Saubere neue Bergwelt

Eine saubere Sache: Beppo Maltan und Bernhard Kühnhauser vom DAV auf der Terrasse der Blaueishütte. Über die Kuppe unterhalb wurde bis vor der Modernisierung der Klärschlamm gekippt. Im Tal ist der Hintersee zu sehen. cal (2), bod, fkn
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Eine saubere Sache: Beppo Maltan und Bernhard Kühnhauser vom DAV auf der Terrasse der Blaueishütte. Über die Kuppe unterhalb wurde bis vor der Modernisierung der Klärschlamm gekippt. Im Tal ist der Hintersee zu sehen. cal (2), bod, fkn

Mehr Mitglieder, hohe Ansprüche: Der Alpenverein bringt seine Hütten auf Vordermann. Wie Bergsport ökologisch geht, ist am Blaueis zu sehen. Doch der Modernisierungskurs hat auch Gegner.

Alpintourismus umweltfreundlich

Mehr Mitglieder, hohe Ansprüche: Der Alpenverein bringt seine Hütten auf Vordermann. Wie Bergsport ökologisch geht, ist am Blaueis zu sehen. Doch der Modernisierungskurs hat auch Gegner.

von Carina Lechner und Stefan Sessler

Ramsau/München – Da war die Sache mit dem Tanga: Eine Wanderin warf das Hoserl auf einer Hütte ins Klo, spülte. Das kleine, zähe Stoffdreieck verschwand – aber wickelte sich in der Kläranlage um den eingebauten Häcksler. Nix ging mehr. Der Wirt rackerte stundenlang, um das unappetitlich Malheur zu beheben.

„Was willst machen?“, sagt Bernhard Kühnhauser, Bergführer aus Schönau am Königssee. Er marschiert gerade hinauf zur Blaueishütte, ein paar Meter vor ihm wandert Umweltminister Marcel Huber. Der Deutsche Alpenverein hat ihn eingeladen, bei Schweinsbraten mit Knödel wollen sie ihm zeigen, wie umweltfreundlich die Hütte nach dem 1,4 Millionen-Euro-Umbau ist.

Was hat das mit dem Tanga zu tun? Die Anekdote zeigt, wie sich der Alpintourismus verändert hat: Früher kamen auf die DAV-Hütten, 67 in ganz Deutschland, vor allem eingefleischte Wanderer, die nach einem harten Tag am Berg nur Brotzeit, Bier, Matratze und ein bisserl Quellwasser brauchten. Inzwischen ist Wandern Breitensport: Der Alpenverein wächst massiv, 2012 waren es 5,2 Prozent Zuwachs, aktuell hat er eine Million Mitglieder. Darunter sind immer mehr Freizeit-Wanderer, die sportlich an ihre Grenzen gehen – aber es abends, bitteschön, komfortabel haben möchten. Eine Hütte ist für sie ein schnuckeliges Hotel in den Bergen. Nur: Für solche Ansprüche braucht es eine moderne Infrastruktur. Und die soll, so der Anspruch des Alpenvereins, auch umweltfreundlich sein. Das fängt bei der Entsorgung von Abfällen an.

Auf der Blaueishütte (1680 Meter, 5000 Übernachtungen im Jahr) gab es früher wie auf vielen Hütten eine Drei-Kammer-Grube, Abwasser und Fäkalien sammelten sich darin, klärten halbscharig vor. Am Ende der Saison öffnete der Wirt die Schleuse und die Brühe ergoss sich bergab über die Kuppe unterhalb der Terrasse. Was für ein Gestank! Dann kam der Winter – bis zum Frühling war alles weg. Das geht so nicht mehr: Auflagen, anspruchsvollere Gäste und mehr Öko-Bewusstsein. Also haben die Berchtesgadener DAV-Leute eine Leitung verlegt, von der Hütte bis ins Tal, vier Kilometer lang. „Zwei Jahre hat’s gedauert“, sagt Sektionschef Beppo Maltan. Jetzt ist die Blaueishütte an das Kanalsystem angeschlossen. Eine saubere Sache. Stromleitungen haben sie mitverlegt, das rußende Aggregat abgebaut. Regenwasser sammeln sie in Tanks, um Trinkwasser nicht fürs Klo verschwenden zu müssen. Denn das wird immer knapper, gerade im Sommer. Der Gletscher oberhalb der Hütte ist zu einem kümmerlichen Eishaufen geschrumpft, er gibt kaum noch Schmelzwasser ab. Ohne Wasservorräte müssten die Wirtsleut Duschen schließen und die Gäste aufs Trockenklo schicken – „das mag heutzutags keiner mehr“, sagt Maltan.

Eine Sanierung wie auf dieser Hütte ist ideal – aber keine Blaupause für andere. Oft wäre eine Leitung ins Tal viel zu teuer, eine Alternative ist eine biologische Kläranlage. Gut zwei Drittel seiner Hütten hat der DAV bereits auf Vordermann gebracht, sie energetisch saniert, mit Solaranlagen für Strom und Warmwasser ausgestattet – „den Rest müssen wir in Griff bekommen“, sagt Hanspeter Mair, beim DAV zuständig für Hütten. Das kostet. Von den 1,4 Millionen Euro für die Blaueishütte zahlte der Freistaat die Hälfte. Und die Öko-Strategie geht weiter: Neu ist das Projekt „Klimafreundlicher Bergsport“, mit dem Mitglieder motiviert werden sollen, Mitfahrgelegenheiten und öffentliche Verkehrsmittel für die Anreise in die Berge zu nutzen. Dafür gab’s vom Umweltminister einen 200 000-Euro-Scheck.

Der DAV auf Modernisierungskurs – das passt nicht allen. Weil die 120 Jahre alte und marode Höllentalangerhütte im Wettersteingebirge am 16. September abgerissen werden soll, regt sich Widerstand. Sie soll durch eine neue Hütte ersetzt werden. Kosten: 4,5 Millionen Euro. Einen solchen Totalabriss mit anschließenden Neubau gab es in den bayerischen Alpen noch nie. Eine völlig neue Art von Hütte soll entstehen. Komfortabler, moderner, mit Lounge-Ambiente. Es soll in Zukunft abtrennbare Gasträume mit Kachelöfen geben, moderne Sanitär- und Duschräume und kleingliedrige Schlafräume, schreibt die DAV-Sektion München über ihr ehrgeiziges Projekt. Schöne, neue Hüttenwelt. Vorbei die rustikalen Massenlagerzeiten. Kann man begrüßen. Kann man aber auch schrecklich finden – so wie drei Geschwister aus Münsing im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Hans-Peter (23), Barbara (21) und Anna Maria (29) Huber regen sich furchtbar über die DAV-Pläne auf. „Modernistischer Schachtelhüttenneubau“, schimpfen sie, „mit einer 60er-Jahre-Architektur, die eher in ein Insdustriegebiet passt.“

Im Internet haben sie eine Petition gegen den Abriss der Hütte gestartet, auch im Landtag haben sie gerade erst ihre Petition eingereicht. Anna Maria Huber sagt: „Wir wollen, dass die Höllentalangerhütte eine Hütte bleibt und kein Hotel mit Einzel- und Doppelzimmern wird.“ Sonst geht die Tradition flöten, das typisch Bayrische, der alpenländische Stil, die Gemütlichkeit. Finden zumindest die Hubers. Sie sind Berg-Nostalgiker – anderen kann es selbst auf dem Berg gar nicht fortschrittlich genug sein.

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