Die rasenden Ochsen von Haunshofen

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Vollgas geben ist beim Rennen die Devise. Bei dem rauen Ritt hat Hubert Kergl (2. v. re.) seinen Hut gleich verloren. Foto: Ralf Ruder

Das Ochsenrennen von Haunshofen ist ein Besuchermagnet. Gut 10 000 Schaulustige sind am Sonntag in das 500-Einwohner-Dorf geströmt. Wer Spitzen-Reitsport erwartet hatte, war möglicherweise enttäuscht. Alle anderen hatten eine tierische Gaudi.

Tierisches Spektakel

von Josef Ametsbichler

Haunshofen – Buali bockt. Zumindestens ein bisschen. Als sich Hubert Kergl, 33, für seinen ersten Ausscheidungslauf auf den dreieinhalb Jahre alten Pinzgauer-Ochsen schwingen will, gerät der Aufstieg fast zum Rodeo. Schließlich lässt sich Buali doch beruhigen, auf das Startsignal hin rumpelt er knapp hinter seinen Konkurrenten eifrig los in Richtung der gut 180 Meter entfernten Ziellinie.

Seinen Reiter schüttelt es dabei kräftig durch, während dieser sich an den Bauchriemen klammert. Doch ein bisschen Rodeo. Aber zehn Meter vor dem Zieleinlauf bleibt Buali einfach stehen, wirft einen Blick in die Zuschauermenge. Von den Anfeuerungsversuchen, die von seinem Rücken und aus dem Publikum kommen, lässt er sich nicht beeindrucken. Schläge oder Tritte zum Antreiben sind verboten. Es vergehen 15 Sekunden, bis der Ochse schließlich mit einem Kopfnicken als Letzter über die Linie trabt.

„Entweder mag der Ochs – oder er mag nicht“, sagt Hubert Kergl in seiner Rennkleidung: kurze, blaue Hose, Karohemd und abgewetzter Trachtenhut. Diesmal mochte der Ochs mit dem dunklen Fell und den beeindruckend spitzen, langen Hörnern nicht. Für Kergl, den Vorstand der Ochserer von Haunshofen (Kreis Weilheim-Schongau) ist das große Ochsenrennen, das nur alle vier Jahre in dem Ort steigt, schon im ersten Durchgang beendet. Dem Rennchef verhagelt die Niederlage aber nicht die Laune. „Ich habe gewonnen, wenn sich keiner wehtut und alle eine Gaudi haben“, sagt er.

Danach sieht es aus an diesem Sonntag. Weil das Wetter mitspielt und das Ochsenrennen von Haunshofen längst einen überregionalen Ruf hat, sind knappe 10 000 Besucher in die Naturarena des winzigen Ortes nahe Weilheim gekommen. Von den grasbewachsenen Hängen aus verfolgen sie das Spektakel, das sich auf der Wiese zu ihren Füßen abspielt.

So wie Familie Pompe aus der Nähe von Landsberg. Die vierjährige Tochter Paula hat auf einen Sieg von Hubert Kergl und seinem Buali gesetzt – umsonst. Von Enttäuschung aber keine Spur. „Der Ochse war einfach viel zu müde!“ quietscht sie lachend vom Arm ihrer Mama Michaela. Die und Ehemann Thomas zeigen sich derweil beeindruckt von einem der Reiter, der quer auf dem Ochsenrücken liegend irgendwie den Zieleinlauf durchgestanden hat. „Total lustig, eine echte bayerische Gaudi“, findet Michaela Pompe.

„Wer echten Rennsport sehen will, der muss zum Pferderennen gehen“, sagt Marlis Kergl (29). Die Schwester des Chef-Ochserers im blauen Dirndl, kombiniert mit grüner Schürze und pragmatischen Bergschuhen, ist die einzige Frau im 16 Reiter zählenden Startfeld. „Davon habe ich aber keinen Vorteil“, sagt sie. Was sich bewahrheitet: Auch für sie und ihren Pinzgauer-Ochsen Seppi ist schon im ersten Lauf Schluss. „Der hat sich ein paar hübsche Frauen im Zuschauerraum genauer anschauen wollen“, wagt die Reiterin einen Erklärungsversuch, warum Seppi schon nach ein paar Schritten mitten auf der Rennbahn stehen geblieben ist. Was einen guten Ochsenreiter ausmacht? „Schmalz in den Armen, damit man oben bleibt, sonst nix“, sagt Marlis Kergl. Das schaffen nicht alle an diesem Tag. Zum Amüsement des Publikums tragen immer wieder abgeworfene Reiter bei, die zu Fuß ihren ausreißenden Ochsen nachjagen.

Trotz allen Klamauks steckt in der Gaudi eine Menge Vorbereitung. Schon ein halbes Jahr vor dem Rennen üben die Reiter das Zusammenspiel mit ihren Tieren – nicht nur für das Ochsenrennen, sondern auch für den Festzug zuvor, bei dem die Ochsen historische Wagen durch den Ort ziehen. „Der Zug macht eigentlich mehr Arbeit als das Rennen selbst“, sagt Hubert Kergl.

Das Üben diene auch dem Wohl der Ochsen. Großen Stress hätten die Tiere bei dem Rennen nicht, versichert der Chef-Ochserer. „Natürlich sind sie so viele Zuschauer nicht gewohnt, aber sie kennen die Strecke und sind das Geschirr gewohnt.“ Und tatsächlich: Vor und nach dem Rennen stehen die Tiere gelassen in ihren Boxen und lassen sich von ihren Reitern versorgen.

Hubert Kergl darf sich am Ende tatsächlich als Sieger fühlen: Wie die acht Male davor haben Ochsen und Reiter das Rennen unverletzt überstanden. Gewonnen hat übrigens der 23-Jährige Josef Adam mit seinem Ochsen Moritz (11), einem Rennveteran, der bereits vor vier Jahren gesiegt hat. Aber das gerät bei dem ganzen Spektakel fast zur Randnotiz.

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