SEK-Einsatz im Gefängnis in Mühldorf: Geiselnahme nur ein „Theater“?

Mit einem Großaufgebot und Unterstützung des SEK beruhigte die Polizei den Streit zwischen Häftlingen im Mühldorfer Gefängnis. fib/te
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Mit einem Großaufgebot und Unterstützung des SEK beruhigte die Polizei den Streit zwischen Häftlingen im Mühldorfer Gefängnis. fib/te
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Erst die Zelle verwüstet, dann Beamte bedroht und schließlich Mithäftlingen das Messer an die Kehle gehalten: Ein 28-jähriger Häftling hatte im Juli 2019 eine filmreife Geiselnahme abgeliefert. Einen Oscar gibt es dafür zwar nicht, dafür aber eineinhalb Jahre Haft.

Mühldorf/Traunstein – Eine bedrohliche Lage in der Justizvollzugsanstalt Mühldorf mit Einsatzkräften inklusive SEK vor knapp einem Jahr, dazu ein Brand und eine angeblicher Geiselnahme von fünf Mitgefangenen in einer Gemeinschaftszelle: Das alles entpuppte sich am Dienstag vor dem Landgericht Traunstein als „Spaß“ und „Theater“. Vor der Zweiten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs kam der Angeklagte, ein 28-jähriger Häftling, mit eineinhalb Jahren Haft davon.

Erster Akt: Mobiliar zertrümmert

Der spektakuläre Fall begann gemäß Anklage von Staatsanwalt Dr. Christian Liegl am 23. Juli 2019 gegen 22.45 Uhr damit, dass der lettische Staatsangehörige Mobiliar an der Zellentür zertrümmerte. Ein Beamter klopfte an die Klappe. Der 28-Jährige drohte, ihn „kaputtzumachen“, wenn er die Zelle betrete, einem anderen Beamten, er werde „sterben“.

SEK-Einsatz an der JVA-Mühldorf.

Der Lette setzte anschließend mit Bettwäsche einen Schrank in Brand. Zwei Häftlinge erlitten leichte Rauchgasverletzungen. In der Zelle betätigten Mitgefangene den Notruf. Statt die Zelle zu öffnen, löschten Beamte das Feuer mit einem Wasserschlauch durch die Türklappe.

Zweiter Akt: Brotzeitmesser am Hals des Mitgefangenen

Kurz nach Mitternacht schrie der 28-Jährige wieder auf Russisch herum, beleidigte einen der Beamten. Er forderte, den Anstaltsleiter zu sprechen. Ansonsten werde er einen oder mehrere Zellengenossen „töten“. Jeder, der den Haftraum betrete, werde „abgestochen“. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, platzierte er seine Mitgefangenen abwechselnd vor sich, hielt ihnen ein Brotzeitmesser an den Hals.

Er wollte erst einen Hubschrauber, dann ein Auto und nochmals einen „Helikopter nach Hause“. „Soll er sterben? Wollt ihr das?“, soll er gerufen und ein Ultimatum von drei Minuten gestellt haben. Zum Ende des Countdowns deutete er eine Schnittbewegung durch den Hals des Mannes an und stieß ihn zu Boden.

Dritter Akt: die Festnahme

Eine große Aktion mit Polizei-, Feuerwehr- und Rettungskräften lief an jenem Abend an. Polizeibeamten der Verhandlungsgruppe gelang es, den 28-Jährigen zur Aufgabe zu bewegen. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei Südbayern beendete die Situation mit problemloser Festnahme des mutmaßlichen Geiselnehmers.

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Angeklagter verspricht, brav sitzen zu bleiben

Gleich vier Vorführbeamte begleiteten den mit Bauchgurt und Handfesseln fixierten Angeklagten gestern in den Sitzungssaal. Mit ein Grund: Er ist zu – noch nicht rechtskräftigen– fünf Jahren drei Monaten Freiheitsstrafe wegen versuchter Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt worden. Vorsitzender Richter Erich Fuchs veranlasste, die Fesseln abzunehmen. Zuvor hatte der 28-Jährige zugestimmt, „brav sitzen zu bleiben“.

Bei der Festnahme 1,6 Promille im Blut

Bei seinen Angaben samt Erinnerungslücken schien sich der 28-Jährige bestens zu amüsieren. Er sprach von einem „Witz“ der Zelleninsassen, von „Theater“. Gemeinsam habe man zuvor selbst gebrauten Schnaps getrunken. Der Vorsitzende Richter war „erstaunt“, dass man in einer JVA Alkohol herstellen und konsumieren könne. „Warum soll es nicht funktionieren?“, setzte der Angeklagte, der bei seiner Festnahme gut 1,6 Promille Alkohol im Blut hatte, entgegen.

Wodka-Rezept im Gerichtssaal

Er erläuterte, wie man in der Zelle binnen einer Woche aus Toastbrot und Wasser circa vier Liter einer Art Wodka mit rund 40 Volumenprozent hergestellt habe.

Irgendwann habe in jener Nacht etwas gebrannt, warum, wisse er nicht, meinte er zum Tatablauf. Er habe nur „einzelne Bilder vor Augen“. Irgendwann sei es losgegangen. Dann sei er draußen angebunden worden. „Das ist ungefähr der Inhalt der Anklage, aber stark verkürzt“, meinte Erich Fuchs. Die Reaktion des Letten: „Es war keine Gefangennahme. Es war ein Witz.“ Die Beamten hätten in die Zelle kommen können, nichts wäre passiert.

Auch Feuerwehr und Rotes Kreuz waren vor Ort, brauchten aber nicht eingreifen. Der Brand in der Zelle war schnell gelöscht, verletzt wurde niemand.

„Keine Angst vor dem Messer am Hals“ hatte einer der Zellengenossen. Dennoch habe er Angst vor dessen Aggressivität und vor dem Feuer empfunden, später auch vor dem SEK. Ein Ex-Häftling schilderte, niemand habe sich durch das Messer am Hals bedroht gefühlt. „Ehrlich gesagt, mitgespielt haben wir alle“, erklärte ein 22-Jähriger. Ihm habe der Angeklagte den Messerrücken an den Hals gehalten. Dass er hinfallen sollte „mit Ketchup im Gesicht“, sei vorher vereinbart worden, so der Zeuge. Weitere Zeugen fehlten unentschuldigt.

Ketchup als Theaterblut

Bei einer Sechsmann-Zelle brauche man mehr Personal, um jemand herauszuholen als bei einer kleineren, berichtete ein Vollzugsbeamter. Dieses zusätzliche Personal habe man nicht gehabt. Den Anklageinhalt bestätigte der Kollege, der bedroht und beleidigt worden war. Ein Feuerwehrmann aus Mühldorf sprang in jener Nacht auch als Dolmetscher ein. Er bekam die Messerszenen und den Countdown mit. Er vermutete ein „abgekartetes Spiel“.

Ein gutes Zeugnis stellte eine Justizvollzugsbeamtin dem 28-Jährigen aus. Er sei bis zu dem Vorfall unauffällig, angenehm und folgsam gewesen. Mehrfach war von einem Brief die Rede, die den Letten an jenem Tag erbost haben könnte.

Wegen Alkohol möglicherweise beeinträchtigte Schuldfähigkeit

Der Sachverständige Dr. Josef Eberl attestierte eine durch den Alkohol möglicherweise beeinträchtigte Schuldfähigkeit. Staatsanwalt Dr. Christian Liegl sprach von einer „nächtlichen Randale – ohne jeden tieferen Sinn“. Wegen Sachbeschädigung, Nötigung, Beleidigung, einer Körperverletzung an einem Mitgefangenen und eines minderschweren Falls der Geiselnahme seien eineinhalb Jahre Haft angemessen. Der Verteidiger, Andreas Schwarzer aus München, betonte, der Riesenaufwand samt SEK sei überflüssig gewesen. Er beantragte ein Jahr Freiheitsstrafe.

Das Gericht gelangte im Urteil zu Sachbeschädigung, versuchter und vollendeter Nötigung, Bedrohung, vorsätzlicher Körperverletzung und Beleidigung. Eine Geiselnahme sei nicht verwirklicht worden, so der Vorsitzende Richter.

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