Ein Opfer zeigt Stärke

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Eine junge Frau wird nach einem Discobesuch vergewaltigt und fast erstochen. Sie überlebt mit starker Willenskraft. Rund 30 Jahre später wird der Täter aus dem Gericht abgeführt – und das damalige Opfer beeindruckt die Prozessbeobachter.

Lebenslange Haftstrafe

Von Miriam Bandar

Aschaffenburg – Lachend und gelöst verlässt die zierliche Frau mit den rotblonden Haaren in heller und schicker Sommerkleidung den Gerichtssaal. „Wahnsinn, was für eine starke Frau“, sagt ein älterer Zuschauer. „Bitte richten Sie Ihrer Mandantin einfach meine Hochachtung für ihren Auftritt hier aus“, spricht eine junge Frau den Anwalt an. Auch andere Beobachter und Teilnehmer sind sichtlich ergriffen von dem Gerichtsprozess im Landgericht Aschaffenburg, in dem es um versuchten Mord und brutale Vergewaltigung, aber auch um menschliche Abgründe und einen ganz starken Überlebenswillen ging.

Am Freitag wurde der 56-jährige Jürgen R. zu lebenslanger Haft wegen versuchten Mordes verurteilt – rund 30 Jahre nach der Tat. Ohne sichtbare Regung verlässt der untersetzte Mann in Begleitung von Beamten den Saal. Seinem damaligen Opfer ist die Erleichterung über das Urteil deutlich anzusehen. Die heute 52-Jährige hatte in den Verhandlungstagen zuvor alle Beteiligten mit ihrem starken Auftreten beeindruckt. Sie sei mit dem Ausgang sehr zufrieden, sagt ihr Anwalt Christoph Jahrsdörfer, der sie als Nebenklägerin in dem Strafprozess vertritt. „Der Prozess hat das Ergebnis gebracht, um das Geschehene angemessen zu verarbeiten und möglicherweise einen Abschluss zu finden.“

In der Urteilsbegründung rekonstruiert das Gericht den kalten Januartag 1988: Nach einem Discobesuch lauerte der damals 26-Jährige der 22-Jährigen an ihrem Auto auf und zwang sie, in ein Waldstück in Aschaffenburg zu fahren. Er hatte eine Vergewaltigung geplant, wollte einen brutalen Pornofilm nachspielen. In dem Waldstück vergewaltigte Jürgen R. sein spontan ausgewähltes Opfer über Stunden. Dann stach er mit einem Schraubenzieher auf Hals und Brust ein. Er trat gegen die leblos auf dem Boden liegende Frau und verscharrte sie nackt unter Laub.

Doch die Frau war nur bewusstlos und wachte wieder auf. Nach Schilderung des Richters schleppte sie sich „mit einer für uns kaum vorstellbaren Willenskraft“ zu einer Straße, wo sie ein Autofahrer fand und ins Krankenhaus brachte. Eine Not-OP rettete ihr Leben. Später lernte sie auch mit Hilfe von Psychotherapie mit der Tat zu leben und eroberte sich langsam ihren Alltag zurück. Doch sie musste fast 30 Jahre auf die Gewissheit, wer der Täter ist, warten. Eine DNA-Spur führte zu Jürgen R., er ist in der Datenbank, weil ihn seine Ehefrau zwischenzeitlich wegen Vergewaltigung angezeigt hatte. Für die Geschädigte war es wichtig zu wissen, dass er zu 100 Prozent der Täter ist und nicht nur in Folge eines Indizienprozesses verurteilt wurde.

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