Prozessauftakt zum Unfalltod von Ramona und Melanie

Ramonas Mutter über Angeklagten: "Er stellt sich als Unschuldslamm hin, und uns sind die Kinder gestorben"

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Der Prozess in Traunstein hat pünktlich um 9.30 Uhr begonnen. Die Angeklagten nehmen mit ihren Verteidigern im Gerichtssaal Platz.
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Überraschung am ersten Tag des Berufungsprozesses um den Unfalltod von Ramona Daxlberger und Melanie Rüth vom Samerberg: Im ersten Prozess hatten die Angeklagten nichts gesagt, nun brechen sie ihr Schweigen. Die Eltern der Unfallopfer waren im Gerichtssaal und schenken den Aussagen wenig Glauben.

Update 15.38 Uhr: Die Eltern der Unfallopfer bezweifeln die Aussagen der Angeklagten

Die Angeklagten hätten "sehr viel früher" aussagen sollen, sagt Ralf Rüth, der Vater der toten Melanie Rüth. "Die wollen jetzt auch menschlicher dastehen, um damit die Strafe vielleicht zu verringern."

Der Vater findet sich "gut aufgehoben" am Landgericht Traunstein. Das Rechtsgespräch hinter verschlossener Tür sei jedoch "nicht besonders gut vorbereitet gewesen", wie die eigenen Anwälte den Angehörigen der Opfer mitgeteilt hätten.

Lesen Sie hier die Zusammenfassung und weitere Details vom ersten Prozesstag in Traunstein

Würde er einem "Deal" zustimmen? "Das würden wir auf gar keinen Fall. Es sind da zwei junge Mädchen aus dem Leben geschieden", sagt der Vater. Seine Stimme bricht an dieser Stelle.

Wie wichtig war es ihm heute zu erfahren, ob und wie die Angeklagten an der Unfallstelle Erste Hilfe geleistet haben? "Das sagt einfach etwas über das Verantwortungsgefühl von Menschen", sagt Rüth. Ramona Daxlberger habe direkt nach dem Unfall noch gelebt, sei ansprechbar gewesen. Zur Aussage des Angeklagten Daniel M., den Kopf von Melanie Rüth gehalten zu haben, sagt der Vater aufgrund von früheren Zeugenaussagen: "Das glaube ich einfach nicht."

Franz und Manuela Daxlberger, die Eltern der toten Ramona Daxlberger und ihrer Schwester Lena, die den Unfall schwerst verletzt überlebt hat, gehen mit einem "guten Gefühl" aus dem ersten Verhandlungstag. Auch sie fühlen sich am Landgericht Traunstein gut aufgehoben. Die Mutter sagt, es würde "in die Richtung eines Autorennens" gehen, was sich vor dem Unfall abgespielt habe.

Der Vater sagt, er sei "schon überrascht" davon, dass die Angeklagten am ersten Verhandlungstag ihr Schweigen gebrochen haben. Wenn sie das gleich getan hätten, "wäre vieles vielleicht anders gelaufen".

Manuela Daxlberger hat es "als schmerzhaft empfunden", dass die Angeklagten nun behaupten, sie würden in der Öffentlichkeit gemobbt. "Das ist absolut nichts, was von uns kommt", sagt die Mutter. "Er ist wieder ein Rennen gefahren, bei dem er auch erwischt wurde", sagt sie über den Angeklagten Daniel R. Da müsse er sich nicht wundern, wenn sich die Menschen fragen, was das solle. "Er stellt sich als Unschuldslamm hin, und uns sind die Kinder gestorben."

Update 15.02 Uhr: So schätzen die Verteidiger der Angeklagten den ersten Prozesstag ein

Dr. Harald Baron von Koskull, der Strafverteidiger von Daniel R., sagt, er wolle verhindern, dass sich sein Mandant durch Aussagen in Widersprüche verstricke. Dennoch begrüßt er es, dass Daniel R. heute vor Gericht ausgesagt hat. "Es war ihm ein Anliegen, sich zu äußern. Er hat sich heute geöffnet, was er schon immer wollte." Das sei aber durch die Vielzahl der bisherigen Verfahren schwierig gewesen, ohne sich – unabsichtlich – in Widersprüche verwickeln zu lassen. "Heute haben wir authentisch das erlebt, was der Angeklagte zu sagen hat", kommentiert der Strafverteidiger die Aussage seines Mandanten.

Zum Rechtsgespräch sagt von Koskull: "Mein Ziel war es zu sondieren, ob es möglich ist, für alle Prozessbeteiligten das Verfahren zu straffen und ob man auf gewisse Teile der Beweisaufnahme verzichten kann." Das sage er auch mit Blick auf die Opfer und deren Familien. "Ich habe andere Vorstellungen von Trauerarbeit als das, was mit den beiden Familien geschieht momentan."

Dr. Andreas Michel ist der V erteidiger von Sebastian M. Er sagt zum ersten Prozesstag, dieser sei "völlig neutral" zu sehen. Sein Mandant sei seit dem Unfall schwer psychisch belastet. Michel erhofft sich einen "ordentlichen, fairen Prozess ohne Emotionen, wie es in der Vergangenheit der Fall war - vor allen Dingen ohne Beschimpfungen über Facebook etc..."

Update 14.16 Uhr: Die Aussage von Sebastian M.

Der Angeklagte Sebastian M. lässt durch seinen Anwalt eine Stellungnahme zum Unfall verlesen und antwortet dann auf die Fragen des Gerichts. Ob er beim Unfallgeschehen gebremst oder beschleunigt habe, wisse er nicht mehr. An einem illegalen Autorennen teilgenommen zu haben, bestreitet der Angeklagte.

Er gibt dem Golf-Fahrer aus Ulm, der überholt hat, die Schuld an dem Unfall. Sebastian M. habe gedacht, der andere sei "verrückt, hier zu überholen". Dann sei auch schon der Unfall passiert. Er habe direkt nach dem Unfall seinen Wagen zum Stehen gebracht und sei zu den Unfallautos gelaufen.

Noch heute leide er unter den Folgen des Unfalls und befinde sich in psychologischer Behandlung. Der innere Film des Unfalles laufe "immer wieder" vor seinem geistigen Auge ab.

Update um 13.10 Uhr: Die Angeklagten sagen aus, der erste Prozesstag endet

Daniel R. sagt aus: "Ich habe bemerkt, dass Gegenverkehr kommt. Schätze, dass er (der Überholende, Anm. d. Red.) da auf Höhe von M. war.“ Zu seinem Beifahrer habe er noch gesagt: "Was macht der denn da?" Daniel R. habe für das überholende Fahrzeug nicht gebremst, weil dieses noch hinter ihm gewesen sei. Er habe damit gerechnet, dass der Wagen hinter ihm einscheren könnte. Dann kam es zum Unfall.

Die Situation danach beschreibt Daniel R. so: Er habe sofort angehalten, sei zum Unfallort gelaufen und habe mit dem Handy Licht gemacht. Er sei der erste am Auto der drei jungen Frauen gewesen. Habe Schreie gehört. Das Mädchen auf der Rückbank habe geschrien, dass sie ihre Füße nicht spüre.

Die Verletzte war Lena Daxlberger, die einzige Überlebende im Nissan Micra. Auch sie hat heute vor Gericht ausgesagt. An das Unfallgeschehen könne sie sich nicht mehr erinnern. Erst im Krankenhaus sei sie wieder zu Bewusstsein gekommen.

Lena Daxlberger ist auch heute, knapp drei Jahre nach dem Unfall, noch vom Schockerlebnis gezeichnet. Sie leide körperlich und seelisch unter dem Unfall. Mehr als drei Stunden könne sie sich auf keine Tätigkeit konzentrieren. Dann müsse sich sich hinlegen und schlafen. Auch körperliche Schmerzen habe sie noch heute durch die lebensgefährlichen Verletzungen, die sie beim Unfall im November 2016 erlitten hatte.

Nach den Aussagen der Angeklagten und von Lena Daxlberger beendet der Richter den ersten Prozesstag.

Update um 11.05 Uhr: Prozessbeteiligte ziehen sich für Rechtsgespräch zurück

Im Berufungsprozess werden drei Verfahren zusammengefasst. Es soll nicht nur die Rolle der Angeklagten Daniel R. und Sebastian M. aus dem Landkreis Rosenheim beim Unfalltod von Ramona Daxlberger und Melanie Rüth geklärt werden. Auch das andere laufende Verfahren gegen Daniel R. wegen eines illegalen Autorennens in Rosenheim nach dem Unfall wird nun in Traunstein verhandelt.

Der Vorsitzende Richter Dr. Jürgen Zenkel hat zu Prozessbeginn Auszüge aus dem Urteil des Amtsgerichts Rosenheim verlesen. Im ersten Verfahren war Daniel R. wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Sebastian M. wurde ebenfalls zu einer Haftstrafe verurteilt wegen fahrlässiger Tötung und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs.

Den Vorsatz hatte ihm das Gericht angelastet, weil er durch das Beschleunigen seines BMW bewusst dafür gesorgt haben soll, dass der Fahrer eines VW Golf aus Ulm bei einem Überholvorgang nicht mehr einscheren konnte. Daraufhin war der Ulmer frontal in den Nissan Micra gekracht, in dem Melanie Rüth sowie Ramona und Lena Daxlberger saßen.

Nach seinen Ausführungen im heutigen Prozess in Traunstein will Richter Zenkel von den Angeklagten wissen, ob sie sich zu den Vorwürfen äußern wollen. Daraufhin beantragt der Rechtsanwalt Dr. Andreas Michel, Verteidiger von Sebastian M., ein sogenanntes Rechtsgespräch. Die Verteidiger, die Staatsanwaltschaft, der Richter und die Vertreter der Nebenkläger ziehen sich daraufhin zu einem Gespräch zurück.

Update um 9.55 Uhr: Die Angeklagten und Nebenkläger treffen ein

Der Berufungsprozess vor dem Landgericht Traunstein hat begonnen. Die Angeklagten sind mit ihren Verteidigern im Gerichtssaal erschienen. Auch die Angehörigen der Unfallopfer und Lena Daxlberger, die den Unfall 2016 schwer verletzt überlebt hat, ist vor Ort. Sie haben mit ihren Anwälten als Nebenkläger im Gerichtssaal Platz genommen.

Im ersten Prozess im Jahr 2018 war es vor Verhandlungsbeginn zu einem Eklat gekommen. Wie Medien damals übereinstimmend berichteten, soll einer der Väter der Unfallopfer auf den Angeklagten Daniel R. zugegangen sein und ihm ein Foto seiner Tochter vorgehalten haben. "Das dürfen Sie jemand anderem zeigen", soll der Angeklagte damals ungerührt gesagt haben. Das äußerlich unbeteiligte, emotional abwesende Verhalten der Angeklagten im ersten Prozess hatte mehrfach für Aufsehen gesorgt.

Die Nebenkläger im Gerichtssaal in Traunstein.

Daniel R. wurde kurz vor Beginn des ersten Prozesses am Amtsgericht Rosenheim sogar von der Polizei erwischt, wie er mit überhöhter Geschwindigkeit in Rosenheim unterwegs war. Die Beamten nahmen ihm damals den Führerschein weg. Medienberichten zufolge soll sich der Angeklagte damals ein illegales Autorennen geliefert haben. Dieser Vorwurf steht auch im Prozess um den Unfalltod von Ramona Daxlberger und Melanie Rüth im Raum.

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Traunstein/Rosenheim – Haben die beiden angeklagten Männer aus dem Landkreis Rosenheim durch verantwortungsloses Fahrverhalten den Tod von Ramona Daxlberger (15) und Melanie Rüth (21) verursacht? In erster Instanz waren die Männer zu Haftstrafen verurteilt worden.

Nun wird der Fall in einer Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Traunstein erneut aufgerollt. Der Prozess beginnt am Donnerstag, 10. Oktober, um 9.30 Uhr.

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An sieben Prozesstagen sollen insgesamt 31 Zeugen aussagen. Dann muss das Gericht entscheiden, ob die Angeklagten eine Schuld am Tod von Ramona und Melanie tragen.

Im ersten Prozess haben die Angeklagten bisher eisern geschwiegen. Werden sie in der Berufung Angaben zum Unfall machen, der die beiden Freundinnen vom Samerberg das Leben kostete?

Diese Kreuz wollen die Familien von Ramona Daxlberger und Melanie Rüth auf einer Alm zum Gedenken aufstellen.

Sachverständiger schildert Erkenntnisse zur Unfallursache

Es ist kurz nach 21 Uhr, als am 20. November 2016 ein roter VW Golf mit hoher Geschwindigkeit auf der Miesbacher Straße in Rosenheim auf der Gegenfahrbahn frontal in den grünen Nissan Micra der Samerbergerin Melanie Rüth rast. Die 21-Jährige stirbt noch an der Unfallstelle, ihre 15-jährige Freundin und Nachbarin Ramona Daxlberger, die auf dem Rücksitz des Fahrzeugs gesessen hatte, wenig später im Krankenhaus.

Ramona Daxlberger (links) und Melanie Rüth: Die Freundinnen kamen bei einem Autounfall am 20. November 2016 ums Leben.

Ramonas Schwester Lena, damals 19 Jahre alt und ebenfalls Insassin im Micra, überlebt den Unfall schwer verletzt, ebenso wie der Fahrer des VW Golf, ein damals 24-jähriger Mann aus Ulm.

Weitere Informationen zum Unfall:

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Angeblich haben die beiden Angeklagten den Fahrer des VW Golf bei einem Überholvorgang nicht einscheren lassen. Bisher haben sie zu dem Tatvorwurf vor Gericht geschwiegen. Werden sie ihr Schweigen nun brechen? Am ersten Prozesstag soll ein Sachverständiger die neuesten Erkenntnisse zum Unfallhergang schildern.

Wir berichten an dieser Stelle über den Verlauf des Prozessauftaktes.

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