1. Prozesstag nach Bluttat auf offener Straße in Neumarkt-St. Veit – lebensgefährliche Freundschaft?

Am Fruhmannhausgriff die Polizei zu, nahm den 26-jährigen Eritreer fest, der zuvor einen Kasachen mit einer Schere schwer verletzt hatte. Eß/fib
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Am Fruhmannhaus griff die Polizei zu, nahm den 26-jährigen Eritreer fest, der zuvor einen Kasachen mit einer Schere schwer verletzt hatte. Eß/fib
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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  • Monika Kretzmer-Diepold
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Schnittwunden an den Armen, eine Stichverletzung im Nacken: Mit einer Schere ist ein 30-jähriger Kasache im Juni 2019 attackiert und schwer verletzt worden. Passanten konnten wohl Schlimmeres verhindern. Jetzt ist der Prozess gestartet. 

Update 18. Februar:

Seit Dienstag, dem 18. Februar, muss sich der teilgeständige Tatverdächtige wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verantworten. Der Prozess wird am 3. und 10. März, jeweils um 9 Uhr, fortgeführt.

Kurzer Wortwechsel, dann soll der Angriff erfolgt sein

In der Anklage geht Staatsanwalt Markus Andrä von einem Angriff des 27-Jährigen nach einem kurzen Wortwechsel am Abend des 26. Juni 2019 im Bereich einer Unterführung nahe eines Einkaufsmarkts aus. 

Erst soll der Eritreer dem Kasachen einen Faustschlag versetzt haben, dem dieser ausweichen konnte. Daraufhin soll der Angeklagte die Schere aus dem Rucksack geholt und damit mindestens fünf Mal auf Hals, Nacken und Oberkörper des 30-Jährigen eingestochen haben, gefolgt von weiteren Faustschlägen. Der Geschädigte wehrte sich und flüchtete. Der 27-Jährige lief hinterher und rief „Ich bring Dich um, Du Nazischwein.“ 

Angeklagter soll nach der Tat davongeradelt sein

Dann kamen Passanten dem 30-Jährigen zu Hilfe. Der Angeklagte radelte weg in Richtung seiner Wohnung in einer städtischen Notunterkunft, wo ihn kurze Zeit danach Polizeibeamte widerstandslos festnehmen konnten. 

Lebensgefährliche Verletzungen 

Ärzte registrierten später am Opfer knapp 20 einzelne Verletzungen – bis zu sechs Zentimeter tiefe Stichwunden, wenige große und viele kleinere Hämatome sowie zahlreiche Hautdefekte wie Abschürfungen und Kratzer. Der Staatsanwalt geht von Lebensgefahr für das Opfer aus.

Folgt man dem Angeklagten, spielte sich das Geschehen etwas anders ab. Verteidiger Martin Lämmlein aus Mühldorf gab eine Erklärung ab. Demnach wollte sich der 27-Jährige von einem Bekannten die Haare schneiden lassen, nahm dazu Schere und Kamm mit. Weil sich der Bekannte verspätete, wollte der Eritreer zwischendurch in dem SB-Markt Alkohol kaufen. Dabei traf er zwei Frauen, mit denen er sich auf dem Gehsteig unterhielt. 

Hatte das Opfer dem Angeklagten gedroht? 

Plötzlich packte ihn jemand von hinten und sprach ihn lautstark wegen der Drogenschulden an – die aber angeblich gar nicht existierten. Der 27-Jährige sollte dem Kasachen einige Male von Flüchtlingen Marihuana besorgt haben. Der Verteidiger schilderte mehrfache Streitereien wegen der 30 Euro im Vorfeld der Tat, eine Vielzahl von Sprachnachrichten und heftigen Bedrohungen des 30-Jährigen gegenüber seinem Mandanten mit „Umbringen“, falls er nicht zahle. Der Angeklagte habe die Drohungen „absolut ernst genommen“.

Der auf dem Gehweg von hinten überrumpelte 27-Jährige dachte vorgeblich nicht lange nach und stach mit der Schere in Richtung Hals des 30-Jährigen, in der anschließenden Rauferei noch drei Mal. Der Verteidiger betonte, sein Mandant habe Blut am Hals des Kasachen gesehen und daraufhin sofort aufgehört. 

Der Geschädigte sei zu dem Supermarktparkplatz gelaufen, der Angeklagte mit dem Rad Richtung Innenstadt gefahren. Dann habe er den von Leuten umringten 30-Jährigen am Kreisverkehr erneut gesehen, laut etwas geschrien wie „Du Nazischwein“, aber den Geschädigten nicht nochmals attackiert.

"Er wollte ihn keinesfalls töten" 

Der Anwalt führte zum Motiv aus: „Warum mein Mandant die Schere ergriffen hat, kann er nicht genau sagen. Er hatte vor dem ihm körperlich überlegenen Mann Angst. Er hat gewollt, dass dieser von ihm ablässt. Er wollte ihn keinesfalls töten.“ Dem 27-Jährigen, der große Reue empfinde, sei klar, dass die Tat nicht gerechtfertigt war. Der Angeklagte war 2012 aus seiner Heimat wegen Blutracheproblemen seiner Familie geflohen. 2014 kam er nach München, später nach Eggenfelden, Pfarrkirchen und Neumarkt-Sankt Veit. 2015 begann er mit dem Konsum von Marihuana, ab 2017 trank er vermehrt Alkohol.

Beamte der Kripo Mühldorf schilderten am Dienstag ihre Ermittlungsergebnisse, ehe der 30-Jährige in den Zeugenstand trat. Er sprach von „Freundschaft“ mit dem 27-Jährigen mit fast täglichem Kontakt. Gemeinsam habe man oft Bier getrunken. Der Geschädigte bestätigte den Sachverhalt der Anklage gestern weitgehend, räumte seinerseits ein, den Flüchtling vor dem Geschehen bedroht, beschimpft und beleidigt zu haben. Genaueres wollte er nicht wissen – weil er "besoffen" gewesen sei. Die Beleidigungen seien wohl der Grund für die Stiche gewesen, vermutete der Zeuge.

Beide entschuldigten sich

Der 30-Jährige war einige Tage im Krankenhaus und leidet bis heute unter einem Taubheitsgefühl am Kopf. Wenn er sich anstrengt, verspürt er Kopfschmerzen. Auch Angstzustände und Schlafstörungen plagen ihn. In ärztlicher Behandlung sei er jedoch nicht, erwiderte der Zeuge auf Frage von Vorsitzendem Richter Erich Fuchs. Mit seinen ausweichenden Antworten zum Thema „Betäubungsmittelgeschäfte“ samt großer Erinnerungslücken stieß der mehrfach einschlägig vorbestrafte 30-Jährige bei der Kammer auf wenig Glauben. 

Dazu der Vorsitzende Richter: „Es gibt Zeugen, die uns mit Frechheit anlügen. Sie gehören dazu. Betäubungsmittel sind Ihre Hauptspezialität.“ 

Vor Verlassen des Gerichtssaals entschuldigte sich erstaunlicherweise der Geschädigte bei dem Mann auf der Anklagebank: „Es tut mir leid, was passiert ist.“ Der 27-Jährige tat es ihm gleich und entschuldigte sich seinerseits. 

Update 29.01. 

Neumarkt-St. Veit – Blut an den Armen, blutüberströmt das Gesicht, das T-Shirt ebenfalls blutdurchtränkt: Es war wie im Horrorfilm, als im Juni 2019 ein schwer verletzter Mann über den Kreisverkehr taumelte, verfolgt von einem Eritreer, der ein blutverschmierte Schere in den Händen gehalten hatte. Versuchter Totschlag – hieß es seitens der Polizei, die kurze Zeit später den Täter festnehmen konnte. 

Der sitzt seitdem im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. Der Termin steht nun fest: Das Landgericht Traunstein wird am 3. März über das Strafmaß entscheiden. 

Es drohen mehrere Jahre Gefängnis

Der 26-jährige Eritreer muss mit einem empfindlichen Strafmaß rechnen. Wie es seitens der Pressestelle am Landgericht Traunstein heißt, stehen auf Totschlag fünf bis 15 Jahre Freiheitsentzug. Bleibt es beim versuchten Totschlag, wie im Falle des Eritreers, drohten dem Angeklagten maximal Dreiviertel der Höchststrafe. 

Der Zeitpunkt der Festnahme: Knapp eine Stunde nach der Scherenattacke hatten die Polizeibeamten im Juni 2019 den flüchtigen Eritreer gestellt. Am 3. März wird dem am Landgericht Traunstein der Prozess gemacht. Die Anklage: versuchter Totschlag.

Angreifer floh zunächst – und kehrte mit blutverschmierter Tatwaffe zurück

Im Juni 2019 war es am Penny-Parkplatz offenbar zu einem Streit zwischen dem Afrikaner und einem 30-jährigen Kasachen gekommen. In dessen Verlauf zog der 26-Jährige dann eine Schere aus einer Tasche, mit der er seinem Kontrahenten nicht nur Schnittverletzungen beigebracht hatte. Er versetzte dem Kasachen auch einen Stich in den Nacken, dieser floh in Richtung Kreisverkehr vor dem Scherenmann. 

Als Verkehrsteilnehmer anhielten, um sich um den Verletzten zu kümmern, flüchtete der Angreifer zunächst. Wenige Minuten später war der damals schon polizeibekannte Eritreer aber wieder zurückgekehrt, immer noch mit der blutverschmierten Tatwaffe in der Hand, beschimpfte sein Opfer – auch dieses war zu diesem Zeitpunkt schon polizeibekannt – damit, dass er keine Lügen über ihn verbreiten solle und suchte dann erneut das Weite, nachdem er sich mehreren Ersthelfern gegenüber sah. 

Sofort hatte die Kriminalpolizei die Fahndung eingeleitet und war dann am Stadtplatz auch fündig geworden. Mit gezogenen Waffen stellten die Polizeibeamten den Flüchtigen dann im Durchgang zum Fruhmannhaus, überwältigten und fixierten ihn, um ihn anschließend unter Gewahrsam zu nehmen.

Der Tatverdächtige ist polizeibekannt

Seitdem sitzt er in der Justizvollzugsanstalt ein, aktuell in Bayreuth, wie es von der Pressestelle am Landgericht Traunstein heißt. Beim Prozess im März wird es übrigens nicht das erste Mal sein, dass der Eritreer einen Gerichtssaal von innen sieht.

Im Oktober 2019 kam er in Polizeibegleitung zum Amtsgericht nach Mühldorf, wo er als Zeuge im Prozess gegen einen Drogendealer auszusagen hatte. Ein Jahr vor der Scherenattacke war es der Eritreer, der die Polizei gerufen hatte, weil ihm der damals angeklagte Nigerianer 40 Euro nicht zurückzahlen wollte, für die der, wie sich im Nachhinein herausgestellt hatte, Marihuana erwerben wollte. 

Schon bei diesem Prozess vor knapp drei Monaten war der Eritreer nicht gerade auskunftsfreudig, wirkte genervt und gab schließlich auch in gutem Deutsch zu verstehen „Ich habe gerade andere Probleme!“

Meldung 27. Juni: 

Neumarkt-St. Veit – Blutüberströmt, mit zerrissenem T-Shirt und offensichtlich unter Schock taumelt am Mittwochabend ein 30-jähriger Kasache über den Kreisverkehr an der Bahnhof- und Hörberinger Straße, rennt beinahe gegen mein Auto. Dahinter ein Mann auf einem Fahrrad mit einer blutverschmierten Schere in der Hand. Als Verkehrsteilnehmer anhalten, um den verletzten Mann zu helfen, ergreift der Eritreer die Flucht.

Mit Schere in den Nacken gestochen

Erschreckende Szenen, die sich am Mittwochabend vor den Toren zum Neumarkt-St. Veiter Stadtplatz abgespielt haben. Vorausgegangen war eine tätliche Auseinandersetzung, die am Penny-Parkplatz an der Landshuter Straße ihren Anfang hatte. Wie Zeugen vor Ort berichteten, sei der Streit zwischen dem Kasachen und dem 26-jährige Eritreer bereits dort eskaliert. Denn plötzlich zückte der Afrikaner eine Schere und verletzte seinem Gegenüber damit schwer. Mittendrin eine Mutter, die mit ihren beiden Kindern gerade beim Einkaufen war.

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Schnittwunden am Arm, Stichverletzung in Nacken

„Ich versuchte, mit dem Auto zwischen die beiden Männer zu fahren, um sie zu trennen“, schilderte sie vor Ort. Aussteigen wollte sie nicht, „ich hatte Angst!“

Die beiden Kontrahenten lassen in der Folge nicht voneinander ab, verlagern ihre Streitigkeiten in Richtung Innenstadt. Mit Schnittwunden an den Armen und tiefen Stich- und Schnittverletzungen im Nacken flüchtet der Verletzte in Richtung Kreisverkehr an der Bahnhofstraße, wo ihn der Angreifer erneut stellt. Ein Rollerfahrer, der die Auseinandersetzung schon vor dem Discounter mitverfolgt und bereits die Polizei über den Vorfall informiert hat, versucht zu schlichten, woraufhin der mutmaßliche Täter auf einem Fahrrad davon fährt.

Angreifer kehrt bewaffnet zurück

Mehrere Verkehrsteilnehmer versorgen den Schwerverletzten, als plötzlich der Angreifer erneut auftaucht, immer noch mit der blutverschmierten Schere in der Hand. Er droht – mit irrem Blick, wild mit der Schere fuchtelnd – dem Verletzten lautstark, er solle keine Lügen über ihn erzählen. Auch das Wort „Nazi“ soll gefallen sein, wie ein Zeuge später bemerken sollte. Passanten schirmen daraufhin den Verletzten ab, der Angreifer macht sich daraufhin mit dem Rad aus dem Staub.

Während der Notarzt den Verletzten versorgt, macht sich die Polizei zusammen mit Beamten der Kriminalpolizei auf die Suche nach dem flüchtigen mutmaßlichen Täter. Binnen einer Stunde werden die Polizeibeamten am Neumarkt-St. Veiter Stadtplatz auch fündig. Ein Video, das der Redaktion zugespielt und aus dem Geschäftshaus, oberhalb des Bistros Simsek gedreht worden ist, dokumentiert die Szene unmittelbar vor der Festnahme des Eritreers. Es zeigt mehrere Einsatzkräfte der Polizei, wie sie mit vorgehaltener Waffe am Durchgang zum Fruhmannhaus stehen und immer wieder lauthals und entsprechend gestilkulierend eine nicht sichtbare Person auffordern, sich hinzulegen. Dann geht alles sehr schnell, die Beamten: stecken ihre Waffen in die Halfter und überwältigen den mutmaßlichen Angreifer.

Video zeigt Einsatz der Polizeikräfte

Der Eritreer wird zunächst notärztlich versorgt, fixiert, abtransportiert und unter Gewahrsam genommen. Die Ermittlungen hat die Kripo Mühldorf übernommen. Beide Personen seien polizeilich bekannt, heißt es. Über die Hintergründe zur Tat will die Pressestelle im Polizeipräsidium Rosenheim aus ermittlungstaktischen Gründen aber noch nichts sagen. Das Opfer habe zwar keine lebensgefährlichen Verletzungen erlitten, dennoch geht die Polizei derzeit von einem versuchten Tötungsdelikt aus. Die Staatsanwaltschaft Traunstein stellte Haftantrag gegen den Tatverdächtigen.

Fotos oder Videos: Polizei bittet um Hinweise

Die Kriminalpolizei Mühldorf bittet zudem um Hinweise: Wer kann zur Tat am Mittwochabend weitere sachdienliche Hinweise geben? Hat jemand Fotos oder Videos von der Tat gefertigt? Zeugen werden gebeten, sich unter der Telefonnummer 0 86 31/ 36 73-0 bei der Kriminalpolizeistation Mühldorf zu melden.

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