Prozess um Unfalltod von Ramona und Melanie vom Samerberg

Prozess um Unfalltod von Ramona und Melanie: Neuer Zeuge – Hat er Absprache der BMW-Fahrer mitbekommen?

  • Mathias Weinzierl
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Es passierte auf der Miesbacher Straße in Rosenheim: Drei junge Frauen vom Samerberg gerieten im November 2016 in einen Autounfall, zwei starben. Wurden sie Opfer eines Autorennens? Um diese Frage geht es heute vor dem Landgericht Traunstein, wo am vierten Verhandlungstag wieder mehrere Zeugen aussagen.

Update um 16.05 Uhr: Der Prozess könnte länger dauern als erwartet

Das Urteil in diesem Prozess war eigentlich für den 12. November erwartet. Allerdings hat der vorsitzende Richter am Ende des heutigen Verhandlungstages bereits angedeutet, dass sich der Prozess noch weiter in die Länge ziehen könnte. Der vierte Verhandlungstag ist zu Ende. Weiter geht der Prozess am Dienstag, 5. November.

Update um 15.10 Uhr: Die Ersthelfer schildern schreckliche Situation

Nach der Mittagspause sagt zunächst eine Rosenheimerin aus, die mit ihrem Auto als erstes an die Unfallstelle kam. Sie schildert, wie der Fahrer des Golfs direkt nach dem Unfall aus seinem Auto gestiegen sei. Sie habe ihn dann in ihr Fahrzeug gesetzt. “Der hat schon sehr geschwankt”, sagt die Zeugin, die anschließend zum völlig zerstörten Nissan Micra gelaufen sei. Dort sei eine der hinteren Autotüren offen gewesen, der Kopf von Ramona habe leicht herausgeragt.

Ein weiterer Ersthelfer aus Stephanskirchen schildert, wie er am völlig zerstörten Micra die drei Unfallopfer entdeckt hatte. Als erstes habe er die Fahrertür aufgemacht und dort Melanie Rüth gesehen, deren Kopf unnatürlich auf der Brust gelegen habe. Sie habe zu diesem Zeitpunkt noch geatmet, was er am sich hebenden und senkenden Brustkorb gemerkt habe. “Die Atemgeräusche waren allerdings wie ein Rasseln”, erinnert sich der junge Mann an die Momente, die ihn nach eigenen Angaben bis heute belasten.

Aussagen, die vor allem Melanies Papa Ralf Rüth sehr nahe gehen, nachdem der Zeuge auch behauptet, dass keiner der Angeklagten sich um die verunglückten Mädchen gekümmert hatte. Was wiederum den Angaben von Sebastian M. widerspricht, der am ersten Verhandlungstag behauptet hatte, den Kopf eines der verunglückten Mädchen gehalten zu haben. “Diese Aussage war den Angehörigen gegenüber einfach eine Frechheit”, richtet Rüth mit brüchiger Stimme sein Wort direkt an den Angeklagten.

Auch der Nebenkläger-Familie Daxlberger gehen die Aussagen sichtbar unter die Haut. Immer wieder muss Magdalena ihrer Mutter Manuela beruhigend über den Arm streichen. Doch plötzlich bricht es aus der trauernden Mutter heraus: “Es ist schön, dass es Menschen gibt, die in einer derartigen Situation helfen und eingreifen, während die Verursacher nicht den Arsch dazu in der Hose haben”, schleudert sie den beiden Angeklagten entgegen.

Update 12 Uhr: Zeugen belasten die beiden Angeklagten

Christian Schluttenhofer, Anwalt der Nebenkläger Manuela, Franz und Magdalena Daxlberger, beantragt einen Zeugen zu laden, der am Tag nach dem tödlichen Unfall ein Gespräch der BMW-Fahrer sowie der Beifahrer mitbekommen haben will. 

Nach Angaben Schluttenhofers habe der potenzielle Zeuge dabei gehört, wie die vier Männer sich darüber unterhielten, was sie bei der Polizei zum Unfallgeschehen angeben sollen. Nach kurzer Beratung stimmt der Richter sowie die beiden Schöffen dem Beweisantrag zu.

"Die Schweine haben mich nicht reingelassen" 

Als nächste Zeugin ist nun die Schwester des Unfallfahrers Simon H. (26) aus Ulm geladen. Die Erfurterin schildert, wie am Unfallabend um 21.06 Uhr bei ihr das Telefon geläutet habe und sie ihr Bruder schwer verletzt vom Unfall informierte. "Er hat immer wieder gesagt, er kriegt keine Luft", erinnert sich die 34-Jährige. Außerdem habe er während des Telefonats mehrmals wiederholt: "Die Schweine haben mich nicht reingelassen." 

Auch die Mutter (54) des Unfallfahrers sagte vor der sechsten Strafkammer aus. Sie sei von ihrer Tochter gegen 21.15 Uhr telefonisch über den Unfall ihres Sohnes informiert worden. Während des Telefonats habe ihre Tochter ihr auch berichtet, dass Simon H. sich beim Anruf bei der Schwester über "zwei schwarze BMW" beklagt hätte, die ihn "nicht reingelassen" hätten. 

Erstmals sagt auch die Ehefrau des VW-Fahrers Simon H., der beim Überholvorgang frontal in den Nissan Micra von Melanie Rüth gerast war, aus. "Wir wollen genau wissen, was Ihnen ihr Mann vom Unfall erzählt hatte", beginnt Richter Zenkel die Befragung der Zeugin. "Nicht viel", sagt die 26-Jährige, "weil ihn das psychisch sehr mitgenommen hatte."

Erst ein paar Tage nach dem Zusammenstoß habe sie mit ihrem Ehemann über den Unfall gesprochen. "Da hat er gesagt, dass er nicht reingelassen worden ist." Dass sie mit ihrem Mann erst einige Tage später über das Unfalldrama gesprochen hat, findet Zenkel "etwas merkwürdig". Die Zeugin begründet ihre Aussage damit, dass ihr Mann im Krankenhaus gelegen habe und zu diesem Zeitpunkt auch kein Handy mehr dabei gehabt habe. 

Anwalt Andreas Michel, Rechtsbeistand des Angeklagten Sebastian M., zitiert aus einem Aktenvermerk der Polizei, wonach die Ehefrau angegeben hatte, ihr Mann habe ihr geschildert, dass sich die beiden BMW-Fahrer ein Rennen geliefert und immer wieder überholt hätten. "Das kann nicht sein", erwidert die 26-Jährige, ergänzt auf Nachfrage von Michel aber: "Ich kann mich nicht mehr daran erinnern." Was Michel mit dem Satz "Daran können sie sich nicht erinnern, aber daran, dass er gesagt hat, nicht reingelassen worden zu sein" kommentierte. 

Augenzeugen berichten von lauten Autos und sportlicher Fahrweise 

Nach der Ehefrau des Unfallfahrers ruft Zenkel eine Rosenheimer Familie in den Zeugenstand, die die drei Fahrzeuge - den VW Golf sowie die beiden BMW - kurz vor dem Unfall an der Panoramakreuzung gesehen haben will. Die Familie selbst war an diesem Abend ebenfalls mit dem Auto in Rosenheim unterwegs. 

"Der Abstand war relativ gering und die Fahrzeuge waren akustisch lauter als normale Autos", erinnert sich der Familienvater, der von einem "sportlichen Fahrverhalten" spricht. Die Tochter sagt aus, dass ihr "die Autos aufgefallen sind, weil sie eben sehr auffällig gefahren sind". Sie seien so laut gewesen, "dass ich regelrecht erschrocken bin". Sie könne sich noch erinnern, dass die Autos tiefergelegt waren. 

Um welche Modelle es sich gehandelt hat und welche Farben die Fahrzeuge gehabt haben, dazu kann die Zeugin keine Angaben machen. "Auffällig, laut und nahe beieinander" - so schildert die Mutter den Moment, "als die drei Autos an uns vorbeigeschossen sind". Auch sie kann zu Modellen keine genauen Angaben machen, erinnert sich aber noch daran, dass ein Fahrzeug mit auswärtigem Kennzeichen dabei gewesen ist. "Es ist mir vorgekommen, als wenn sich die kennen würden", sagte die Frau vor Gericht. 

Immer wieder habe ein Auto versucht, auszuscheren, so dass sie sich gedacht habe, "die spinnen doch".

"Haben Gas gegeben"

Auch ein weiterer Zeuge, ein 45-jähriger Vogtareuther, der mit seinem Sohn auf der B15 zwischen Raubling und Rosenheim unterwegs war, sind nach eigenen Angaben kurz vor dem Unfall zwei BMW aufgefallen. "Die Fahrzeuge sind erst extrem langsam gefahren und haben dann Gas gegeben", erinnert sich der Zeuge, der einen älteren und einen neueren BMW sowie Kennzeichen aus Rosenheim und Wasserburg erkannt haben will. "Ich habe mich gefragt, ob die da jetzt ein Rennen fahren", schildert der Zeuge seine Eindrücke.

Update 10.30 Uhr: Zeugin sagt aus, dass zwei Fahrzeuge stark beschleunigt haben

Ein Dutzend Zeugen sollen am heutigen Prozesstag aussagen. Die erste Zeugin schildert, wie sie die beiden BWM-Fahrer bereits vor dem Unfall auf der B15 gesehen haben will. Die beiden Fahrzeuge hätten an einer Ampel gestanden und bei Grün stark beschleunigt.

Den Angeklaten des vorderen BMW, Daniel R. (25), will sie erkannt haben. "Ich kann mich auch noch erinnern, dass er einen etwas korpulenteren Beifahrer dabei hatte, den ich später auch als Zeugen im Gericht gesehen habe", schildert die die Frau ihre Erinnerungen.

Die Erstmeldung zum heutigen Prozesstag:

Rosenheim/Traunstein – Angeklagt sind zwei Männer. Der Vorwurf: Sie haben den Fahrer eines anderen Fahrzeuges bei einem Überholvorgang nicht einscheren lassen, woraufhin er auf der Gegenfahrbahn frontal mit dem Auto kollidierte, in dem die drei jungen Frauen saßen. In den kommenden Verhandlungstagen sagen mehrere Polizisten und Ersthelfer aus, die am Abend des Unfalles vor Ort waren.

Gab es ein illegales Autorennen oder nicht?

Die beiden Angeklagten wurden für ihr fahrlässiges Verhalten bereits verurteilt, sind aber in Berufung gegangen. Der Berufungsprozess findet nun vor dem Landgericht Traunstein statt.

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Es geht erneut um die zentrale Frage: Haben die beiden Angeklagten ein illegales Autorennen durchgeführt, als es zum Unfall kam? Bejaht das Gericht am Ende diesen Vorwurf, dann drohen den Angeklagten harte Strafen. Die Angeklagten wollen im Berufungsprozess einen Freispruch erreichen.

Hat die Polizei die Angeklagten vorverurteilt und falsch ermittelt?

Dabei hat Harald Baron von Koskull, Verteidiger eines der beiden Angeklagten, am vergangenen Verhandlungstag die Glaubwürdigkeit der Aussagen der Polizisten angegriffen, die in dem Fall ermittelt haben. Die Polizei sei viel zu früh davon ausgegangen, es hätte ein Autorennen gegeben und habe sich auf diesen Ermittlungsansatz versteift. Sein Mandant sei nach dem Unfall von der Polizei in unzulässiger Weise mit "übertriebenem Diensteifer" observiert worden.

Dabei ist von Koskulls Mandant nach dem Unfall kurze Zeit nach dem Unfall bei einem mutmaßlichen Rennen erwischt worden. Sein Führerschein wurde damals eingezogen.

Mit im Gerichtssaal sind wahrscheinlich auch wieder Eltern und Geschwister der bei dem Unfall getöteten jungen Frauen, die alle bisherigen Prozesstage verfolgt haben. Sie schenken den Aussagen der beiden Angeklagten, es habe kein Rennen gegeben und man habe den im Auto eingeklemmten Unfallopfern zu helfen versucht, keinen Glauben.

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