Der „Ochsensepp“

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Seit an Seit – aber nur fürs Foto: Alois Hundhammer (vorne li. mit Bart) und Josef Müller (3.v.r.) waren erbitterte Feinde. Hier gehen sie beim Fronleichnamszug durch München, vermutlich 1948. Foto: Archiv/fkn

Vom Bauernaufstand 1705 bis zur Anti-Startbahn-Demo, vom Revolutionär Kurt Eisner bis zum grünen Dickschädel Sepp Daxenberger – in Bayern gab es immer auch einen Hang zur Rebellion. Das Haus der bayerischen Geschichte hat den Revoluzzern ein Sonderheft gewidmet – wir stellen einige der Widerspenstigen vor.

SERIE: BAYERISCHE REBELLEN (Teil 4)

Vom Bauernaufstand 1705 bis zur Anti-Startbahn-Demo, vom Revolutionär Kurt Eisner bis zum grünen Dickschädel Sepp Daxenberger – in Bayern gab es immer auch einen Hang zur Rebellion. Das Haus der bayerischen Geschichte hat den Revoluzzern ein Sonderheft gewidmet – wir stellen einige der Widerspenstigen vor.

von dirk walter

München – Urteile über Josef Müller (1898-1979), den legendären Ochsensepp, waren meist nicht sehr schmeichelhaft. Vielen galt der Mitgründer der CSU als intrigant, autoritär und gerissen. Manche misstrauten ihm als heimlichen Kommunisten, nannten ihn einen „Kryptomarxisten“. Wer es mit ihm wohl meinte, ordnete ihn als schelmisches Schlitzohr ein.

Josef Müller war ein sozialer Aufsteiger – er war das sechste Kind einer Kleinbauernfamilie aus dem oberfränkischen Steinwiesen. In den Sommerferien ließ er sich, statt der Ochsen, manchmal selbst vor den Mistkarren spannen – daher der Name „Ochsensepp“, den sich Müller gerne gefallen ließ.

Er war 1917 als junger Soldat im Ersten Weltkrieg („IX. Bayerisches Minenwerfer-Bataillon“), studierte später in München und wurde Anwalt mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht. Müller war seit 1920 Mitglied der katholischen Bayerischen Volkspartei, hatte aber, anders als manch andere Gründerfigur der CSU, vor 1933 keine nennenswerte Parteikarriere gemacht. „Zur Eintrittskarte für eine politische Karriere nach Kriegsende“, so der Historiker Thomas Schlemmer, wurde stattdessen seine Tätigkeit im Geheimdienst der Wehrmacht: Im Auftrag von Admiral Canaris und General Oster führte Müller, vermittelt vom Vatikan, mit der Regierung Großbritanniens Verhandlungen. 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet. Die Schrecken des NS-Regimes durchlitt er als KZ-„Sonderhäftling“ in Buchenwald, Flossenbürg und Dachau. Befreit wurde er am Pragser Wildsee (Südtirol), wohin ihn die SS am Schluss noch verschleppt hatte.

Das war ein ganz anderer politischer Hintergrund als der vieler CSU-Mitglieder, die die NS-Zeit mit unpolitischer Haltung privat überdauert hatten. Seine Vergangenheit wurde ihm manchmal auch übel genommen – der zeitweilige Bundesfinanzminister Fritz Schäffer (CSU) etwa bezeichnete die Aktivitäten seines Kontrahenten während des Zweiten Weltkriegs offen als „Landesverrat“. Mehr als einmal musste sich Müller vor Gericht gegen Verleumdungen wehren – zum Beispiel gegen die Behauptung eines Bayernpartei-Funktionärs, Müller sei „der Mann, der mit den Kommunisten paktiert“.

Im Herbst 1945 war Müller der wohl wichtigste Initiator der CSU-Gründung. Anders als die BVP verstand Müller die CSU von Anfang an nicht als katholische, sondern als überkonfessionelle Partei. „Im Sommer 1945 versammelte er den ,Ochsen-Club’ um sich – einen informellen Gesprächskreis“, schreibt der Historiker Wolfgang Reinicke. „Das Networking zahlte sich aus: Müller übernahm den Vorsitz der CSU, die am 8. Januar 1946 landesweit von der US-Militärregierung als Partei zugelassen wurde.“

Als Parteivorsitzender hintertrieb Josef Müller Überlegungen, in der Bayerischen Verfassung einen Staatspräsidenten als eine Art Ersatz-König festzuschreiben – sowohl der konservative Katholik Alois Hundhammer als auch der mit ihm in dieser Frage verbündete Wilhelm Hoegner (SPD), die sich Hoffnungen auf das Amt gemacht hatten, waren danach auf Müller nicht mehr gut zu sprechen. Eigentlich wäre Josef Müller nach der Landtagswahl am 1. Dezember 1946, bei der die CSU triumphale 52,3 Prozent der Stimmen holte, der natürliche Anwärter auf den Posten des Ministerpräsidenten gewesen. Doch die katholisch-klerikalen Fronde in der CSU machten ihm einen Strich durch die Rechnung: Bei der Wahl am 21. Dezember in der eiskalten Aula der Münchner Universität – das alte Landtagsgebäude in der Prannerstraße war stark bombengeschädigt – erhielt Müller nur 73 von 175 abgegebenen Stimmen. Müller war fassungslos. Sein Gegenspieler Alois Hundhammer sorgte dafür, dass noch am selben Tag statt Müller der gar nicht nominierte Parteifreund Hans Ehard zum Regierungschef gewählt wurde. Müller blieb selbst bei der Auswahl der Minister unberücksichtigt – erst nach einer Kabinettsumbildung erhielt er 1947 das Amt des Justizministers. 1949 musste er den Posten des CSU-Parteichefs zugunsten von Ehard aufgeben. Das war das Ende der Ära Müller.

Dieser probierte 1960 noch einmal als OB-Kandidat in München eine politische Wiedergeburt, scheiterte aber. 1962 gab er sein Landtagsmandat auf, danach war er als Unternehmer tätig.

(Ende der Serie)

Buchhinweis

„Rebellen - Visionäre - Demokraten“, das vom Haus der bayerischen Geschichte herausgegebene Sonderheft der „Edition Bayern“ kostet 10 Euro (zuzüglich Versand) und ist über den Verlag Pustet zu beziehen (Tel. 09 41/92 02 20).

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