Sechsjähriger erleidet zu Hause Martyrium

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Ihr kleiner Sohn ist nach schweren Brandverletzungen kaum ansprechbar, doch die Eltern widmen sich Sexspielchen, anstatt einen Arzt aufzusuchen. Vor Gericht kommen erschreckende Erkenntnisse über das Familienleben ans Licht.

Eltern bringen Kind trotz Brandverletzungen nicht zum Arzt

Sechsjähriger erleidet zu Hause Martyrium

Von Roland Beck

Regensburg – Die Pächterin einer Tankstelle im Kreis Cham ahnte sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist, als im Herbst 2016 ein Paar mit einem kleinen Jungen in das Geschäft kam. Der Bub hatte Brandverletzungen im Gesicht, zitterte am ganzen Körper. Die Eltern schien das nicht weiter zu kümmern. Sie gaben seelenruhig Pakete in der Poststation der Tankstelle ab.

Die Pächterin informierte das Jugendamt über ihre Beobachtung – und rettete dem Kind damit wohl das Leben. Der heute Sechsjährige wurde von der Polizei in einem lebensbedrohlichen Zustand aus der Familie geholt und in ein Spezialkrankenhaus gebracht. Seit gestern müssen sich die Eltern vor dem Landgericht Regensburg verantworten.

Sie sind unter anderem wegen versuchten Mordes an ihrem eigenen Kind angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Paar vor, den Buben trotz seiner schweren Verletzungen aus Angst vor dem Jugendamt nicht zum Arzt gebracht zu haben. Noch heute leide das Kind unter den traumatischen Folgen der Brandverletzungen, sagt Oberstaatsanwältin Ulrike Klein.

Die Polizei hat eine Zeit lang gebraucht, um annähernd rekonstruieren zu können, was am 30. September 2016 passiert ist. Die Mutter verbrennt an diesem Tag mehrere Gegenstände im Garten in Waldmünchen (Kreis Cham) und verwendet dafür Benzin aus einem Kanister. Dabei entzündet sich der Behälter. In Panik schleudert die 37-Jährige diesen von sich – herumspritzender Treibstoff trifft den Buben, dessen Körper sofort zu brennen beginnt. Der Mutter gelingt es, mit einer Jacke die Flammen zu ersticken.

Bis dahin wäre es wohl ein tragischer Unfall gewesen. Doch die Eltern überließen laut Anklage das Kind mit seinen schweren Brandverletzungen zweiten und dritten Grades mehr oder weniger sich selbst. Daran änderte sich auch nichts, als sich sein Zustand dramatisch verschlechterte: In der Anklage ist von aufgeplatzten Wunden und Verkrustungen die Rede. Der Junge soll vor Schmerzen geschrien und geweint haben, berichten seine Geschwister später.

Die für den Fall zuständige Kriminalbeamtin schildert im Zeugenstand unter welchen dramatischen Bedingungen der Junge mit seinen vier Geschwistern im Alter zwischen drei und zwölf Jahren aufwuchs: In den Betten der Kinder fanden die Beamten teilweise keine Matratzen. Ein Zimmer sei voll mit Hundekot gewesen. Ihr Frühstück hätten sich die Kinder häufig selbst machen müssen. Spielsachen habe es kaum gegeben. Die Eltern, die keine Arbeit haben und auf staatliche Hilfe angewiesen sind, stifteten ihre Kinder zu Diebstählen an und nahmen sie zu Drogenfahrten nach Tschechien mit.

Eines der Kinder beschrieb die Mutter gegenüber der Polizei als emotionslos. „Meine Eltern haben so viele Kinder, weil sie dafür Kindergeld bekommen“, gab ein Bruder des Opfers zu Protokoll. Als der schwer verletzte Junge zusammengekauert auf dem Sofa nur noch röchelte, suchte das Paar nach Darstellung der Staatsanwaltschaft im Internet nach Partnern für Sexspiele und machte dafür Fotos im Garten.

Der Junge, der sich wie seine Geschwister in der Obhut des Jugendamtes befindet, hat von dem Brand neben Narben auch bleibende körperliche Schäden davon getragen. Er muss wahrscheinlich weitere Operationen über sich ergehen lassen. Als Polizeibeamte von ihm wissen wollten, ob es zu Hause denn schön gewesen sei, schrie er die Polizisten an: „Nein, zu Hause war es gar nicht schön.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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