„Plötzlich fingen alle Menschen an zu rennen“

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Rennende Passanten, rennende Polizisten, Angst und Chaos: Am Freitagabend brach in der Innenstadt eine beispiellose Panik aus. Geschäftsleute versorgen die Menschen. Am Tag danach stehen noch viele unter Schock.

nach dem amoklauf: Augenzeugen berichten

von christine ulrich

Die Münchner Innenstadt am Tag danach. Auf den ersten Blick geht es zu wie immer: In der schwülen Julisonne bummeln am Samstag Menschen durch die Fußgängerzone, bepackt mit Tüten und Taschen. Doch auf den zweiten Blick offenbaren sich die Spuren vom Freitagabend. Spuren, die erzählen, dass hier teils kriegsähnliche Zustände geherrscht haben. Wegen einer Massenpanik, die einsetzte, als die Nachricht vom Amoklauf in der Welt war.

„Das war der totale Wahnsinn“, erzählt mit zitternder Stimme Andrea Klosse, die am Obststand vor dem Benetton arbeitet. Sie packt gerade Aprikosen ab, da rennen die Menschen los. Hunderte, alle Richtung Stachus. Polizisten schicken Klosse in die Benetton-Baustelle, dort muss sie warten. Ähnliches berichtet eine Auszubildende aus dem Swatch-Laden am Marienplatz. Am Freitag war ihr erster Arbeitstag. „Das war so krass“, sagt sie. Gegen 19 Uhr rennen plötzlich hunderte Menschen über den Marienplatz. „Kinderwagen sind umgekippt“, sagt sie. Auch Polizisten rennen, schwerbewaffnete Sondereinsatzkräfte.

Das Münchner Polizeipräsidium berichtet: Von den 35 Verletzten des Amoklaufs haben vier Schussverletzungen erlitten. Das heißt: Sechs Menschen verletzten sich schwer und 25 leicht, während sie flohen – auch bei der Panik in der Fußgängerzone. Laut Polizeipräsident Hubertus Andrä handelt es sich etwa um Schocks, Schnitte oder Verletzungen an Brust und Beinen.

Die Leute flüchten sich in den Kaufhof und viele andere Geschäfte: Swatch-Angestellte lotsen Menschen herein, schließen die Türen zu, bringen die Menschen nach hinten. Viele Touristen waren darunter, sagt die Auszubildende. „Viele Kinder und auch Erwachsene haben geweint.“

Draußen leert sich die Fußgängerzone binnen Minuten komplett. Im Vinzenz Murr an der Rosenstraße bringen Angestellte die hereinströmenden Menschen „weg von den Fenstern“, sagt der Angestellte Emanuel del Boca. „Angeblich hatte ein Polizist am Marienplatz einen Warnschuss abgegeben“, berichtet er von einem Gerücht. Im Gedränge fällt krachend ein Aufsteller um, was für zusätzliche Panik sorgt. Die Angestellten beruhigen die Menschen, versorgen sie mit Getränken. Auch im Deichmann bringen Angestellte die Menschen in den Pausenraum, sagt Daniel Paulenz, stellvertretender Filialleiter. „Die Leute waren sehr friedlich und gemeinschaftlich.“

Nushe Zeqiraj, die am Obststand vor dem C&A arbeitet, erzählt, wie Polizisten sie in das Kleidergeschäft zerren. Ihre Ware, ihre Kasse muss sie draußen lassen. Drinnen sei es „so nett“ gewesen, sagt sie, „familiär“. Die Menschen teilen Wasser und Süßigkeiten. Gegen 22.30 Uhr informiert die Polizei, dass es vorbei ist. Zeqiraj läuft nach Hause, zu Fuß bis nach Ramersdorf.

So nett empfanden es offenbar nicht alle Menschen. Im Mathäser-Kino an der Bayerstraße müssen mehr als 3000 Besucher ausharren, nachdem die Sicherheitsleute die Türen verrammelt haben. Zdenko Anusic, der das Restaurant „35 milli(m)eter“ im Mathäser betreibt, berichtet, wie eine Menschenmasse einfällt. Von der Bayerstraße und aus dem Kino stürmen sie ins Lokal, rennen Tische um und drängen durch die Küchenschleuse. „Sie sind über Tellerstapel geklettert und haben eine Mikrowelle umgerissen. Es war ein heilloses Chaos“, sagt Anusic, „es herrschte die nackte Panik.“ Einige verschanzen sich in Kellerräumen, ein Wandspiegel geht zu Bruch. Die Angestellten bringen hunderte Menschen nach oben in die Bar, der Fernseher läuft. Fast bis Mitternacht harren viele hier aus. „Aber wir haben noch Glück gehabt“, sagt Anusic. Er schätzt zwar zehntausend Euro Umsatzausfall und ebenso viel Sachschaden – „aber wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“.

Nein, ein normaler Samstag ist es nicht. Keine Mittagsschlange im Vinzenz Murr, wenige Obstkäufer. Und zahlreiche Geschäfte haben geschlossen: Apple Store, C&A, alle Hugendubel-Filialen, Telefonläden und das Computerspiel-Geschäft am Stachus, meist mit dem Verweis auf die Ereignisse vom Freitagabend. „Ein bissl ein komisches Gefühl ist es schon, heute shoppen zu gehen“, erzählt die 28-jährige Sabine Schwan mit einer Klamottentüte in der Hand. Und feiern gehen werde sie am Abend eher nicht. „Aber jetzt nur zuhause verschanzen? Nö!“

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