Präsidentschaftswahl in XXL

Bis Sonntag dürfen die in Bayern lebenden Türken in der Messe Riem ihre Stimmen für die türkischen Präsidentschaftswahlen abgeben. Am ersten Tag ist die Beteiligung gering – auch aufgrund des komplizierten Registrierungsverfahrens.

Türken in Bayern wählen

Bis Sonntag dürfen die in Bayern lebenden Türken in der Messe Riem ihre Stimmen für die türkischen Präsidentschaftswahlen abgeben. Am ersten Tag ist die Beteiligung gering – auch aufgrund des komplizierten Registrierungsverfahrens.

von Katharina mutz

Münchens größtes Wahllokal ist an diesem Donnerstagmittag vor allem eines: ziemlich leer. In der 10 000 Quadratmeter großen Halle C4 in der Messe Riem tummeln sich Wahlhelfer an den Tischen und plaudern. Viel zu tun haben sie nicht. Nur vereinzelt steht ein Wähler hinter einem der 63 mit türkischen Flaggen bedruckten Pappaufsteller, um sein Kreuzchen zu machen.

Die Halle C4 in der Messe Riem ist eines von sieben riesigen Wahllokalen in ganz Deutschland, wo im Ausland lebende Türken vom gestrigen Donnerstag bis zum Sonntag ihre Stimme für die Präsidentschaftswahl am 10. August abgeben können. Eine Premiere im doppelten Sinn: Zum ersten Mal wird der Präsident der Türkei direkt gewählt, zum ersten Mal können im Ausland lebende Türken vor Ort wählen gehen – ohne dafür extra in die Türkei fahren zu müssen. Insgesamt sind in Deutschland 1,4 Millionen Türken wahlberechtigt, in Bayern sind es rund 175 000. Für die Wahl registriert haben sich in Bayern allerdings nur knapp 12 000 Türken. Eine Quote, die weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, sagt Vural Ünlü, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Bayern. Ein Grund für die geringe Wahlbeteiligung ist seiner Ansicht nach das komplizierte Verfahren zur Stimmabgabe: Nur wer sich im Vorfeld mit seiner Meldebescheinigung beim zuständigen Konsulat registrieren ließ, erhielt Zugriff auf ein netzbasiertes Terminsystem, über das er sich an einem der vier Wahltage ein vierstündiges Zeitfenster aussuchen konnte, um seine Stimme abzugeben. Alles zu kompliziert, sagt Vural Ünlü: „Für viele war das eine viel zu hohe technische Hürde.“ Selbst ihm als promoviertem Wirtschaftsinformatiker sei es schwergefallen, sich über das System zur Wahl anzumelden. Ünlü ist überzeugt, dass viele Wähler aus Überforderung entschieden haben, lieber gar nicht erst zur Wahl zu gehen. Doch nicht nur im Vorfeld sorgte das Terminsystem für Probleme, sondern auch am ersten Wahltag: Einige Wähler mussten vor Ort feststellen, dass die ihnen vom System vorgegebenen Wahlzeiten doch nicht stimmten. Trotz Beschwerden wurden sie auf andere Wahltage verwiesen und müssen jetzt teilweise aus anderen Städten extra wieder nach München anreisen, um ihre Stimme abzugeben.

Die Pannen im Terminsystem dürften auch den türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdoǧan ärgern, glaubt Ünlü: Denn von einer höheren Wahlbeteiligung durch die Auslandstürken habe sich der Präsidentschaftskandidat Erdoǧan vor allem eines erhofft: mehr Stimmen für sich selbst. Schließlich stamme ein Großteil der im Ausland lebenden Türken aus dem traditionell konservativen Anatolien.

Tatsächlich bekunden die meisten Türken, die an diesem Tag in die Messe Riem kommen, dass sie Erdoǧan gewählt haben – den unbestrittenen Favoriten bei dieser Wahl. Viele von ihnen wollen sich allerdings nicht fotografieren lassen. Emre Yilmaz schon. Der 30-Jährige ist wie seine Frau Özlem gläubiger Muslim und überzeugter Erdoǧan-Anhänger. Erdoǧans politische Führungskraft sei beeindruckend, sagt Yilmaz. Als Präsident werde er die Türkei dem Westen näherbringen – aber auf eine islamische Art. Ismail Cankaya, seine Frau Nursal und ihre Tochter Yonca sehen das anders. Sie haben Ekmeleddin Ihsanoǧlu, den früheren Chef der Islamischen Weltkonferenz, gewählt. Vom Kandidaten der zwei größten Oppositionsparteien CHP und MHP erhoffen sie sich, dass er die Demokratie und die Menschenrechte stärkt. Auch Yurdaer Seflek und seine Frau Dilek wollen Ihsanoǧlu ihre Stimme geben – aber nur, weil sie für sich keine Alternative sehen. Eigentlich, sagt Yurdaer Seflek, habe er Selahattin Demirtaş, den Vorsitzenden der kurdennahen linken Demokratischen Volkspartei, wählen wollen. Aber dessen Chancen seien viel zu gering. Deshalb wählt er lieber Ihsanoǧlu – und hofft, dass Erdoǧan wenigstens nicht im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit gewinnt. Dann käme es in der Türkei am 24. August zur Stichwahl – und die Halle C4 würde sich noch mal in ein Wahllokal verwandeln.

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