BAYERN UND SEINE GESCHICHTEN

Von Olympia ins KZ

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
„Springerkönig“ Birger Ruud war einer der Stars der Olympischen Spiele 1936. Die Nazis deportierten ihn nach der Besatzung Norwegens ins Konzentrationslager Grini bei Oslo.

Selbst die Stars der Spiele von 1936 waren vor den Nazis nicht sicher

„Tragen Sie die olympische Idee in die Zukunft und damit in eine Zeit, die glücklicher als die heutige sein möge und die ehrenvolle und friedliche Beziehungen unter den Menschen wie unter den Völkern als ganz selbstverständlich ansehen wird.“ Als der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten zum Abschluss der Olympischen Winterspiele 1936 in der Kongresshalle in Garmisch-Partenkirchen ein letztes Wort an die Teilnehmer richtet, dürften die meisten Anwesenden kaum eine Ahnung davon gehabt haben, welche Katastrophe ihnen bevorsteht.

Birger Ruud war einer der großen Stars der Spiele. 150 000 Zuschauer pilgern am 16. Februar in Sonderzügen und Bussen zu den finalen Wettkämpfen sowie der Abschlussfeier. Auf der Ehrentribüne präsentiert sich auch Adolf Hitler kurz vor Beginn des Skispringens den Massen. Die deutsche Springerelite jedoch enttäuscht den Führer.

Den Sieg auf der Schanze erringt der Norweger Birger Ruud. Nach seiner Goldmedaille vier Jahre zuvor in Lake Placid ist dies bereits sein zweiter Triumph. Die deutsche Presse feiert den nur 1,63 Meter großen Vorzeigesportler als „Springerkönig“, der mit schmaler Skiführung, in den Hüften abgeknickter Vorlage und gut durchgedrücktem Kreuz gar nicht mal die weitesten Sprünge hinlegt, den Gesamtsieg jedoch durch seine stets formidablen Haltungsnoten sichert.

Ruud war im Ort bestens bekannt. Er arbeitete in Partenkirchen in einem Sportgeschäft, diese Konstellation half ihm, sich rechtzeitig mit den olympischen Anlagen und Strecken vertraut zu machen. Er war auch ein exzellenter alpiner Skifahrer, 1935 hatte er die inoffizielle deutsche Meisterschaft im Abfahrtslauf gewonnen.

So trat er bereits eine Woche vor seinem Triumph im Skispringen beim olympischen Kombinationswettbewerb, bestehend aus Abfahrts- und Torlauf, an und sicherte sich mit der schnellsten Zeit in der Abfahrt 100 Punkte und somit einen kleinen Vorsprung gegenüber seinem deutschen Herausforderer Franz Pfnür. Diesen büßte er dann im Slalom ein.

Als seine norwegische Heimat 1943 von den Deutschen okkupiert wird, hilft Birger Ruud die deutsche Vergangenheit jedoch auch nicht weiter. Zu „unkooperativ“ hatte er sich gegenüber den Besatzern gezeigt und darüber hinaus auch noch illegal Sportveranstaltungen organisiert. Er wird gemeinsam mit seinen Brüdern verhaftet und sitzt ein Jahr lang im norwegischen Konzentrationslager Grini bei Oslo ein. Kurz vor der Befreiung Norwegens wird er von den Nazis wieder freigelassen. Er hatte das KZ überlebt.

Bronislaw Czech war das nicht vergönnt. Der polnische Landesmeister im Abfahrtslauf, der bereits 1928 in St. Moritz und 1932 in Lake Placid an Skisprung, Kombination und Langlauf teilgenommen hatte, trudelt in Garmisch-Partenkirchen auf Platz 20 ein. Czech überlebt den Krieg nicht. Er agiert als Kurier des Widerstands und Flüchtlingshelfer. Er ist einer der ersten Häftlinge, die von den Nazis nach Auschwitz deportiert werden. Dort verbringt Czech insgesamt vier Jahre, bevor er 1944 stirbt. Die einen Quellen geben Typhus als Todesursache an. Andere schreiben, er sei schlichtweg der Erschöpfung erlegen.

Der Historiker Tomasz Jurek hat das Leben von Bronislaw Czech nachgezeichnet und den Brief eines Mithäftlings an dessen Familie veröffentlicht. Hieraus ist ersichtlich, wie bewegend der Tod des Mitgefangenen für die anderen Häftlinge gewesen sein muss. Den Schilderungen zufolge spielten einige Roma Musikstücke vor den Baracken der Gefangenen – und nachdem sie vom Tode Czechs erfahren hatten, ihm zu Ehren Chopins Trauermarsch.

Ein sportliches Multitalent war der Belgier Martial van Schelle. Als Schwimmer hatte er an mehreren Sommerspielen teilgenommen, 1936 nach Garmisch-Partenkirchen kommt er als Mitglied des Zweier- und Viererbob-Teams, erreicht einen fünften Platz.

Im Krieg hilft er alliierten Piloten auf der Flucht, unterstützt die Resistance. Er wird inhaftiert. Nach zwei Monaten im KZ Breendonk wird Martial van Schelle mit sechs weiteren Gefangenen vor ein Erschießungskommando gestellt. Es ist eine Vergeltungsaktion für ein Attentat auf einen lokalen SS-Mann. Das bewegte Leben des belgischen Patrioten und Weltbürgers findet mit gerade einmal 43 Jahren sein Ende. In sein Testament lässt er den Satz „Ich bin für Belgien gestorben“ diktieren.

Christian Hanf

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare