Revolutionskämpfe vor der Haustür

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Schusswechsel, Straßenkämpfe, Tote – all das erlebte der Münchner Junglehrer Friedrich Lüers 1919 vor der eigenen Haustür. In einem Tagebuch schrieb er seine Eindrücke hautnah nieder – ein beeindruckendes Zeitdokument.

Von Dirk Walter

Der damals 26 Jahre alte Münchner Junglehrer Friedrich Lüers (1892–1963) führte in der Revolutionszeit gewissenhaft Tagebuch – spannende Schilderungen, die uns sein Sohn Arnulf aus Kolbermoor überlassen hat. Im zweiten Teil dieser Dokumentation berichtet Lüers über die letzten Tage der Revolution, während der er viele Schießereien hautnah miterlebte. Sie zogen sich, was wenig bekannt ist, eine ganze Woche lang hin.

Eine Woche Ausnahmezustand in München also. Immer wieder kam es vor der Wohnung des jungvermählten Ehepaares Lüers, das am Stiglmaierplatz lebte, zu Kampfhandlungen, Schusswechseln, Hausdurchsuchungen – Szenen, die sich vielen Bürgern in München auf Jahre hinweg ins Gedächtnis einprägten und zu einem Bild der Revolution als einer blutigen, chaotischen, ganz und gar unbayerischen Angelegenheit beitrugen. Das gewaltsame Ende überdeckte also quasi den friedlichen Beginn der Revolution.

Im April 1919 ist das Ehepaar zunächst in Tirol auf Hochzeitsreise. Friedrich Lüers berichtet:

Von 13. bis 22. April hörten wir über die Zustände in Bayern nichts Authentisches. Nur die Innsbrucker Zeitungen berichteten die schauerlichsten Dinge von München. Wir rechneten auf unserem ganzen Rückweg damit, dass unsere Wohnung ausgeplündert sei.

23. April 1919: Bei unserer Heimkehr abends fanden wir alles in bester Ordnung.

29. April 1919: Durch einen Anruf Vaters erfahre ich, dass die Weiße Württemberger Garde bereits in Planegg ist.

30. April 1919: Nach Unterrichtsstunden zuhause gehe ich in die Stadt. Keine Tram fährt und es ist Generalstreik. Dann höre ich, dass an allen Fronten die Rote Garde zurückgeschlagen wird und dass die Weißen Raum gewinnen und mit großen Kalibern schießen.

1. Mai 1919: Ein Schuss weckt uns. Um halb acht zum Bahnhof (...) Am Stachus besprach eine Gruppe Menschen aufgeregt die traurige Gemeinheit, dass noch in der Nacht aus Rache zehn Geiseln im Luitpold-Gymnasium auf die schändlichste Weise umgebracht worden seien.

Es ist interessant, dass Lüers von den Geiselerschießungen sogleich erfuhr – sie waren offenbar Tagesgespräch in München. Die Geiselerschießungen waren wohl das wirkmächtigste Beispiel für den „Roten Terror“, von dem sich das Münchner Bürgertum bedroht wähnte. Tatsächlich war es eine singuläre Tat. Zwei „Weißgardisten“ waren am Morgen des 30. April 1919 durch ein Erschießungskommando hingerichtet worden, nachdem erste Nachrichten über Gräueltaten der Regierungstruppen bekannt geworden waren. Die Erschießungen am Nachmittag desselben Tages sollen vom Oberkommandierenden der Roten Armee, Rudolf Egelhofer, angeordnet worden sein. Ihnen fielen acht weitere Gefangene, darunter die Mitglieder der rechtsextremen Thule-Gesellschaft, Haila Gräfin von Westarp und Friedrich Wilhelm Freiherr von Seydlitz, zum Opfer. Besonders tragisch war die Hinrichtung des Professors und Kunstmalers Ernst Berger, der lediglich wegen öffentlicher Unmutsäußerungen verhaftet worden war. Wenig bekannt ist, dass die Täter, darunter der lokale Kommandeur Fritz Seidel, nach dem Ende der Revolution, verurteilt und ebenfalls hingerichtet wurden.

Lüers berichtet weiter:

Mittags kam trotz alledem Onkel zu uns zum Essen, berichtete aber, dass am Odeonsplatz eine wilde Schießerei sei. (...) Nach dem Essen begleitete ich Onkel in die Brienner Straße hinein. Am Café Schleich Arco Palais stand eine ziemliche Menschenmenge und bei näherem Zusehen dahinter ein Soldat mit Stahlhelm und Zivilisten mit weißen Armbinden. Die Häuser der Umgebung hatten sämtlich weiß-blau geflaggt. (...) Später am Nachmittag konnte man vom Stiglmaierplatz aus ein heftiges Feuergefecht bei der Marsstraße beobachten. Mit schwerem MG wurde das Polizeigebäude beschossen, so dass die Straße dort eine Staub- und Rauchwolke war.

2. Mai 1919: Morgens weckte uns ein Schuss in nächster Nähe. (...) Von 8 Uhr an hörte man in allernächster Entfernung unausgesetzt Kanonendonner. Mehrmals gehe ich auf dem Platz hinunter (...) Es hieß, die Weißen seien gestern Abend geschlagen worden, ein Panzerzug sei den Weißen zerschossen worden und außerdem seien 40 000 Rote zur Verstärkung unterwegs. (...) Um 11.30 Uhr war ich nochmals unten und ging mit einem ganz radikalen Kerl die Nymphenburger Straße hinauf bis zur Lothstraße. Beim Zurückgehen brachten sie aus der Pappenheimer Straße einen Angeschossenen und erzählten, dass an der Karl-Sand-Straße ebenfalls zwei erschossen worden seien.

Von seiner Wohnung aus beobachtet Lüers in den folgenden Stunden Schusswechsel, er beschreibt auch, wie in einem Nachbarhaus Granaten einschlagen und fürchtet auch für seine Wohnung das Schlimmste.

Von der Telegrammtafel aus feuerten ein paar Rote mit Gewehren zum Panzerauto hinauf, das lebhaft antwortete. Dem einen zertrümmerte es das Gewehr (...) wir gingen inzwischen daran, das Notwendigste zusammenzupacken, für den Fall, dass auch unser Haus unter Feuer genommen würde. Yella (seine Frau) stand am Fenster, ich packte am Tisch ein. Da sagte Yella plötzlich: Jetzt hat’s ihn! Ich sah gerade noch, wie sie ihn beim Bein zurückschleiften. (...) Die Artilleriebeschießung war inzwischen so intensiv geworden und die Hausbewohner kamen von oben bereits herunter, sodass wir es auch vorzogen, in den Keller zu gehen. (...) Vom Keller aus hörte man nun eine regelrechte Feldschlacht, bis der Sohn von Maier berichtete, dass die Löwenbrauerei schwer beschossen werde, weil von der Mälzerei herunter die Roten feuerten. Gleich darauf hieß es, die Weißen stürmen, und im nächsten Augenblick, als ich hinaufging, standen auch schon 15 Mann mit Stahlhelmen im Hof und wollten das Haus nach roten Kunden durchsuchen.

Schließlich gehen die Eheleute Lüers wieder hinauf in ihre Wohnung. Bis auf einen Querschläger, der in einem Zimmer eingeschlagen war, blieb alles heil. Lüers sucht das Gespräch mit den „weißen“ Soldaten.

Die Hausmeisterin erzählte von der Erschießung von zwei Roten vor unserem Haus. Zunächst warfen wir etwas Brot und Tabak hinunter (...) Ich brachte dann noch einige Kleinigkeiten zum Essen mit hinunter und einen Oberveterinär Paul Hahn vom Freikorps Görlitz mit hinauf, dem wir dann Tee und einige Kleinigkeiten zum Essen anboten. Er bestätigte uns den Verlust des Panzerzuges, jedoch die glatte Einnahme von Dachau. Inzwischen war auf dem Platz ein Geschütz in Stellung gebracht worden, das einen Schuss in die Schleißheimer Straße abließ. Auch mit dem MG und Infanterie feuerten sie hinunter. Allmählich trat Ruhe ein und die ganze Fuhrkolonne und Batterie rückte in die Dachauer Straße vor, nachdem zuerst einige Reiter im wüsten Galopp vorgesprengt waren.

Dann beobachtet Lüers noch eine Gefangennahme:

(Es) wurden drei geführt mit über den Kopf gekreuzten Händen.

3. Mai 1919: Aufgewacht durch Schießerei. (...) Jetzt ist München wieder befreit von den schlechten Leuten. (...) Da und dort lebte das Feuergefecht schwach wieder auf. (...) Kurz vor zwölf kam der Onkel und erzählte, dass drüben an der Ecke Schleißheimer/Dachauer Straße ein Mann erschossen liege. (...) Der Mann, der beim Zigarettengeschäft lag, war um 5 Uhr (d.h. 17 Uhr) weg. Er soll mit Handgranaten auf die Weißen haben werfen wollen und sei dort standrechtlich erschossen worden.

4. Mai 1919: Nach Tisch gingen wir zusammen durch die Stadt (...) Auf dem Rückweg hörten wir aus dem Westen, also unserem Viertel, lebhafte Schießerei, und als wir zum Königsplatz kamen, war die Gaudi schon wieder fertig. (...) Zwischen Karlsplatz und Stiglmaierplatz bekamen wir Feuer von links aus dem Gerümpel heraus, dass die Kugeln nur so pfiffen. Kaum waren wir wieder daheim, als eine wüste Schießerei losging (...) Im Stiegenhaus ging’s lebhaft zu, ein Leutnant mit einem Mann kam heraufgerannt zum 4. Stock, da angeblich daraus geschossen worden war.

Im weiteren Verlauf berichtet Lüers über verschiedene Unterhaltungen mit den umliegenden „weißen“ Truppführern, denen er seine Vermutungen über versteckte „rote“ MG-Stellungen mitteilt. Er ist jetzt ganz auf Seiten der Gegenrevolution.

5. Mai 1919: Unser Haus wird zwei Mal durchsucht. (...) Das Haus war inzwischen so streng abgesperrt, dass Onkel nicht einmal zum Essen kommen konnte. (...) Gegen Abend, als ich noch zu Lan-dauers ging, war die Augustenstraße wegen Haussuchungen gesperrt. 10 Uhr nachts fielen wieder einige Schüsse, die aber von den Regierungstruppen unbeantwortet blieben. (...) Es ist eine auffallende Tatsache, aber sie kann nicht geleugnet werden, dass die Schüsse der Regierungstruppen ohne Weiteres von denen der Gegner unterschieden werden konnten. Die der Regierungstruppen hallen dumpf, fast wie Kanonenschüsse, die anderen heller, mehr klatschend.

Mit diesen Passagen enden die Aufzeichnungen von Lüers über die Revolution.

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