BUCH ÜBER MURNAUER GEFANGENENLAGER

Sechs Jahre hinter Stacheldraht

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Die Gefangenen bei der Brotausgabe im Lager Oflag VII A in Murnau. Foto: Privat

Im Lager Oflag VII A in Murnau waren im Zweiten Weltkrieg 5000 Polen inhaftiert – in einem Gebäude, das nur für 1000 Menschen angelegt war. Lange war über die Zustände im Lager nicht viel bekannt. Nun hat der Murnauer Studiendirektor Martin Lohmann ein Buch darüber veröffentlicht.

Von Roland Lory

Murnau – Joseph Tucki hätte es fast geschafft. Beinahe wäre dem polnischen Oberleutnant die Flucht aus dem Murnauer Offziersgefangenenlager Oflag VII A gelungen. „Am schwierigsten war es, an eine deutsche Uniform heranzukommen“, hat Tucki, Jahrgang 1914, später in einem Interview erzählt. „Zum Glück trug eine polnische Gruppe im Lager alte preußische Uniformen, die einen vielversprechenden Schnitt hatten.“

Tucki besorgte sich deutsches Geld, Zivilkleidung, Fahrrad und einen Ausweis und rasierte sich den Schnauzer ab. So schaffte er es, den Wachposten zu täuschen und das Lagertor zu passieren. Sein Ziel war, sich zur polnischen Westarmee unter General Anders durchzuschlagen. Dazu musste er Deutschland, Österreich, Ungarn, Jugoslawien und Griechenland durchqueren. In München kaufte er sich eine Zugfahrkarte. Damit fuhr der Pole über Salzburg, Linz und Wien Richtung Ungarn. Dort wurde er von Bauern erwischt und der Polizei ausgeliefert. Anschließend kam er zurück nach Murnau, wo er einen zweiten, erfolglosen Fluchtversuch unternahm.

Die Episode ist nachzulesen in einem neuen Buch. Martin Lohmann, Studiendirektor am Murnauer Staffelsee-Gymnasium, hat mit „Alpenblick hinter Stacheldraht“ die erste umfassende Darstellung des Oflag VII A in deutscher Sprache vorgelegt.

Die Machthaber richteten das Lager 1939 kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen in der Panzerjägerkaserne ein. Zeitweise waren dort 5000 polnische Offiziere inhaftiert. „In Murnau befand sich ein beträchtlicher Teil der polnischen Elite und Oberschicht“, schreibt Lohmann. Das Oflag VII A war das Offizierslager mit den ranghöchsten Offizieren. Das Internationale Rote Kreuz registrierte 1942 bei einer Visite 30 Generäle.

Die Offiziere wurden im Großen und Ganzen gut behandelt. Ein großes Problem war die Enge, denn die Gebäude waren eigentlich für etwa 1000 Soldaten ausgelegt. Ein Gefangener hatte durchschnittlich zwei Quadratmeter zur Verfügung. Zu schaffen machte den Insassen außerdem die Langeweile. Allerdings entwickelte sich hinter dem Stacheldraht ein reges kulturelles Leben.

Man inszenierte Theateraufführungen und gründete ein Militärorchester. Es gab ein System an Kursen über Geschichte, Mathematik, Ökonomie und andere Fächer, auch Ausstellungen wurden organisiert. Die Lagerbibliothek umfasste nach Angaben des Roten Kreuzes 8000 Bände. Allerdings herrschte ein permanenter Mangel an Schreibmaterial. Für sportliche Aktivitäten gab es eine Turnhalle. Einige Offiziere waren vor Kriegsbeginn Teil des polnischen Nationalkaders und nahmen an den Olympischen Spielen 1936 teil, wie etwa der Vielseitigkeitsreiter Seweryn Kulesza. Im Sommer wurden die polnischen Gefangenen zum Baden an den Riegsee geführt. Bei aller Enge und Tristesse: Den Inhaftierten blieb das Schicksal mehrerer tausend polnischer Offiziere und Intellektueller erspart, die der sowjetische Geheimdienst NKWD 1940 in Katyn ermordete.

Im Murnauer Lageralltag kam der Religion eine große Bedeutung zu. Die Inhaftierten waren zu 80 bis 90 Prozent katholisch. Erwähnenswert ist, dass jüdische Gefangene Gottesdienst feiern konnten. Unter den polnischen Offizieren befanden sich 100 bis 200 jüdische Kriegsgefangene. Einige wurden auf dem Dachboden des B-Blocks einquartiert. Beim Appell mussten die Juden im Abstand von einigen Schritten neben den anderen Offizieren stehen. Sie „konnten sich danach aber frei bewegen und am normalen Lagerleben teilnehmen. Dies schloss Vorlesungen, die Lagerarbeit und das gesellschaftliche Leben ein.“

Konspirative Aktivitäten blieben im Oflag VII A nicht aus. Verbotenerweise waren Radiogeräte vorhanden, eine wichtige Verbindung zur Außenwelt. Die Befreiung des Lagers am 29. April 1945 durch die Amerikaner endete dramatisch, mehrere Personen starben – es existieren Fotos des Lagerfotografen.

Manche Berichte der Vergangenheit hielten nach Lohmanns Recherchen den Tatsachen nicht stand. Den oftmals kolportieren Liquidierungsbefehl am Kriegsende gab es wohl nicht. Nach 1945 wurde das Areal als Lager für Displaced Persons verwendet. Heute dient es wieder militärischen Zwecken, es beherbergt die Werdenfelser Kaserne. Die Erinnerung an das Oflag VII A wird in Murnau wachgehalten. 2012 enthüllte man einen Gedenkstein vor dem Eingang des einstigen Lagers.

Martin Lohmann

Alpenblick hinter Stacheldraht. Das polnische Offiziersgefangenenlager VII A in Murnau, 400 S., Allitera Verlag, 29,90 Euro

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