Notker Wolfs Heimatgefühl München – Am Mittwoch feiert Deutschland den Tag der Deutschen Einheit.

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Notker Wolf dpa

Notker Wolfs Heimatgefühl. München – Am Mittwoch feiert Deutschland den Tag der Deutschen Einheit.

Pünktlich dazu legt Abt Notker Wolf (78) vom Kloster St. Ottilien sein neues Buch vor. Der ehemalige Chef der benediktinischen Konföderation lebte lange in Rom, reiste um den Globus – und erklärt im Buch, was Heimat wirklich ausmacht.

Abt Notker, warum widmen Sie sich dem Thema Heimat?

Es ist ein sehr aktuelles Thema. Wir haben ein Heimatministerium, wir diskutieren viel über die Werte der Heimat. Besonders, nachdem so viele Flüchtlinge zu uns gekommen sind.

Die AfD macht mit dem Heimatbegriff Stimmung gegen Flüchtlinge. Woher kommt die Angst vor dem Fremden?

Das Fremde verunsichert uns. Viele haben das Bedürfnis, sich an etwas festzuhalten und meinen, sie könnten sich an der Vergangenheit festhalten. Sie verkennen, dass Heimat beweglich ist. Ich bin zum Beispiel vor drei Wochen wieder nach Rom geflogen. Ich habe gemerkt: Ich komme heim in die Fremde. Nach nur zwei Jahren sieht es dort schon wieder anders aus. Wir haben Angst vor Veränderung. Dabei hat es in der Geschichte viele Begegnungen mit fremden Kulturen gegeben. Die Germanen zum Beispiel sind in das römische Reich eingewandert und eingefallen. Mit Heimat verhält es sich wie mit einem Baum. Unten hat er Wurzeln, aber oben zaust ihn kräftig der Wind.

Wo ist Ihre Heimat?

An meinem Geburtsort, dem ich mich sehr verbunden fühle. Meine zweite Heimat ist St. Ottilien. Heimat sind für mich die Menschen, mit denen ich zusammengelebt habe und zusammenlebe. Mit denen ich gemeinsame Werte, Sprache und Geschichte teile. Als Mönch bin ich insofern ein Sonderfall, als dass ich in allen Klöstern rund um die Welt immer ungefähr dieselbe Ordnung vorfinde. Eine halbe Stunde nach der Landung stehe ich mit meinen Mitbrüdern oder -schwestern in der Kirche, feiere die Eucharistie und singe die Vesper. Heimat ist da, wo Jesus Christus ist.

Erlebten Sie als Deutscher im Ausland je Ablehnung?

Nur einmal. Ich saß in Rom beim Fernsehen mit Studenten. Es wurde ein Film über das Dritte Reich gezeigt. Als das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde, bin ich rausgegangen. Weil ich dieses Lied nicht mehr hören kann. Da hat mir einer nachgerufen: „Geh ruhig zu! Ihr Deutschen habt noch immer braunes Blut in den Adern.“ Da habe ich gemerkt, wie sehr abfällige Bemerkungen über andere Nationen verletzen können.

Wann fühlen Sie sich fremd?

Ich war in China. Der Chef des Gesundheitsamtes lud mich zum Essen ein und sagte: So, jetzt gibt’s zur Feier des Tages Hund. Ich habe vorher einen Schnaps getrunken, damit das verkraftbar war. Gerade was Essen angeht, habe ich gestaunt, was man alles essen kann. Froschlaich, das Nackenstück einer Schildkröte. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen: Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht. Ich gehöre zu denen, die sagen: ich bin mal gespannt, wie das schmeckt.

Und wie schmeckt Hund?

Etwas süßer als Menschenfleisch (lacht).

Würden Sie noch mal Hund essen?

Wenn es sein muss. Aber ich würde ihn nicht bestellen. Genauso wie Schlangen. Die können furchtbar zäh sein.

Wäre es respektlos, den Hund abzulehnen?

Ja. Das wäre eine Ablehnung der dortigen Kultur gewesen. Ich war ja noch dazu immer der Hauptgast. Man hat mir beim Essen zugeguckt. Ich musste immer vorsichtig sein, zu sagen: Oh, ist das aber lecker! Denn dann hatte ich sofort die zweite Portion auf dem Teller.

Interview: B. Stuhlweißenburg

Das Buch

„Hier bin ich Mensch , hier darf ich sein: Was Heimat wirklich ausmacht“, 192 Seiten, Verlag bene, 18 Euro.

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