Sägen am Baumschutz

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Ein Kahlschlag in Wolfratshausen sorgte 2011 für Entsetzen. In der Stadt gibt es bis jetzt keine Baumschutzverordnung. Foto: Hermsdorf-hiss

Sägen, bis das Amt kommt? Verordnungen, die die Bäume vor wilden Abholzungen schützen sollen, sind in vielen Gemeinden ein Politikum. Mancherorts wird aus Angst vor Grundstücksbesitzern lieber erst gar nichts unternommen.

VERBOTSREGELN AUF DER KIPPE

von dirk walter

München – Haimhausen hat etwas, was es sonst nirgendwo im Landkreis Dachau gibt: In dem Dorf mit 5500 Einwohnern sind die Bäume geschützt. Steht ein Laubbaum, gemessen in 1,30 Meter Höhe, mit mehr als 80 Zentimeter Stammumfang im Garten, muss der Bürger einen Antrag stellen, bevor er zur Säge greift. So steht es in der Baumschutzverordnung. Die Erfahrungen, sagt Bürgermeister Peter Fellmeier (CSU), seien positiv. Ein Mitarbeiter des Bauamts schaut sich den Baum an, dann wird entschieden. „Oft sind wir großzügig.“ Aber: Wird die Fällung erlaubt, muss der Eigentümer einen Ersatzbaum pflanzen oder Geld an die Gemeinde zahlen – die dann anderswo einen Baum pflanzt.

So unproblematisch wie in Haimhausen wird das mit dem Paragrafenwerk namens Baumschutzverordnung nicht überall gesehen. Der Streit eskalierte jüngst in Schweinfurt, wo CSU, FDP und AfD die Verordnung kippten. Ein Bürgerentscheid am vergangenen Sonntag fiel zwar zugunsten der Baumschutzverordnung aus, scheiterte jedoch wegen zu geringer Wahlbeteiligung am sogenannten Quorum. Dennoch: „Wir hoffen, dass das Signal politisch verstanden wird“, hofft Richard Mergner, Landesbeauftragter des Bund Naturschutz in Bayern. Der Stadtrat müsse den Beschluss rückgängig machen.

Stadtbäume hätten angesichts zunehmender Versiegelung eine wichtige Rolle, erklärt der Bund Naturschutz. Ein einziger Laubbaum mit 15 Meter Kronendurchmesser kann mit seinem Schatten 160 Quadratmeter Fläche kühlen. Ein Laubbaum verdunstet zudem an einem Sommertag 400 Liter Wasser und entzieht der Luft Wärme.

Schweinfurt steht indes mit seiner Entscheidung, den Baumschutz zu kippen, nicht ganz alleine da. In Starnberg wurde die Verordnung schon 2013 abgeschafft. In den meisten Gemeinden gab es noch nie eine Verordnung. Zahlen für Bayern liegen nicht vor, der Gemeindetag schätzt die Zahl der Verordnungen auf 200 bis 300, der Bund Naturschutz kommt auf 700 – bei 2056 Kommunen insgesamt. In den Großstädten ist der Baumschutz üblich: München, Augsburg und Nürnberg haben Verordnungen. Schwierig wird es, wenn Gemeinden die Verordnung neu einführen wollen. Es würden wohl viele Grundstücksbesitzer noch schnell zur Axt greifen, bevor so eine Regel in Kraft trete, fürchtet zum Beispiel der Wolfratshauser Bürgermeister Klaus Heilinglechner – in der Stadt hatten jüngst die Grünen den Erlass einer Verordnung gefordert. In Erding gab es, nach zwei Kahlschlägen auf großen Grundstücken, Forderungen nach einer Verordnung. Die CSU ließ den Plan fallen – zu aufwändig, zu viele Kontrollen. Einige Kilometer südlich in Taufkirchen (Kreis München) steht der Baumschutz auf der Kippe – die bestehende Verordnung aus dem Jahr 1993 soll entschärft werden. Kurios verlief die Entwicklung in Gröbenzell (Kreis Fürstenfeldbruck), wo es eine Verordnung schon seit 1978 gab. Sie wurde 2010 entschärft und das Verbot zur Entnahme von Nadelbäumen gefällt. 2017 dann die Rolle rückwärts: Nadelbäume sind jetzt wieder geschützt, aber nur, wenn sie – gemessen ein Meter über dem Boden – einen Stammumfang von mindestens 60 Zentimeter haben.

Überhaupt beweisen viele Gemeinden in ihren Verordnungen Mut zum Detail. Eine Mustersatzung gibt es nämlich nicht, jede Gemeinde formuliert ihre Verordnung ein bisschen anders. In München etwa sind Bäume mit einem Stammumfang ab 80 Zentimeter für die Säge tabu, Obstbäume von der Verordnung ausgenommen, Walnussbäume aber nicht. In Maisach (Kreis Fürstenfeldbruck) dürfen Fichten umgesägt werden. „Es gibt keine Ausnahme für Fichten oder Birken“, stellt dagegen die Gemeinde Vaterstetten (Kreis Ebersberg) klar. Die Gemeinde Emmering (Kreis Fürstenfeldbruck) schützt Eichen und Buchen schon ab Stammumfang 50 Zentimeter.

Und Haimhausen im Landkreis Dachau ist wieder mal Vorreiter: Dort sind auch größere Hecken vor Rodung geschützt.

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