CLAUS-PETER REISCH, KAPITÄN DER „LIFELINE“, ERKLÄRT, WARUM ER FÜR SCHIFFBRÜCHIGE RISKIERT, INS GEFÄNGNIS ZU GEHEN

„Rettung ist kein Verbrechen, sondern Pflicht“

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Rund 30 000 Menschen haben Claus-Peter Reisch vor einer Woche mit großem Applaus als Held gefeiert – bei der #ausgehetzt-Demo auf dem Königsplatz gegen die Politik und die Wortwahl der CSU.

In Malta steht Reisch aber am Montag vor Gericht. Denn: Der Kapitän der Dresdner Nichtregierungsorganisation „Lifeline“ ist Seenotretter und muss sich dem Vorwurf stellen, das Schiff mit 234 Migranten an Bord ohne ordnungsgemäße Registrierung in maltesische Gewässer gesteuert zu haben. Im Maximilianeum hat der gebürtige Münchner am Freitag stellvertretend für alle privaten Seenotretter den Europa-Preis der bayerischen SPD bekommen. Der 57-Jährige habe sich um die europäischen Werte und den Schutz der Menschenwürde verdient gemacht. Der Münchner Merkur hat Claus-Peter Reisch, gelernter Kfz-Mechaniker und Unternehmer für Installations- und Sanitärbedarf, vor der Ehrung gesprochen:

-Herr Reisch, am Montag beginnt die Verhandlung in Malta. Ihnen drohen ein Jahr Haft oder knapp zwölftausend Euro Geldstrafe. Wie gehen Sie damit um?

Ich gehe erhobenen Hauptes vor Gericht. Wir haben insgesamt 450 Menschen das Leben gerettet. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Sollte ich tatsächlich dafür verurteilt werden, dass ich mit einem angeblich nicht gültigen blauen Papier Menschen vor dem Ertrinken gerettet habe, dann verstehe ich Europa nicht mehr. Die Rettung von Menschenleben ist nicht kriminell. Doch die EU tut mehr gegen die Seenotrettung als gegen das Ertrinken. Rettung ist kein Verbrechen, sondern eine Pflicht.

-Soll an Ihnen ein Exempel statuiert werden?

Ja, ich bin zum Bauernopfer geworden für eine Diskussion, die derzeit ganz Europa bewegt. Die rechten Regierungen der EU brauchen ein Opfer, damit sie die ganzen Schiffe der Seenotretter aus dem Verkehr ziehen können.

-Dabei ist die Not im Mittelmeer vor der libyschen Küste groß.

Ja, seit Juni sind 593 Tote registriert worden. Doch die privaten Retter mit ihren Schiffen und Suchflugzeugen werden von staatlichen Stellen an ihren Einsätzen gehindert.

-Warum?

Man will, dass ein Vorhang vor dieses Drama gezogen wird und niemand mehr sieht, wie die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes absaufen.

-Fünf Tage irrten Sie auf hoher See vor der Küste Maltas, weil kein Hafen Ihnen die Erlaubnis zum Einlaufen gab. Welche Menschen hatten Sie an Bord?

Unter den Flüchtlingen waren 77 unbegleitete Minderjährige, drei Burschen darunter mit zwölf und dreizehn Jahren, die alleine waren. Vier Babys und 17 Frauen gehörten auch dazu. Ein Somalier war in Libyen gefoltert worden, während er seine Familie anrufen musste, um noch mehr Geld zu erpressen. Er wog nur 45 Kilogramm und hatte sowohl einen Leistenbruch als auch einen abgeklemmten Darm, der abzusterben drohte. Ihn konnten wir zum Glück notfallmäßig evakuieren und auf ein Rettungsboot abgeben, sonst wäre er gestorben.

-Kann man sich vorstellen, wie es ist auf einem Schlauchboot mitten im Meer zu treiben?

Nein, das muss man sehen. Die Menschen zusammengepfercht in ihren eigenen Fäkalien sitzend. Keiner darf aufstehen. Wenn er fällt, ist es das Todesurteil. Dann wird er von den anderen zerdrückt. Die Boote sind auch nicht so konstruiert, dass sie es von Libyen nach Malta schaffen . Nach 50 bis 80 Meilen geht der Kraftstoff aus.

-Sie haben einst die CSU gewählt …

Ja, aber das „C“ für Christlichkeit und „S“ für sozial sehe ich nicht mehr. Bayern ist immer ein weltoffenes Land gewesen. Der Leitspruch: „Leben und leben lassen.“

-TV-Moderator Jan Böhmermann hat zur Spende für Ihre Anwaltskosten aufgerufen. Es kamen 200 000 Euro zusammen…

Die Mission Lifeline war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Dank meinem Fall zeigen viele Menschen jetzt Flagge.

Interview: Tina Layes

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