„Pendler werden massiv benachteiligt“

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Der neue MVV-Tarifplan sieht eine M-Zone für München und einzelne Orte im Umland vor. Doch nicht alle werden davon profitieren. Grafik: mvv

Gegen die MVV-Tarifreform regt sich Widerstand. Fahrgastverbände protestieren, dass Pendler des Münchner Umlands benachteiligt werden. Verantwortliche raten indes, die Reform erst mal „wirken“ zu lassen.

Kritik an MVV-Tarifreform

Von Dirk Walter

München – Bei der Verabschiedung der MVV-Tarifreform, um die monatelang gerungen worden war, gab es vor einer Woche viel Lob. Statt 16 Ringen wird es ab 9. Juni 2019 eine M-Zone und sieben Zonen außen rum geben (wir berichteten) – eine starke Vereinfachung. Die M-Zone umfasst München und einzelne Orte außerhalb, künftig kann man für nur 59,90 Euro im Monat in ganz München fahren.

Doch nun werden kritische Stimmen laut. Der Verkehrsclub Deutschland verweist auf einen „Pferdefuß der Reform“, wie es der Vorsitzende des Kreisverbands München, Wolfram Liebscher, nennt. Pendler im unmittelbaren Münchner Umland würden zum Teil „massiv benachteiligt“. Als Beispiel führt der VCD folgendes an: Eine Monatskarte Germering-Pasing kostet jetzt 55,20 Euro, künftig jedoch 89,90 Euro. Eine Preissteigerung um 61 Prozent. Eine Monatskarte Taufkirchen-Pasing, derzeitiger Preis 79,10 Euro, ist künftig für 59,90 Euro zu haben – 24 Prozent weniger. Die Strecke Germering-Pasing ist acht Kilometer lang, die Strecke Taufkirchen-Pasing 21 Kilometer. Warum werde man für eine kurze Strecke bestraft, fragt der VCD.

Der Grund liegt in der neuen M-Zone. Manche Orte am Rand sind als sogenannte Überlappungszone definiert, das heißt, sie zählen (wie es just bei Taufkirchen der Fall ist) noch zur M-Zone. Germering gehört indes nicht dazu, wer nach Pasing pendeln will, muss künftig eine Zone hinzu kaufen (M + 1), hat allerdings natürlich auch das Recht, mit seiner Karte in ganz München mit dem MVV zu fahren. So rechtfertigt auch der MVV die neue Regelung. „Jede Reform bedingt, dass es Gewinner und Verlierer gibt“, sagt der MVV-Tarifexperte Norbert Specht. Zu erwarten ist nach der Reform aber, dass ein Teil der Germeringer zum benachbarten Haltestelle Harthaus (gehört zur M-Zone) fahren wird – der dortige Park-und-Ride-Platz ist aber schon jetzt zu klein.

Verschiedene Nutzer monieren auch satte Preiserhöhungen am Rand des MVV-Gebiets. So wird die MVV-Seniorenkarte IsarCard 65 für den Gesamtraum um 29 Prozent teurer (89,40 statt 69,10 Euro), und für Gelegenheitsfahrer, die mit einem Tagesticket von der äußeren Zone 6 bis nach München oder an den Stadtrand fahren wollen, verdoppelt sich der Preis sogar.

Der meiste Protest regt sich jedoch im Landkreis München. So will Ismaning gleichfalls als „Überlappungszone“ definiert und somit Teil der M-Zone werden – würde die Reform unverändert in Kraft gesetzt, müsste ein Ticket der Preisstufe „M + 1“ gelöst werden.

Andere Sorgen plagen die Schäftlarner: Ihre Gemeinde ist künftig zweigeteilt: Hohenschäftlarn gehört zur Zone 1, Ebenhausen-Schäftlarn aber zur Zone 2. Dabei liegen die Bahnhöfe nur einen guten Kilometer Luftlinie auseinander. Der Preisunterschied für die Monatskarte inklusive M-Zone beträgt fast 30 Euro. Auch im Kreis Freising gibt es ein ähnliches Beispiel: Die (jeweils selbstständigen) Gemeinden Unterschleißheim und Oberschleißheim liegen in verschiedenen Zonen – auch da könnte der Pendelverkehr mit dem Auto einsetzen, schließlich kostet die Fahrt von Oberschleißheim nach München künftig nur noch drei statt vier Streifen. Ein findiger MVV-Nutzer aus Unterschleißheim hat schon eine Online-Petition dagegen gestartet.

Für Pro Bahn hat der Bahn-Kritiker Edmund Lauterbach die Reform einer Grundsatzkritik unterzogen. Auch er führt zahlreiche Ungerechtigkeiten an. „Stärker von Preiserhöhungen betroffen sind Fahrgäste, die von außerhalb nach München pendeln.“ Insbesondere Fahrten in städtische Außenbezirke, wo Industriebetriebe wie BMW liegen, „werden schnell mal 30 Prozent teurer“. Beispiel: Die Fahrt mit der S1 von Lohhof nach Milbertshofen (U2). Die Monatskarte wird künftig 118,90 statt 90,40 Euro kosten – ein Anstieg um über 31 Prozent. Ob die Kreistage, die die Reform verabschieden müssen, solche Preiserhöhungen widerspruchslos hinnehmen werden, steht dahin. Der Bürgermeister von Ismaning, Alexander Greulich (SPD), kündigte schon an, im Kreistag gegen die Reform zu stimmen. Das ganze Tarifwerk werde in dem Gremium nicht ohne Widerstand durchgehen, prophezeite er. Eher ruhig ist die Lage im Kreis Starnberg, wo am 23. Juli über die Reform abgestimmt wird. Auch im Kreistag von Bad Tölz-Wolfratshausen und im Stadtrat von München steht der neue Tarif noch im Juli auf der Tagesordnung.

Der Sprecher der MVV-Landkreise, Landrat Robert Niedergesäß aus Ebersberg, hofft auf einhellige Zustimmung. Jetzt noch Details der Reform zu ändern, sei unklug. Dafür sei bei der vereinbarten Überprüfung des Tarifwerks in zwei Jahren der geeignete Zeitpunkt. Die Reform müsse jetzt „erst mal wirken“ und, so der Appell von Niedergesäß, die Landkreise als nur einer von drei MVV-Gesellschaftern müssten „mit einer Stimme“ sprechen – schere einer aus, gebe es eine „neue Situation“.

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