Der revolutionäre Landwirt

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Ludwig Gandorfer starb am 10. November 1918. Die Zeichnung stammt aus der „Neuen Freien Volks-Zeitung“.

bayern & seine geschichten Agitatoren im Niederbayerischen: Neues zu den Brüdern Gandorfer

Ludwig Gandorfer ist eine Legende. Bauernführer, Revolutionsheld – das sind die Stichworte, unter denen der früh am 10. November 1918 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Landwirt und Agitator aus Pfaffenberg (heute Landkreis Straubing-Bogen) im historischen Gedächtnis Bayerns gespeichert ist. Zusammen mit seinem Bruder Karl (1875-1932) war der Niederbayer einer von ganz wenigen Landwirten, die sich der von Kurt Eisner ausgerufenen Revolution 1918 nicht verschlossen – ja mehr noch: die aktiv mitmachten.

Das mit dem Bauernrebell ist jedoch so eine Sache, wie jetzt der Historiker Johann Kirchinger in einem Aufsatz für die „Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte“ (Heft 3/2012) nachgewiesen hat. Rebell war Gandorfer wohl, aber Bauer? Kirchinger ist ein Quereinsteiger in der Historikerzunft, er ist selber Nebenerwerbslandwirt und spezialisiert auf die Erforschung bäuerlicher Lebenswelten. Seine Studie zeigt, „dass Ludwig Gandorfer nie der ,Bauernführer‘ war, als der er in der Forschung zur Geschichte der Novemberrevolution in Bayern be- und gezeichnet wird“. Gandorfer sei zum Revolutionshelden bewusst stilisiert worden, so Kirchinger weiter, der Ludwig Gandorfer dann noch einen „politisch unreifen Charakter“ bescheinigt.

Werden da, bald 100 Jahre nach der Revolution, die letzten Denkmäler gestürzt? Immer langsam! Tatsächlich legt Kirchinger neue Fakten zu Gandorfer vor – verdienstvoll, denn tatsächlich weiß man über die Gandorfers kaum etwas. In Pfaffenberg leben zwar Nachfahren, die aber nur noch vereinzelte Briefe besitzen, und einen Nachlass gibt es nicht. Ludwig Gandorfer war der jüngere der beiden Brüder, 1880 geboren, war er zunächst als Plantagenbesitzer ins damalige Deutsch-Ostafrika ausgewandert, aber schon nach einem Jahr wieder zurückgekehrt. 1909 übernahm er den elterlichen Zollhof in Pfaffenberg mit 45 Hektar Grund, sein Bruder Karl erhielt die elterliche Ziegelei mit Sägmühle und bald auch mit Kraftwerk. Die Gandorfers waren eher Agrarunternehmer, sicherlich aber keine Kleinbauern.

Die Politisierung Ludwig Gandorfers begann mit einer persönlichen Auseinandersetzung. 1905 hatte er einen Jagderlaubnisschein beantragt, diesen aber wegen seines Vorstrafenregisters (Körperverletzung, Sachbeschädigung) nicht erhalten. Dafür machte er den Mallersdorfer Bezirksamtmann verantwortlich. Als die örtliche Presse nicht im Sinne Gandorfers berichten wollte, wandte er sich nach München – und stieß auf die SPD-eigene „Münchener Post“. Sie berichtete in seinem Sinne. Gandorfer dankte es und kandidierte bei den Reichstagswahlen 1907 und 1912 für die SPD – allerdings betrieb Gandorfer, der seit 1912 völlig erblindet war, offenbar kaum Wahlkampf und bekam in dem ländlichen Bezirk auch kaum Stimmen.

Kirchinger stellt etwas abschätzig fest, dass sich Ludwig Gandorfer „der Sozialdemokratie nicht aus politischer Überzeugung anschloss, sondern nur, um den Bezirksamtmann zu provozieren“. Statt überzeugter Sozialist zu sein, war er schlicht obrigkeitsfeindlich. Aber ändert das etwas am Ergebnis? Kirchinger überschätzt die Durchdringungskraft sozialistischer Ideen. Wahrscheinlich haben die wenigsten SPD-Anhänger damals Marx im Original gelesen. Was sie aber einte, war der Zweifel an den Autoritäten – was in Niederbayern dazu führte, dass die Bauern in Scharen zum oppositionellen Bayerischen Bauernbund überliefen. Auch Gandorfers Bruder Karl wurde Mitglied.

Karl war überhaupt der aktivere Part, der auch Kurt Eisner durch eine scharfe Oppositionsrede im Landtag im Juli 1918 auffiel und der dann am 23. Oktober, also kurz vor der Revolution, einen umstürzlerischen Aufruf im „Landauer Volksblatt“ veröffentlichte. Eisner fuhr wiederholt nach Pfaffenberg, um die Gandorfers zu gewinnen. Und tatsächlich: Ludwig Gandorfer war an Eisners Seite, als dieser am 7. November 1918 auf der Münchner Theresienwiese vor geschätzt 100 000 Zuhörern die Revolution in Bayern ausrief. Auch Gandorfer soll das Wort ergriffen haben, er versicherte der revolutionär gesinnten Masse die Unterstützung der Bauern – die es tatsächlich aber, wie die folgenden Wochen zeigten, nicht gab. Nach den Reden stürmten die Demonstranten die Kasernen. Mitten unter ihnen Ludwig Gandorfer. Noch in der gleichen Nacht wurde die Monarchie gestürzt und der „Freie Volksstaat Bayern“ proklamiert. dirk walter

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