Berufungsverhandlung in Traunstein

Prozess um Unfalltod von Ramona und Melanie: Verteidiger greifen die Polizeiarbeit an

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Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Angeklagten (links und rechts im Bild) vor, die Schuld am Tod von Ramona und Melanie zu tragen.
  • Mathias Weinzierl
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Vor dem Landgericht Traunstein wird der Berufungsprozess um den Tod der beiden Samerbergerinnen Melanie Rüth (21) und Ramona Daxlberger (15) fortgesetzt. Am fünften Prozesstag steht auch das mutmaßlich auffällge Verhalten der Angeklagten im Straßenverkehr im Mittelpunkt

+++ Der Prozess wird am Donnerstag, 7. November, fortgesetzt. Dann sollen die zwei letzten Zeugen aussagen sowie der Sachverständige Andreas Thalhammer seine Erkenntnisse über den Unfall darlegen. +++

Update 16.25 Uhr: Verteidiger werfen der Polizei tendenziösen Zeugenaufruf vor

Als letzter Zeuge des heutigen Prozesstags sagt ein weiterer Polizist aus, der am 20. November 2016 an den Unfallort an die Miesbacher Straße gerufen worden ist. „Es war ein ziemliches Chaos“, erinnert sich der Polizist an seine ersten Eindrücke von der Unfallstelle. Die BMW seien rund 100 Meter abseits der Unfallstelle geparkt gewesen. Dort seien auch die BMW-Fahrer und ihre Beifahrer „relativ unbeteiligt rumgestanden“, wie der Polizist zu Protokoll gibt. Er habe nicht gesehen, dass einer der BMW-Insassen Erste Hilfe geleistet habe.

Zudem hatte der Beamte den Beifahrer des Angeklagten Sebastian M. direkt nach dem Unfall vernommen. „Er war schon recht betroffen“, erinnert sich der Polizist an die Vernehmung des Zeugen, „man musste ihm allerdings fast alles aus der Nase ziehen.“ Dort habe der Beifahrer angegeben, der Abstand zwischen den beiden BMW sei geschätzt 50 bis 70 Meter gewesen und es sei ausreichend Platz zum Einscheren vorhanden gewesen.

„Meiner Meinung nach haben die auch untereinander Kontakt gehabt“, sagt der Beamte, der behauptet, „dass sie sich untereinander absgesprochen haben.“ Auf Nachfrage von Anwalt Michel relativiert der Beamte seine Aussage aber: „Sie haben jedenfalls Kontakt gehabt.“

Nachdem ein anderer Polizist, der an einem der vorherigen Verhandlungstage ausgesagt hatte, damals angegeben hatte, dass zumindest der Fahrer des hinteren BMW, der Angeklagte Sebastian M., am Fahrzeug von Melanie Rüth gestanden habe, hakt Michel nochmals nach: „Haben Sie den Angeklagten nicht am Fahrzeug gesehen?“ Was der Polizeibeamte verneinte und wiederholte: „Nein, ich habe keinen der vier BMW-Insassen an den Unfallfahrzeugen gesehen.“

Nun wird ein Behandlungsprotokoll des Angeklagten Sebastian M. verlesen. Darin bestätigt ein Allgemeinmediziner, dass er „psychisch stark mitgenommen“ in seiner Praxis erschienen sei. Der Patient habe angegeben, wenige Tage zuvor als Ersthelfer bei einem tödlichen Unfall geholfen zu haben. Auch weitere Ärztestellungnahmen werden verlesen, die zahlreiche psychische Auswirkungen aufgrund des Unfall bescheinigen.

Zum Ende des Prozesstages stellt Anwalt Michel weitere Beweisanträge. So beantragt er einen Zeugen, der seiner Einschätzung nach bezeugen kann, dass sein Mandant Erste Hilfe geleistet hatte. Auch Harald Baron von Koskull unterstützt die Ladung des Zeugen, der laut von Koskull die Behauptungen, zwischen den BMW-Fahrern seien Absprachen getroffen worden, entkräften könne.

Zudem will Michel aufgrund des Zeugenaufrufs in den Medien direkt nach dem Unfall einen Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd in den Zuegenstand laden lassen. Als Begründung gibt er an, dass der Zeugenaufruf einige der Zeugen in ihren Wahrnehmungen beeinflusst haben könnte.

Zudem beantragt der Anwalt, dass der Fotograf der OVB-Heimatzeitungen, der Fotos von der Unfallstelle gemacht hatte, alle Aufnahmen dem Gericht zur Verfügung stellen soll. Außerdem beantragt er mehrere Gutachten, unter anderem eines, dass sich mit bewussten und unterbewussten Verhandlungen befassen und somit unter anderem seinen Mandanten in puncto Reaktionen kurz vor dem Unfall entlasten soll.

Update 15.05 Uhr: Zweiter Angeklagter nach Unfall bei Drift im Kreisel erwischt

Nun geht es um ein Vergehen des Angeklagten Sebastian M., der rund ein halbes Jahr nach dem tödlichen Unfall auf der Miesbacher Straße in Rosenheim mit seinem BMW durch einen Kreisverkehr im niederbayerischen Geiselhöring gedriftet sein soll. Er habe dort die Kontrolle über seinen BMW verloren und „hat dann sozusagen im Kreisverkehr gewendet“, sagt der Polizist, der damals vor Ort gewesen ist, im Zeugenstand aus. Auf die Frage, was er da im Kreisverkehr mache, habe der Angeklage angegeben: „Es war nur Spaß.“

„Warum haben Sie denn eigentlich angehalten“, will M.s Verteidiger Dr. Andreas Michel wissen. „Aufgrund seines verkehrswidrigen Verhaltens“, sagt der Polizeibeamte. Nachdem Michel anzweifelt, ob sein Mandant damals von den Polizisten ausreichend belehrt worden ist und zudem Zweifel am Protokoll hegt, legt er Einspruch gegen die Verwertung der Aussage ein.

Update 14.06 Uhr: Immer wieder die Frage, ob es ein Autorennen war oder nicht

Als nächster Zeuge sagt ein Polizist aus, der bei der Vernehmung des Unfallfahrers Simon H. (27) aus Ulm anwesend war und das Protokoll angefertigt hatte. „Der Beschuldigte war physisch und psychisch sehr angeschlagen“, erinnert sich der Polizist. „Die ersten Dinge, die er gesagt hat, waren nur bruchstückhaft.“ Im Lauf der Vernehmung, die immer wieder unterbrochen werden musste, habe der Ulmer die Vermutung geäußert, dass die beiden BMW-Fahrer ein Rennen mit ihm fahren wollten.

Auch mit dem Angeklagten Sebastian M. hatte der Polizeibeamte Kontakt. Dieser sei „sehr kooperativ“ gewesen und habe aufgrund der Erlebnisse einen „desolaten Eindruck“ gemacht.

Richter Zenkel fragt bei dem Polizisten nach, wie eigentlich verschiedene Aktenvermerke zustande kommen. „Wenn Sie einem Befragten beispielsweise einen ,desolaten Zustand' bescheinigen, auf was beruht diese Angabe? Haben Sie dazu eine entsprechende Ausbildung“, wollte der Richter wissen. „Das sind Erfahrungswerte und persönliche Eindrücke“, erklärt der Polizist.

Update 13.40 Uhr: Polizist berichtet Details zum Unfallhergang

Nach der Mittagspause sagt ein weiterer Polizist aus, der am 20. November 2016 mit der ersten Streifenbesatzung an den Unfallort gekommen war. Beim Eintreffen seien Helfer gerade dabei gewesen, die Fahrerin des Nissan Micra, Melanie Rüth (21), zu reanimieren.

Er sei als erstes zum verletzten Fahrer des VW-Golf, Simon H. (27), gegangen, der ihm gegenüber geäußert habe, dass sich vor ihm zwei BMW-Fahrer ein Rennen geliefert hätten. Nach Angaben des Polizisten gab der Ulmer zudem an, dass einer der beiden BMW stark gebremst hätte, weshalb H. dann auf die Gegenfahrbahn ausgewichen sei.

Update 10.58 Uhr - Polizist im Zeugenstand spricht von verbotenem Autorennen

Jetzt wird einer der Polizeibeamten in den Zeugenstand gerufen, der an diesem Abend Dienst in Rosenheim hatte und an der Kontrolle am 4. April 2018 beteiligt war. Kurz nach Mitternacht sei ihm und seinem Kollegen zwei BMW aufgefallen, die mit hoher Geschwindigkeit auf eine Kreuzung zugefahren seien. „Trotz geschlossener Scheiben haben ich beim Abbiegen das Quietschen der Reifen gehört“, sagt der Polizist. Daraufhin habe die Streifenbesatzung beschlossen, die „BMW im Augen zu behalten“.

Er und sein Kollege hätten dann beobachtet, wie die beiden BMW mit hoher Geschwindigkeit nebeneinander auf den Brückenberg gefahren seien und einer dann vor dem anderen ohne zu Blinken eingeschert sei. Aufgrund einer Baustelle sei das Tempo dort auf 30 km/h begrenzt gewesen. „Teilweise musste ich bis 80 km/h beschleunigen, um den Fahrzeugen zu folgen“, gibt der Polizist zu Protokoll, der letztlich aber nur einen BMW – das Gefährt von Daniel R. - stoppen konnte. Der andere Fahrer sei weggefahren.

„Meiner Meinung nach lag ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen vor“, erklärt der Polizist seine Handlungsweise, was der Angeklagte noch bei der Kontrolle mit „das ist lächerlich“ kommentiert habe. Nach Angaben eines Gutachters sei das Fahrzeug nicht zulassungsfähig gewesen. So sei beispielsweise die Bremsanlage nicht richtig montiert gewesen.

Richter Zenkel hakt beim Zeugen nach: „Was hat Sie dazu veranlasst, von einem Rennen auszugehen?“ Der Polizist sagt: „Für mich sah es so aus, als ob die beiden BMW-Fahrer sehen wollten, wer als erster die Kuppe des Brückenbergs erreicht“, antwortet der Polizeibeamte.

„Zudem sind sie bereits schnell um die Ecke gefahren und haben meiner Einschätzung nach weiter Gas gegeben.“ So habe sich seiner Meinung nach der Abstand zwischen des Polizeifahrzeugs und der BMW trotz einer Geschwindigkeit von rund 80 km/h seitens des Streifenwagens nicht oder nur kaum verringert. Vom zweiten BMW habe man zwar die Halteranschrift gekannt, der Fahrer sei aber nicht angetroffen worden.

Update 10.33 Uhr: Angeklagter bestreitet späteres illegales Autorennen

Nach einer Verhandlungspause nimmt der Angeklagte Daniel R. Stellung zu einem möglichen illegalen Straßenrennen in Rosenheim, das ebenfalls Bestandteil des Berufungsverfahrens ist. Denn wegen des Vorwurfs, sich am 4. April 2018 ein Straßenrennen mit einem Bekannten am Rosenheimer Brückenberg geliefert zu haben, wurde er Ende 2018 unter anderem zu einem Führerscheinentzug von 30 Monaten verurteilt.

Vor Gericht leugnet der Angeklagte, an einem Rennen beteiligt gewesen zu sein. Er gibt an, aufgrund zahlreicher Kontrollen gegenüber seiner Person versucht zu haben, den Polizisten an diesem Abend aus dem Weg zu gehen.

Den Fahrer des zweiten beteiligten BMW, der kurz vor der Kontrolle abgehauen war, will R. nach Angaben seines Anwalts Harald Baron von Koskull aber nicht angeben, obwohl Richter Zenkel diesen Mann als möglichen „Entlastungszeugen“ bezeichnet. „Es ist nicht die Art meines Mandanten, andere Leute zu denunzieren“, begründet von Koskull das Schweigen seines Mandanten.

"Dann kaufe ich mir einem Lamborghini und penetriere sie alle." Hat er das wirklich gesagt?

Richter Zenkel hält dem 25-Jährigen zudem die Aussage der Polizisten vor, als er während der Kontrolle telefoniert haben und zu seinem Gesprächspartner gesagt haben soll: „Und jetzt haben Sie mir schon wieder den Führerschein abgenommen. Aber ist mir egal. Dann gebe ich den Führerschein halt für vier bis fünf Jahre ab. Dann kaufe ich mir einem Lamborghini und penetriere sie alle.“

Eine Aussage, die R. teilweise bestätigt. Er habe diese Aussage nach eigenen Angaben „aus dem Affekt“ heraus getroffen. Eben „weil ich sauer war“. Denn um nicht kontrolliert zu werden, sei er in der Regel nicht mehr mit dem BMW, sondern mit dem Auto seiner Mutter oder seines Vaters gefahren. „Es war das erste Mal nach Längerem, dass ich wieder mit meinem BMW unterwegs gewesen bin“, gibt der Angeklagte zu Protokoll. Zudem leugnet er den Satzteil „und penetriere sie alle“.

Update 9.43 Uhr: Nicht über den Unfall gesprochen? Richter zweifelt Aussage von Angeklagtem an

Beim fünften Tag des Berufungsprozesses um den Unfalltod von Melanie Rüth (21) und Ramona Daxlberger (15) vom Samerberg vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts Traunstein unter dem Vorsitz von Richter Jürgen Zenkel sind heute sechs Zeugen geladen, die in erster Linie zu anderen Verkehrsauffälligkeiten der beiden Angeklagten Daniel R. (25) und Sebastian M. (26) aussagen sollen.

Angeklagter: Wir haben keine Absprachen getroffen

Zunächst gibt der Angeklagte Daniel R. aber eine Erklärung zu möglichen Angaben des neuen Zeugen ab, der angeblich Absprachen zwischen den Angeklagten und deren Beifahrer belauscht haben will. Der Mann soll kommenden Donnerstag vor Gericht aussagen.

„Wir waren an dem Tag nach dem Unfall gar nicht in der Waschanlage, erst am Tag darauf“, sagt der Angeklagte zu den Gerichten, wonach der neue Zeuge die Beteiligten am Tag nach dem Zusammenstoß belauscht haben soll. „In dem Raum konnte man uns gar nicht zuhören, außerdem haben wir keine Absprachen getroffen.“ Nur zwischendrin seien Angestellte des Betriebes, in dem sich die Männer aufgehalten hatte, in den Raum gekommen, um Geld zu wechseln. Daniel R.: „Das hat jeweils vielleicht 20 Sekunden gedauert.“

Ärger über sichergestellte Handys? Richter zweifelt Version an

Nach Angaben des Angeklagten ging es bei den Gesprächen zwischen den beiden Angeklagten und einem der Beifahrer darum, „dass unsere Handy sichergestellt worden sind“. Was Richter Zenkel kaum glauben kann: „Sie wollen uns jetzt erzählen, dass es nur um die sichergestellten Handys, und nicht um den Unfall gegangen ist? Woraufhin der Angeklagte erwidert: „Um den Unfall geht es seit drei Jahren immer wieder. An diesem Tag waren wir aber mehr verärgert darüber, dass die Handys sichergestellt worden sind.“

Eine Aussage, die Zenkel lauter werden lässt: „Jetzt hören sie doch auf! Zwei Tage nach so einem folgenschweren Unfall reden Sie über die Handys, und nicht über den Unfall?“ „Alle meine Freunde reden seit drei Jahren über diesen Unfall. Das Thema kommt immer wieder auf“, erwidert der Angeklagte. „Ich habe keinen Psychologen, mit dem ich das verarbeite, sondern ich rede mit meinen Freunden darüber, die mir dabei helfen.“

Doch Zenkel möchte es nun genau wissen: „Haben Sie sich abgesprochen?“, fragte er Daniel R., was dieser verneint. Auch auf die Nachfrage des Richters, ob sich die Gruppe abgsprochen habe, nachdem sich als Beschuldigte geführt wurde, gibt R. An: „Nein, wir haben schon immer so über den Unfall geredet, wie es wirklich war.“

Die Erstmeldung zum fünften Prozesstag

Rosenheim/Traunstein – Am vergangenen Prozesstag hat die Nebenklage, die Familien der beiden beim Unfall getöteten jungen Frauen, beantragt, einen neuen Zeugen zuzulassen. Er soll kurz nach dem Unfall mitbekommen haben, wie sich die Angeklagten abgesprochen haben. Der Zeuge hat dem Vernehmen nach auch schon früher bei der Polizei ausgesagt.

War es ein illegales Autorennen oder nicht?

Im Berufungsprozess geht es um die Frage, ob die Angeklagten ein illegales Autorennen veranstaltet haben, als der Unfall passierte. Die Angeklagten und ihre Verteidiger bestreiten dies. Zum Prozessauftakt hatten sie ihr Schweigen gebrochen. Die Eltern der Verstorbenen schenken den Aussagen keinen Glauben.

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Der Unfall passierte im November 2016. Die beiden Angeklagten aus dem Landkreis Rosenheim waren mit ihren BMWs auf der Miesbacher Straße in Rosenheim unterwegs, als ein Golf mit einem Fahrer aus Ulm zum Überholen ansetzte. Er krachte schließlich im Gegenverkehr in den Nissan Micra, in dem Lena und Ramona Daxlberger sowie Melanie Rüth. Nur Lena Daxlberger überlebte den Unfall schwer verletzt.

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