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Der Flammen-Klau von Oberteisendorf

Olympisches Feuer gestohlen: Warum ein Fackelläufer vor 50 Jahren im Visier der Polizei stand

„Olympisches Feuer entführt“: Stefan Fritzenwenger präsentiert die AZ-Titelseite von damals (links: Auf dem Bild rechts .mit Fackel und dem Trikot der Fackelläufer für die Olympischen Spiele 1972.
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„Olympisches Feuer entführt“: Stefan Fritzenwenger präsentiert die AZ-Titelseite von damals (links: Auf dem Bild rechts .mit Fackel und dem Trikot der Fackelläufer für die Olympischen Spiele 1972.
  • VonKarlheinz Kas
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Stefan Fritzenwenger ist heute 74 Jahre. Sein Leben lang habe er nichts mit der Polizei tun gehabt, versichert er, schränkt aber kurz ein: „Nur einmal, das ist jetzt 50 Jahre her, als in Oberteisendorf das Olympische Feuer gestohlen wurde“.

Oberteisendorf –. Der gelernte Bankkaufman Stefan Fritzenwenger (heute 74 Jahre), der seit einem halben Jahrhundert Fußballtrainer ist und 40 Jahre lang Funktionär beim Bayerischen Fußballverband war, muss – angesprochen das gestohlene Olympische Feuer – schon etwas schmunzeln.

Immerhin hatte er es 1972 kurz vor den Olympischen Spielen in München auf die Titelseite der Münchner Abendzeitung geschafft, die dann im Innenteil auch noch auf einer halben Seite berichtete. Das war vor 50 Jahren und das einzige Mal, dass er etwas mit der Polizeit zu tun hatte.

Auf der Titelseite der Abendzeitung

„Zwischenfall 3 Tage vor Eröffnung der Spiele: Olympisches Feuer entführt – Die Flamme brennt bereits seit Mittwoch in München“, so titelte die Abendzeitung (AZ) in ihrer Freitag-Ausgabe vom 25. August 1972 und zeigte auf Seite eins den Oberteisendorfer als Fackelträger zusammen mit einem Vertreter von „Olympia-Stiftung Gast in München“.

Auf dem Bild ist zu sehen, wie das Stiftungsmitglied seine Zigarette an Fritzenwengers Fackel entzündet. Mit der Zigarette wurde dann eine Gasflamme entzündet und damit eine Kerze. Und mit dieser entfachten die „Feuer-Klauer“ dann in München das Olympische Vorfeuer, zu einem Zeitpunkt, da die echte Olympische Fackel noch von Mann zu Mann durch Oberbayern getragen wurde. „Dieses Feuer wird auf unserem Begegnungszentrum brennen“, verriet Stiftungsmitglied Kurt Hartmann damals der AZ.

„Ich lief nach Mitternacht“

„Ich kann mich nur noch vage erinnern, es war so viel los, hunderte Menschen standen links und rechts der Straße, klatschten und bewunderten uns Fackelläufer, es war aber stockdunkel, denn ich lief nach Mitternacht“, erzählt Fritzenwenger. Wie genau es zur Begegnung mit dem Stiftungsaktivisten kam, wisse er heute nicht mehr.

Mit der Fackel die Zigarette angezündet

Laut AZ hatte es sich wie folgt zugetragen: Der Aktivist sprach Fritzenwenger an und sagte: „Geh, Fackelläufer, host a Feuer für mi.“ Ohne zu zögern habe sich der gebückt, und mit der Fackel sei die Zigarette angezündet worden. Danach verschwand der Vertreter des Flammenklau-Kommandos in einem Auto. Das Feuer, jetzt auf einer Kerze, wurde nach München gebracht, vorbei am Olympiagelände zur Turnerschaft Jahn. Noch in der selben Nacht wurde dort ein gigantischer Holzstoß mit der Kerze aus Oberteisendorf entzündet und das Olympische Feuer brannte. Hartmann sagte zur AZ: „Das Feuer soll alle unsere Gäste an Olympia erinnern.“

„Die Olympische Flamme brennt bereits in München.“

Jochen Körner, damals 57, Abteilungsleiter für das Olympische Jugendlager und verantwortlich für den Fackellauf, kritisierte laut Zeitung die Aktion scharf. „Ich finde das nicht gerade olympiafreundlich“, wird er zitiert. Die AZ druckte rund um den Vorfall damals insgesamt fünf Bilder ab, den Feuerklau bei Fritzenwengers Fackel auf der Titelseite und im Innenteil, dazu ein Bild, wie das Feuer mit einem Bunsenbrenner auf die Kerze übertragen wird, ein Bild aus dem Auto der Aktivisten, wie sie gerade nach München fahren, und eine Aufnahme, auf der das große Feuer auf dem Gelände der Turnerschaft Jahn zu sehen ist.

Und darunter steht geschrieben: „ Die Olympische Flamme brennt bereits in München.“ Die AZ hatte damals nur einen kleinen Fehler in ihrer Berichterstattung. Sie schrieb vom Feuerklau in Ruhpolding, der aber fand in Oberteisendorf statt.

Nachspiel für den Fackelläufer

Für Stefan Fritzenwenger, der sich natürlich keinerlei Schuld bewusst war, hatte die Angelegenheit ein Nachspiel. Er bekam einen Anruf von der Polizei, die durch die AZ-Berichterstattung auf den Fall aufmerksam geworden war. Die Ordnungshüter vermuteten, dass der Oberteisendorfer mit den Münchner Aktivisten unter einer Decke stecken könnte. Aber natürlich weit gefehlt! Fritzenwenger war sich keiner Schuld bewusst, musste aber wenige Tage später auf die Gemeinde und wurde dort von Gemeindesekretärin Frieda Kraller zu dem Vorfall hochoffiziell befragt.

„Ich wusste natürlich von nichts, kam mir schon etwas seltsam vor, aber es klärte sich ja alles ganz schnell auf“, erzählt Fritzenwenger, der dann auch nie mehr etwas hörte. Vom Feuer-Klau hatte er bis dahin auch gar nichts gewusst, schließlich las er nur seine Lokalzeitung, nicht aber die Münchner AZ und gesagt hatte es ihm auch keiner. Irgendwann später bekam er dann von den Behörden ein offizielles Schreiben, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt sei.

Für jeden Verein zwei Läufer

Es war ein großes Spektakel, als das Olympische Feuer damals durch das Berchtesgadener Land und den Chiemgau getragen wurde. Die Fackelläufer wurden über den Bayerischen Landessportverband (BLSV) unter Führung vom damaligen Vorsitzenden Hans Dierl ausgesucht. Von jedem Verein durften zwei Läufer das Feuer jeweils über einen Kilometer tragen. Dann wurde es übergeben. Die Laufstrecke führte auch durch Oberteisendorf. Vom hiesigen Sportverein, dem SV Oberteisendorf, wurde neben Stefan Fritzenwenger noch Hans Hogger ausgewählt.

„Ich habe das Olympische Feuer vom Hans übernommen und es dann Richtung Traunstein auf der Landstraße einen Kilometer lang getragen. Die Übergabe erfolgte an einen Sportler vom SV Surberg“, weiß Fritzenwenger heute noch. Es sei damals schon eine große Ehre gewesen.

Auf drei Seiten der Festschrift über den Fall berichtet

Angesprochen auf den Feuerklau sei er vor allem beim 50-jährigen Gründungsfest des SV Oberteisendorf im Juli 2014 worden. Kein Wunder, denn in der Festschrift wurde auf drei Seiten über den Fall berichtet. „In dieser Nacht vom 23. auf 24. August kam es zu einem Skandal und mittendrin war unser Festleiter“, ist hier nachzulesen. Stefan Fritzenweger hatte auf zwei Seiten zuvor Grußworte an die Mitglieder entrichtet, ebenso wie 1. Bürgermeister Thomas Gasser, der BLSV-Vizepräsident und Vorsitzende des Bezirks Oberbayern, Otto Marchner, BGL-Landrat Georg Grabner und SVO-Vorstand Georg Quentin.

Dass Fritzenwenger Festleiter war, kam nicht überraschend, schließlich war er einer von drei Jugendlichen, die 1964 quasi Gründungsmitglieder beim SV Oberteisendorf waren. Fritzenwenger war damals knapp 17, Hans Huber und Hans Steiner 18.

Thema war der Fackellauf auch kürzlich in der Grundschule in Surberg, wo Fritzenwengers älteste Enkelin, Elisa, unterrichtet. Als es um die Olympischen Spiele 1972 in München ging und die Lehrerin die Fackel des Opas mit in den Unterricht brachte, war das Hallo natürlich riesengroß. Stefan Fritzenwenger hat drei Töchter Gabi, Daniela und Birgit und drei Enkelinnen Elisa, Michaela und Hanna und betreut mit seiner Gattin noch die 102-jährige Mutter, die mit ihnen im Haus in Oberteisendorf lebt.

Um den SV Oberteisendorf verdient gemacht

Um den SV Oberteisendorf hat sich Fritzenwenger mehr als verdient gemacht. Er war zwölf Jahre lang Abteilungs- und Jugendleiter, 22 Jahre Mitglied im Vereinsausschuss und ist seit 1968 bis heute, also über 50 Jahre Fußball-Jugendtrainer. Als im Jahr 2007 die Jugendfördergemeinschaft (JFG) Teisendorf gegründet wurde, war er auch hier aktiv, 15 Jahre als Trainer und 14 Jahre als Schriftführer in der Vorstandschaft.

Stefan Fritzenwenger war immer schon mit Leib und Seele Funktionär, auch beim Bayerischen Landessportverband (BLSV). Hier war er Kreisjugendleiter, Beisitzer in der Sportjugend, Delegierter beim Kreisjugendring, Mitglied im Jugendhilfeausschuss und Mitglied im Arbeitskreis Sport in Schule und Verein.

Die große Liebe galt dem Fußball

Seine ganz große Liebe gilt aber immer schon dem Fußball. 38 Jahre lang arbeitete er für den Bezirk Oberbayern im Kreis Inn/Salzach als Jugendgruppenleiter Ruperti. Er führte hier die Wieninger-Libella-Hallenturniere ein und durch, die Sparkassen-Pokalturniere, die Euregio-Hallenturniere – und er war immer für seine Jugendleiter der verschiedenen Vereine in der Gruppe Ansprechpartner und Kollege.

Sein Name stand auch beim Bayerischen Fußballverband (BFV) in München für Qualität. Stefan Fritzenwenger wurde mehrfach ausgezeichnet. Er erhielt die Verbandsverdienstnadel des BFV in Gold, die Verdienstnadel des Deutschen Fußballbundes, die Ehrennadel in Gold mit silbernem Lorbeerblatt des BLSV, den Ehrenamtspreis des BLSV-Bezirks Oberbayern, das Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten für Verdienste von im Ehrenamt tätigen Menschen, die Bezirksmedaille für ehrenamtliches Engagement vom Bezirk Oberbayern, die Verbandsnadel in Silber des Salzburger Fußballverbandes und die Anerkennungsmedaille für Verdienste in der Vereinsarbeit des Marktes Teisendorf.

Erinnerungsstücke bestens präsentiert

Über allem aber steht der Fackellauf von 1972. Fackel, Trikot, Medaille und Ehrenurkunde stehen bei Stefan Fritzenwenger hoch im Kurs. Wer in seine Wohnung kommt, sieht die Erinnerungsstücke gleich im Flur bestens präsentiert. Dort haben sie seit einem halben Jahrhundert einen Ehrenplatz.

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