Raser-Unfall auf Miesbacher Straße in Rosenheim: Ramona und Melanie starben vor 3 Jahren

„Dieses Strahlen - so waren sie“: Ramona Daxlberger und Melanie Rüth (von links). Foto: privat
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Ein schrecklicher Unfall jährt sich zum 3. Mal: Weil ein Mann beim Überholen zu viel riskierte, starben in Rosenheim zwei junge Frauen vom Samerberg. Die Eltern von Melanie und Ramona laden zum Gedenkgottesdienst. Und sprechen über Trauer, Wut auf Raser und den Trost, den der Glaube spendet.

Am Mittwoch werden sie zusammensitzen, wie so oft in den vergangenen 1095 Tagen. Sie werden reden miteinander, sie werden gemeinsam schweigen. Und eben Mittwoch werden sie essen, was Melanie, damals 21 Jahre alt, am liebsten gegessen hat: Hühnerschnitzel in Parmesankruste.

Die Rüths, also die Eltern Kerstin und Ralf sowie Tochter Chiara, und die Daxlbergers, also Franz und Manuela sowie Magdalena: Sie sind einander näher gekommen, als man das sonst auch unter guten Nachbarn im Dorf finden mag. Dass sie Mittwoch zusammen essen, das ist wegen der Ereignisse des Tages, der sich 20. November 2019 zum dritten Mal jährt. Es ist der Tag, an dem ein Mann aus Ulm seinen Überholvorgang nicht mehr abbrechen konnte. „Unendliche Traurigkeit“, sagt Manuela Daxlberger: das sei es, was sie spüre. „Nun sind es schon drei Jahre, dass wir weiterleben müssen ohne die beiden.“ Drei Jahre seit dem Unfassbaren.

Unfall mit unfassbarer Vorgeschichte

Am Abend 20. November 2016 raste auf der Miesbacher Straße in Rosenheim der rote Golf des Ulmers frontal in den grünen Nissan, den Melanie Rüth lenkte. Melanie und ihre Freundin Ramona Daxlberger (15) starben, Ramonas Schwester Magdalena wurde schwer verletzt. Kurz nach Mitternacht erfuhren die Eltern von der Katastrophe.

Es war ein Crash mit unbegreiflicher Vorgeschichte, verursacht wohl durch die rücksichtslose Fahrweise von jungen Männern, die sich heillos überschätzten. Vor einer Woche erst verkündete dasLandgericht in Traunstein das Urteil in der Verhandlung gegen zwei junge einheimische Männer. Sie lenkten ihre BMWs nach Überzeugung des Richters so, dass dem überholenden Ulmer das Einscheren im Angesicht des Gegenverkehrs unmöglich wurde.

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Zwei Jahre und drei Monate muss demnach der eine hinter Gitter, gar zwei Jahre und fünf Monate der andere. Die Eltern hatten einander danach umarmt, hatten von Erleichterung gesprochen, davon, dass man nun wieder versuchen könne, ins Leben zurückzukehren. Dann kam die Nachricht, dass dieAnwalte Revision eingelegt hätten.

Ralf Rüth bemüht sich um Sachlichkeit. „Es nimmt dem Ganzen etwas von seiner befriedenden Wirkung“, sagt er. „Es ist schon schwierig wegen der Revision, aber das ist halt juristisch so.“ Ramonas Mutter dagegen macht aus ihrer Fassungslosigkeit kein Hehl. „Jeder kann Fehler machen, aber er muss dazu stehen“, sagt sie. „Zweimal bereits gab es ein Urteil, und jetzt winden sie sich schon wieder raus.“

Die Familien finden Trost im Glauben

Für den 23. November haben die Familien zum Gottesdienst eingeladen (19 Uhr, Kirche von Törwang). Ein guter Freund wird Saxophon spielen, andere Freunde werden bayerisch musizieren, mit Gitarre und Hackbrett. Eigentlich hätte es so etwas wie ein Abschluss-Gottesdienst werden sollen. Davon kann nun nicht mehr die Rede sein. „Was die uns Familien antun – das ist unvorstellbar“, sagt Manuela Daxlberger an die Adresse der beiden BMW-Fahrer. Davon, dass die Strafe eine Lehre sein könnte, sind die Eltern auch nicht mehr recht überzeugt. Nur wenige Tage nach dem Urteil tötete ein Raser in München einen 14-Jährigen. „Unfassbar“, sagt Ralf Rüth. „Die Strafen für so etwas müssen drakonischer werden.“ „Die armen Eltern“, das schießt Manuela Daxlberger und den andern durch den Kopf, jenen, die dabei waren, als vor drei Jahren die Welt stillstand.

Dennoch hoffen beide Familien, am Samstag Trost zu finden, in der Gesellschaft vieler Menschen, die ihr Mitgefühl bekunden, aber auch im Gottesdienst an sich. Beide Familien stehen zu ihrem Glauben. „Welcher Gott lässt das zu, das haben wir in diesem Moment nicht gedacht“, beteuert Manuela Daxlberger. „Das wäre ja gar nicht aushalten.“ „Ohne den Glauben an Gott hätten wir das nicht durchgestanden“, sagt wiederum Kerstin Rüth.

„Man spürt ihre Anwesenheit“

Die Eltern sind überzeugt davon, dass ihre Kinder in ein anderes, ein besseres Leben eingegangen sind. „Manchmal erlebt man was – da weiß man, das war sie“, sagt Manuela Daxlberger. Sie hadere nicht, sagt sie, sie spüre auch Dankbarkeit: für Magdalena, die Tochter, die überlebt hat, wenn auch schwer verletzt. Fast ein Wunder, wenn man bedenkt, dass ein Gutachter die Überlebenschance bei einem solchen Tempo auf nicht mal fünf Prozent angesetzt hatte.

Es gibt noch mehr, was es beiden Familien geradezu unmöglich macht, nur an die Macht des Zufalls zu glauben. Wie sonst sollen sie sich und andern erklären, dass Chiara schon im Auto saß, dann aber ausstieg, weil sie sich nicht nach Ausgehen fühlte, und lieber zu Hause blieb? Wie könnten sich die Daxlbergers sonst erklären, dass Ramona sich so ganz anders, so – sorgfältig verabschiedete? „Wir fahren jetzt, Mama, pfiad euch. Ich hab euch lieb“, habe Ramona gesagt, erinnert sich Manuela Daxlberger. Und sie ist sich sicher: „Man spürt ihre Anwesenheit immer noch.“

Ein letzter Gruß aus dem Ristorante

Weder Franz und Manuela Daxlberger, noch Kerstin und Ralf Rüth haben es bislang übers Herz gebracht, die Unfallstelle aufzusuchen.Drei weiße Kreuze hat dort jemand aufgestellt, die Eltern wissen nicht wer, sie sind aber dankbar für diese Anteilnahme. Ein weiteres Kreuz steht im Garten der Rüths. Melanies Kollegen einer Zimmerei in Miesbach haben es angefertigt und den Eltern geschenkt. „Dort sind wir sehr oft“, sagt Kerstin Rüth.

Auch am Mittwoch werden sie dorthin gehen. Und an den Abend denken, der das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ teilte. Kerstin Rüth hütet noch immer die Erinnerung an eine Snapchat-Nachricht ihrer Tochter: ein Foto aus dem Restaurant Giuseppe in Kolbermoor. Dazu der Spruch: „Essen mit den Besten.“

Vor genau drei Jahren endete das Leben zweier junger Menschen. Darf man heute Fotos zeigen, auf denen die beiden lachen, auf denen sie für immer jung bleiben? Ralf Rüth bejaht entschieden. „Nehmt diese Fotos weiter“, sagt er. Die beiden jungen Frauen seien ja genau so gewesen, so hübsch, fröhlich und unbeschwert. „Die haben Ziele und Träume gehabt, die waren nur gut. Dieses Strahlen – so waren sie, wenn sie ausgeritten sind, wenn sie einen Auftritt mit dem Trachtenverein hatten, wenn sie zur Plattlerprobe gegangen sind. Für uns leben die beiden so weiter.“

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