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Das Paradies der jungen Kreativen

In Wolfsberg, einem Weiler im Chiemgau, passiert gerade etwas: Junge Künstler und Handwerker ziehen her, arbeiten und leben ihren Traum. Zu Besuch in einem Dorf, in dem es Kreative alleine schaffen wollen – ohne allein zu sein.

In Wolfsberg, einem Weiler im Chiemgau, passiert gerade etwas: Junge Künstler und Handwerker ziehen her, arbeiten und leben ihren Traum. Zu Besuch in einem Dorf, in dem es Kreative alleine schaffen wollen – ohne allein zu sein.

Von Anne-Nikolin Hagemann

Einmal Niesen – und alles ist hin: der nach und nach in die Höhe gezogene Zylinder, der eine Vase werden könnte oder eine Karaffe, so ebenmäßig, dass man genau hinsehen muss, um zu erkennen, wie er rotiert. In die dünnen Wände haben die Fingernägel von Christine Hübsch bei jeder Drehung haarfeine Rillen gezogen. Einmal Niesen – und er ist wieder nichts weiter als ein Klumpen grauer Ton, der sich auf der Töpferscheibe um die eigene Achse dreht.

Christine Hübschs Leben fühlt sich gerade ähnlich an: Es läuft. So glatt, dass man die Bewegung erst auf den zweiten Blick bemerkt. So glatt, dass man vergessen könnte, wie frisch, wie empfindlich das Ganze noch ist. Aber Christine Hübsch vergisst das nicht. Dass sie sich selbständig gemacht, ihr Erspartes und ihr Herzblut in eine eigene Keramik-Werkstatt gesteckt hat, ist nicht einmal ein Jahr her. „Für mich ist das alles noch sehr neu“, sagt sie. Und meint das Abenteuer Selbständigkeit, nicht die Arbeit an der Scheibe.

Vier Häuser, eine Scheune und ein Wolf aus Holz. Drumherum Hügel, Felder und viel Himmel. Hier hat Hübschs Abenteuer im März 2015 begonnen. Sie hatte ein bisschen die Kleinanzeigen studiert. Und ist auf diese gestoßen: Werkstatt zu vermieten in Wolfsberg, einem Ortsteil von Amerang im Chiemgau. Sie ruft an, eine Stunde später ist Besichtigung. „Diese Wand war noch nicht da“, sagt Christine Hübsch und zeigt hinter sich, „und diese auch nicht. Und der Boden hat gefehlt.“ Eigentlich war nichts da außer dem Blick auf die Felder und den Himmel. Und den netten Nachbarn natürlich. Aber dazu später mehr. Gesehen hat Hübsch ihre Werkstatt hier trotzdem schon – in Gedanken. Eine Woche später sagte sie zu.

Die wichtigsten Entscheidungen ihres Berufslebens hat Hübsch alle sehr schnell getroffen. Das Praktikum beim Keramiker in Wasserburg, zum Beispiel: Da war sie auf der Gestaltungs-Fachoberschule in München, Wasserburg am nächsten dran an ihrem Heimatort Forsting. Oder die Meister-Ausbildung zur Keramikerin in Landshut, nach zwei Jahren Reisen und einem Praktikum im Kindergarten – im letzten Moment meldete sie sich an. Dabei hat sie es ja eigentlich seit dem ersten Griff zum Ton gewusst: Das hier liegt ihr. Etwas formen, ganz nach den eigenen Vorstellungen. Sich dabei auch mal Dreck unter die Fingernägel ziehen. Und am Schluss denken: „Huch, das habe ja ich gemacht!“ Ein tolles Gefühl, jedes Mal wieder, auch jetzt noch.

Die Scheibe surrt leise. Draußen heult der Schneesturm so laut um die Hausecken, dass man meinen könnte, der hölzerne Wolf in der Einfahrt sei lebendig geworden. In der hellen Werkstatt ist es warm. Zumindest in der Nähe des alten Eisenofens, eine Heizung gibt es nicht. In der dunklen Haarsträhne, die Christine Hübsch immer wieder ins Gesicht fällt, schimmert es ganz leicht silbern, feiner noch als die Rillen im Ton. Sie ist jetzt 29. Und lernt täglich neue Dinge dazu, sagt sie, „ist das nicht toll?“ Buchhaltung, Finanzplanung. Und das mit dem Ofen zum Beispiel: Wie man ihn so heizt, dass einem die Finger morgens nicht steif werden am Ton. Oder wie man einen Marktstand aus Holz baut, für den Adventsmarkt, unten in Amerang. Der war die erste große Probe für sie: Wollen die Leute ihre Sachen überhaupt haben? „Das Schöne am Frei-Sein ist ja, dass man machen kann, was einem gefällt“, sagt sie, „aber wenn das keinem anderen gefällt – was dann?“

Bis man selbst weiß, was einem gefällt, dauert es lange, sagt Hübsch. Auf einem Balken unter der Decke reihen sich Teller und Tassen, die sie früher gemacht hat. Eher dunkel, manche bunt, manche mit Muster. Was unten auf den hellen Holzregalen steht, sieht ganz anders aus: Ihre Farben haben sich verändert, seit sie auf Himmel und Felder blickt. Aus den dunklen, kräftigen sind pastellige, sanfte geworden. Wolkenmuster, Spitzendeckchen-Prägung im Ton – und immer wieder ein Huhn. Die lebendigen Vorbilder scharren vor dem Fenster im gefrorenen Gemüsebeet und lassen sich von Schnee und Sturm die Federn zerzausen.

Vorsichtig hebt Christine Hübsch den Zylinder von der Töpferplatte und stellt ihn zum Trocknen auf. Sie sei eher Handwerkerin als Künstlerin, sagt sie. Ihr Geschirr, die Uhren, Lampen, Schlüsselbretter – das alles gehöre nicht in die Glasvitrine, sondern ins tägliche Leben. „Schau mal, mit oder ohne Knauf?“, fragt sie und meint die runden Dosen mit Holzdeckel. Über diese Frage denkt sie schon lange nach, seit Tagen. Es sind die kleinen Dinge, bei denen Hübsch das Entscheiden schwer fällt. Oft bittet sie dann ihre Nachbarn um ihre Meinung: Denn sie ist nicht die Einzige, die hier zwischen den Feldern arbeitet, bewacht vom Wolf aus Holz.

Aus der Tür gegenüber sprühen Funken hinaus in das Schneetreiben. Die Tür gehört zur Werkstatt von Sebastian Hans, sie sieht aus wie der Gegenpart zu ihrem Pastell: ein kleines Fenster, dunkles Eisen, Ruß am Ofen, leichter Geruch nach altem Rauch. Sebastian Hans ist Künstler, aber so nennen will er sich nicht. Von Beruf ist er Baumpfleger. Hier drinnen bearbeitet er Metall, schmiedet Türbeschläge, Klinken, Feuerschalen. „Zweckgebundene Kunst“ – mit diesem Begriff kann er sich anfreunden. Und dann ist da noch die Flugmaschine, die er mal gebaut hat. Wenn er sie anschaltet, klingt sie wie ein Hubschrauber vorm Start. Fliegen wird die Flugmaschine nie, aber darum geht es nicht.

Ein paar Türen weiter ist die Werkstatt seines Bruders Thomas, ebenfalls Baumpfleger und Teilzeit-Künstler. Er ist ausgebildeter Holzbildhauer, den Wolf in der Einfahrt hat er gemacht. Auf den Regalbrettern Holzfiguren, an den Wänden Krampus-Masken. Christine Hübsch atmet jedes Mal tief ein, wenn sie in die Werkstatt kommt, sie liebt den warmen Holzgeruch. Eigentlich sollten sie alle mehr zusammen arbeiten, findet sie, aber: die Zeit, die Zeit. Wenn die Kunst nicht Hauptberuf ist, käme man halt viel zu selten dazu, sagt Thomas mit entschuldigendem Schulterzucken. Den Mut von Christine bewundert er: „Wenn du es irgendwie schaffst, davon zu leben, dann solltest du das auch tun“, sagt er. Christine Hübsch nickt, erzählt von den Märkten, für die sie sich gerade bewirbt und dass es gerade ganz gut läuft. Thomas schlägt ihr einen Markt in der Umgebung vor, bei dem sie auch mal schauen soll.

Genau so hat sich Julian Conesa das vorgestellt: Offene Werkstatttüren, Inspiration und Synergie. Eine Art Künstler-Kiez auf dem Land, ein bisschen Kreuzberg in Oberbayern. „Es wuselt“, sagt er und klatscht in die Hände. Conesa ist Christine Hübschs Vermieter. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin hat er die alten Gebäude von Wolfsberg umgebaut zu Ateliers und Werkstätten, er selbst betreibt hier eine Schreinerei. Ein Mehrzweckgelände soll das Ganze mal werden, mit Handwerkern und Künstlern als Mietern, Kulturevents und Open Air Kino im Sommer. Die ruhigen Hügel um Amerang sind genau der richtige Ort für so etwas, glaubt er. Aber Julian Conesa sieht nicht nur die Idylle, sondern auch den Markt: „Es gibt hier einfach ein Interesse für Schönes“, sagt er. Und es gibt auch das nötige Geld dazu. München ist eine knappe Autostunde entfernt, die Besucherzahlen und Grundstückspreise steigen stetig. Wer sich leisten kann hier zu wohnen, kann sich auch ein Interesse für Schönes leisten.

Christine Hübsch hat kaum nachgedacht über Pro-Kopf-Einkommen und Synergie-Effekte, bevor sie alles investiert hat in gebrauchte Regale, einen Brennofen und einen teuren Sauger gegen den Tonstaub, der sich hier auf alles legt. Sie hat vor allem an das Licht gedacht, das durch die Fenster in die Werkstatt fällt und an die Gesellschaft nebenan: „Im Keller einsam vor sich hinwurschteln, das ist doch nichts.“ Sie will es alleine schaffen, ohne allein zu sein. In diesem Jahr könnte es klappen, die Einnahmen könnten die Ausgaben decken. Wie gesagt, es läuft.

Übrigens: Ein Atelier in Wolfsberg ist gerade frei geworden. Zwei Münchner Maler hatten es gemietet. Die sind weggegangen. Nach Berlin.