Ein Pfarrer und seine Herzenssache

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Bis zum letzten Tag als Asylkoordinator türmte sich Arbeit auf Jost Herrmanns Schreibtisch. Ab sofort wird er sich wieder auf seine Aufgaben als evangelischer Pfarrer in Schongau konzentrieren. Foto: Ralf Ruder

Vor einigen Jahren konnte sich Jost Herrmann noch nicht vorstellen, dass er sein Amt als Pfarrer einmal freiwillig aufgeben würde. Doch dann kamen die Flüchtlinge nach Bayern – und er wurde hauptamtlicher Asylkoordinator. Nun kehrt er in seinen Beruf zurück – obwohl es noch genug zu tun gäbe.

Jost Herrmann hört als Asylkoordinator auf

Von Katrin Woitsch

Weilheim – Auf Jost Herrmanns Schreibtisch stapelt sich Arbeit. Gerade ist er dabei, die große Feier zum fünfjährigen Bestehen von „Asyl im Oberland“ zu organisieren. Er muss einen Vortrag vorbereiten, die Homepage auf den neuesten Stand bringen, E-Mails beantworten, den Newsletter verschicken. Von Umzugskisten keine Spur. Nichts deutet darauf hin, dass sein Schreibtisch in dem Weilheimer Büro in wenigen Tagen leer geräumt sein wird.

Die vergangenen zwei Jahre sind schnell vergangen – weil es immer Arbeit gab. Und immer neue Probleme. Und auch jetzt gäbe es eigentlich noch jede Menge zu tun für den Asylkoordinator des Oberlands. Aber es war von Anfang an vereinbart, dass Jost Herrmann nach zwei Jahren in seinen Beruf zurückkehren würde. Er ist evangelischer Pfarrer. So hatte er schon lange, bevor Turnhallen umfunktioniert und Helferkreise gegründet wurden, mit Flüchtlingen zu tun. Vor fünf Jahren bat ihn ein Pfarrer aus München, sich um eine Frau aus Syrien und deren Tochter zu kümmern, die in eine Weilheimer Unterkunft verlegt wurden. Ihre Fluchtgeschichte war die erste von sehr vielen, die der 54-Jährige seitdem gehört hat. Aus der Hilfe für Geflüchtete wurde eine Herzenssache – aus einem Pfarrer ein Asylkoordinator.

Herrmann erinnert sich noch gut an das Gespräch mit seinem Dekan damals. Er bat ihn, eine Stelle für die Asylarbeit zu schaffen, so dass er sich selbst wieder ganz auf seine Arbeit als Pfarrer konzentrieren könne. „Der Gedanke dahinter war, die Kräfte der Helfer zu bündeln“, sagt Herrmann. Zur selben Zeit taten sich der Landkreis, die Caritas, die Diakonie und die Herzogsägmühle zusammen, um eine hauptamtliche Koordinatorenstelle zu schaffen – und sie baten Herrmann, diese Aufgabe zu übernehmen. „Das war ein schöner Vertrauensbeweis“, sagt er. Er hatte Glück – der Dekan reagierte mit Verständnis und stellte ihn für zwei Jahre frei.

Es waren zwei Jahre mit vielen Gänsehaut-Momenten. Da gab es beispielsweise diesen Samstag im März vergangenen Jahres. Weil sich überall in Bayern bei den Asylhelfern viel Frust angesammelt hatte, organisierte Herrmann mit einigen Helfern eine große Sternfahrt nach München. Hunderte Helferkreise schickten Vertreter, sie alle stellten sich auf der Theresienwiese unter der Bavaria für ein Protestfoto auf, das sie dem Innenminister schicken wollten. An diesen Anblick wird er sich immer erinnern, glaubt Herrmann. So viele Menschen, die alle für dasselbe kämpfen. „Das zu sehen, hat jedem von uns enorm gutgetan“, sagt er. „Es war zu einer Zeit, als allen immer mehr die Kraft ausging.“ Und es war rückblickend vielleicht auch der Moment, in dem die Arbeit der Asylhelfer sehr viel politischer wurde.

Die Probleme haben sich sehr verändert, seit Herrmann 2016 die Stelle antrat. Damals waren noch überall die Turnhallen mit Flüchtlingen belegt, die Balkanroute war gerade dicht, die Hilfsbereitschaft noch enorm. Heute kämpfen Asylhelfer mit dem Arbeitsverbot oder der Angst vor den Abschiebungen. Es geht nicht mehr so sehr um die Unterbringung der Menschen, dafür aber um ihre Integration.

Es gibt neue Aufgaben für die Helfer. Und jede Menge neue Herausforderungen, sagt Herrmann. Wie es mit Herzensangelegenheiten so ist – das Thema Flüchtlinge wird ihn nicht loslassen, wenn er sich ab Mitte Juli in Schongau nun wieder seinen Aufgaben als Pfarrer widmet. Er will sich aber erst mal eine kleine Asyl-Auszeit nehmen. Das fällt ihm schon deshalb nicht so schwer, weil es mit Susanne Seeling inzwischen eine zweite hauptamtliche Asylkoordinatorin im Oberland gibt. Sie wird unterstützt von der Integrationslotsin Johanna Greulich. Die Arbeit geht weiter wie bisher – nur dass Jost Herrmanns Schreibtisch in dem gemeinsamen Büro ab Montag leer sein wird.

„Ich mache nun einen Monat lang Studienurlaub, um mich auf meine Arbeit als Pfarrer vorzubereiten“, kündigt er an. Einige Dinge gibt es schon, die er in den vergangenen zwei Jahren vermisst hat. „Den Konfirmandenuntericht zum Beispiel – die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat mir immer besonders Spaß gemacht.“ Dafür, sagt er, hat er die freien Wochenenden sehr genossen. Aber Jost Herrmann kennt sich selbst gut genug, um zu wissen, dass ihm womöglich bald die anderen Asylhelfer fehlen werden. „Im Herbst steht der nächste große Asylgipfel an“, sagt er. „Da werde ich sicher dabei sein.“

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