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Fünf Jahre nach dem Terror

OEZ-Anschlag von München: Als extremer Hass neun Menschen tötete

Gedenkveranstaltung fünfter Jahrestag OEZ-Anschlag
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Ein Kameramann filmt vor Beginn der «Gedenkveranstaltung zum fünften Jahrestag des Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum OEZ“, bei der später auch der Münchens OB Reiter und Ministerpräsident Söder erwartet werden. Vor fünf Jahren erschoss ein junger Attentäter, neun Menschen und tötete sich anschließend selbst.
  • Benjamin Schneider
    VonBenjamin Schneider
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Am 22. Juli 2016 geriet die Stadt München in Schock und Panik. An diesem Abend erschoss ein 18-Jähriger neun Menschen, vor allem Jugendliche. Ein Racheakt für Mobbing? Oder Rassismus? Eine jahrelange Debatte, die bei den Familien tiefe Spuren hinterließ.

München - Es waren Stunden des Schreckens. Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-Jähriger rund um das Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München neun Menschen und tötete sich dann selbst. Die Opfer: acht Jugendliche und eine 45-Jährige, fast alle mit Migrationshintergrund. Ihre Familien wurden an diesem Sommerabend ins Unglück gestürzt, eine ganze Stadt geriet in Panik aus Angst vor weiteren Anschlägen.

Ein Amoklauf, ein Racheakt wegen Mobbings, hieß es lange - obwohl eine rechtsradikale Gesinnung des Täters bald offenbar wurde. Erst 2018 stufte das Bundesamt für Justiz die Tat als extremistisch ein. Ein Zögern, das die Familien immer noch beschäftigt, wenn sich der Anschlag an diesem Donnerstag (22. Juli) zum fünften Mal jährt.

Erinnerung am Jahrestag

Am Jahrestag kämen die Erinnerungen wieder hoch, sagt Rechtsanwalt Onur Özata, der noch Kontakt zu einer der Familien hat. Er hatte sie als Nebenklageanwalt vertreten, als dem Verkäufer der Tatwaffe in München der Prozess gemacht wurde, der 2018 zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, inzwischen auch rechtskräftig. Es sei der Familie ein großes Anliegen, dass das Andenken an den damals 19-jährigen Giuliano-Josef und die anderen nicht verschwinde. Zudem kämpften sie immer noch gegen den Alltagsrassismus, dem sie als Sinti-Familie regelmäßig ausgesetzt seien.

Dass die Tat so lange als unpolitischer Amoklauf galt, mit dem sich der 18-Jährige für jahrelanges Mobbing rächen wollte, habe die Menschen verletzt, erklärt der Anwalt. Bei den Angehörigen entstehe das Gefühl, als schiebe man ihnen die Schuld dafür zu, weil das Mobbing in ihrem Verhalten liege und der Grundstein der Taten sei.

LKA stufte Tat erst 2019 als extremistisch ein

Ludwig Waldinger, Pressesprecher des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA), erklärt, warum es dauerte, bis die Tat im März 2018 erst vom Bundesamt für Justiz, 2019 dann vom LKA als extremistisch eingestuft wurde. Rechtsradikalismus habe nach den ersten Erkenntnissen nur zu einem kleinen Teil eine Rolle gespielt. Erst im Laufe der Jahre seien immer mehr Mosaiksteinchen hinzugekommen, die die Tat in ein anderes Licht gerückt hätten.

Innenministerium sieht keine Fehler

Auch das Bayerische Innenministerium sieht keine Fehlbewertung. Man habe stets von einem Motivbündel gesprochen. Die Ermittlungsbehörden hätten die grauenhafte Tat des David S. nicht nur im Hinblick auf den Ablauf, sondern auch auf die Motivlage ergebnisoffen, gewissenhaft und sorgfältig ausermittelt.

Täter radikalisierte sich im Internet

Was über David S. offenbar wurde, war erschütternd. Ein Täter, der rassistisches Gedankengut verinnerlicht hatte, sich in Chat-Gruppen bewegte mit Namen wie „Amoklauf“, „Anti-Refugee-Club“ oder „Fuck Turkey“. Der exzessiv Ego-Shooter-Spiele zockte, der von Amoktaten wie in Winnenden und Erfurt fasziniert war. Und der seine Tat genau fünf Jahre nach den Anschlägen des rechtsextremen norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik beging. Wie Breivik hatte David S. ein Manifest verfasst.

Bluttaten erschüttern Deutschland

Der OEZ-Anschlag reiht sich ein in eine schlimme Folge von Bluttaten. Erst vier Tage zuvor am 18. Juli 2016 hatte in einem Regionalzug in Würzburg ein Mann mit Axt und Messer eine Familie und später eine Passantin angegriffen und sie verletzt. Am 24. Juli 2016 sprengte sich in Ansbach ein islamistischer Selbstmordattentäter in die Luft und verletzte 15 Menschen.

Rechtsextremistisch motiviert war etwa der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019. Oder rund vier Monate später der Anschlag auf die Synagoge in Halle, bei dem zwei Menschen starben und weitere verletzt wurden. Die Ursachen finden sich auch im Internet, in massiven Anfeindungen, Hetze und Beschimpfungen.

Radikale Chatgruppen Nährboden für Gewalt

Der Münchner Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Hartleb ist Hate-Speech-Beauftragter der Staatsregierung und koordiniert die strafrechtliche Bearbeitung dieser Hass-Reden. 80 Prozent der Täter in dem Bereich seien im rechten bis rechtsextremen Bereich anzusiedeln, erklärt er. Vieles spiele sich in geschlossenen Chatgruppen ab - Filterblasen, in denen der Radikalisierung Vorschub geleistet werde. „Da bestärken die sich in ihren extremen Ansichten, überbieten sich, jeder will noch etwas Krasseres posten“, sagt Hartleb. „Da entsteht schon ein Nährboden für Gewalt.“

Bayern kämpft gegen Extremismus im Netz

Dass daraus keine Taten entstehen - dafür will Bayern mit einem überarbeiteten Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus sorgen, etwa mit den Sonderdezernaten, die an allen Staatsanwaltschaften des Bundeslandes eingerichtet wurden. Allein 2020 führten sie 1648 Verfahren wegen Hasskriminalität im Internet.

Für die Opfer von München kommt das zu spät. Das Denkmal „Für Euch“ am Tatort erinnert an ihre Namen und weist darauf hin, dass sie bei einem rassistischen Anschlag starben.

Gedenkfeier am Jahrestag

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) werden am Jahrestag zu einem Gedenken kommen, auch Angehörige und sicher viele Freunde. So wie am Tag nach der Tat, als Blumen, Kuscheltiere, Fotos und Kerzen von überwältigender Trauer zeugten. Unter den Trauernden: vor allem Eltern, Kinder und Jugendliche. Denn nur eines der Opfer war eine Erwachsene, die anderen allesamt Jugendliche, die Jüngsten gerade mal 14 Jahre alt.

dpa

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