind manche Methoden auch kontraproduktiv – wenngleich man aus heutiger Warte darüber natürlich leicht den Stab brechen kann.

Nun hat die katholische Kirche ein Seligsprechungs-Verfahren zu Gerlich eingeleitet, der 1934, beim so genannten „Röhm-Putsch“, im KZ Dachau von nie ermittelten Tätern ermordet wurde. Die Wahl ihrer Zeugen lässt erkennen, dass sie auch Skeptiker berücksichtigen will. Ein Seliger war Gerlich vielleicht, ein Heiliger im landläufigen Sinne des Wortes nicht.

DIRK WALTER

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