Ein rechtsextremer Doppelmord

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Mord mit der Maschinenpistole. Die Leiche von Shlomo Lewin liegt im Hausflur seines Bungalows. Dieses Foto gab die Polizei damals frei. Foto: Rudi Stümpel/Stadtarchiv Erlangen

vor 35 Jahren . Erlangen – Die Ebrachstraße in Erlangen, es ist der 19. Dezember 1980: Am frühen Abend klingelt es am Haus des jüdischen Verlegers und Rabbiners Shlomo Lewin, 69.

Lewin öffnet arglos. Vier Schüsse aus einer Maschinenpistole, Marke Beretta, treffen den Mann. Er bricht im Eingang seines Bungalows tödlich getroffen zusammen. Auch seine Lebensgefährtin Frida Poeschke, 57, stirbt durch vier Schüsse.

Vier Monate nach dem Oktoberfestattentat gibt es einen weiteren rechtsradikalen Mordanschlag. Denn wie sich später herausstellt, handelt es sich bei dem Täter um den 28 Jahre alten Rechtsextremisten Uwe Behrendt. Er ist Mitglied der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann. Behrendt stirbt ein knappes Jahr später unter dubiosen Umständen – er hat, davon gehen die Ermittler damals aus, im Libanon Selbstmord verübt. Die Hintergründe des Anschlags sind indes rätselhaft geblieben. War Behrendt ein Einzeltäter? Hatte er Hintermänner? Es sind dieselben Fragen, denen derzeit die Bundesanwaltschaft im Fall des Oktoberfestattentats nachgeht. Denn auch der mutmaßliche Täter des Münchner Anschlags, Gundolf Köhler, hatte Kontakt zur Wehrsportgruppe Hoffmann. Nicht ausgeschlossen, dass im Zuge der Ermittlungen Spuren auftauchen, die zum Erlanger Fall führen.

Diese Hoffnung hat auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), selbst ein Erlanger. Er kannte Lewin und seine Lebensgefährtin Poeschke seit seiner Jugend gut, wie er unserer Zeitung berichtet. 1966 waren seine Eltern ebenfalls in die Ebrachstraße gezogen – sie wohnten direkt gegenüber von Lewin/Poeschke auf der anderen Straßenseite. „Das waren nette, freundliche Nachbarn, ganz offen im Umgang“, erinnert sich Herrmann. Er half als Bub im Garten des Anwesens mit. „Man ist immer mal wieder rübergekommen, hat sich gut verstanden, sozusagen über die Straße hinweg.“ Nach einigen Jahren, weit vor dem Mordanschlag, zogen die Herrmanns in ein anderes Haus einen Kilometer weiter. Vom Anschlag hörte Joachim Herrmann, damals 24 und Jura-Student, dann im Radio. „Der Mord war ein Schock, unfassbar, auch für meine Eltern, die das Paar gut kannten.“ Lewin war in Erlangen gut bekannt, fast ein Prominenter, er engagierte sich für den christlich-jüdischen Dialog und lebte das auch persönlich vor – denn seine Lebensgefährtin Frida Poeschke, Witwe des ehemaligen Erlanger Oberbürgermeisters, war keine Jüdin.

Auch die Frage nach den Hintermännern beschäftigt Herrmann bis heute, vor allem, welche Rolle Karlheinz Hoffmann, dem Gründer der gleichnamigen Wehrsportgruppe, dabei zuzuschreiben ist. Hoffmann ist – bis heute – eine rätselhafte Figur im rechtsextremistischen Umfeld.

Der heute 68-Jährige lebt auf der Burg Ermreuth (Kreis Forchheim) bei Nürnberg und bekennt sich nach wie vor offen zum Rechtsextremismus, was dem Verfassungsschutz wohl bekannt ist „Wir haben immer im Blick, was er treibt“, sagt Innenminister Herrmann, der bekennt, beim Lesen der Lageberichte zu Hoffmann „immer ein mulmiges Gefühl“ zu haben. Erst im Juli dieses Jahres ist er bei der Frankonia Erlangen als Gast aufgetreten – die Burschenschaft gilt als rechtsradikal und wird seit kurzem vom Verfassungsschutz offiziell beobachtet.

Fakt ist: Die Staatsanwaltschaft hat Hoffmann und seine Lebensgefährtin 1984 wegen Anstiftung und Beihilfe zum Mordanschlag auf Lewin/Poeschke angeklagt. Ein merkwürdiger Punkt war insbesondere, dass am Tatort die Brille von Hoffmanns Lebensgefährtin gefunden worden war. Kolportiert wurden auch eindeutige Aussagen des Täters Behrendt: „Ich hab’s auch für Sie getan“, soll er noch am Tattag zu Hoffmann gesagt haben. Mangels Beweisen wurden beide Angeklagte aber freigesprochen. Hoffmann wurde dann wegen anderer Delikte verurteilt, kam aber 1989 frei.

Während die SPD-Abgeordnete Alexandra Hiersemann eine Wiederaufnahme der Ermittlungen fordert, ist Herrmann skeptischer. Das Verfahren, sagt er, sei damals wesentlich weiter getrieben worden als seinerzeit beim Oktoberfestattentat. Für ein Wiederaufnahmeverfahren gebe es hohe Anforderungen, die derzeit nicht erfüllt seien. So seien zum Beispiel vor einiger Zeit alle Asservate zum Erlanger Doppelmord erneut untersucht worden – ohne Ergebnis. „Aber man muss da dranbleiben“, sagt Herrmann. Er betont: „Es ist damals nicht die Unschuld von Hoffmann festgestellt worden.“ Der Verdacht stehe „nach wie vor im Raum, das ist unübersehbar“.

Am Sonntag wird Herrmann zusammen mit dem Erlanger Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) der beiden Ermordeten gedenken. Auch Janik ist skeptisch, ob der Fall neu aufgerollt werden muss. Er sagt: „Die wichtigste Erkenntnis ist, dass künftig bei Gewalttaten sofort ein möglicher rechtsextremer Hintergrund in den Blick genommen wird.“ dirk Walter

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