Ein neues Glanzstück mitten in München

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Sie haben saniert, restauriert, die Technik erneuert und fehlende Finger an Porzellanfiguren rekonstruiert. Heute wird der Königsbau der Residenz nach einem Jahrzehnt endlich wiedereröffnet. Wir waren vorab schon in den Räumen. So viel können wir jetzt schon verraten: Der König wäre stolz.

Königsbau der Residenz wiedereröffnet

Von Stefan Sessler

München – Kunsthistoriker Christian Quaeitzsch saust durch den Königsbau der Residenz in München, man kommt ihm kaum nach. In letzter Zeit hat er in diesem Gebäude unendlich viele Kalorien verbrannt. Die 20 Räume und 1200 Quadratmeter Fläche auf vier Geschossen, die das Residenzmuseum ab heute wieder dazubekommt, haben ihn trainiert. Fast jeden Tag war er zuletzt hier. Er sagt: „Einen Stepper brauche ich nicht mehr.“

Er eilt vorbei an den hölzernen Truhen, in denen die Diener früher geschlafen haben. Vorbei am Vorzimmer der Königin, rein in den frisch renovierten Thronsaal der Königin, immer weiter. Doch plötzlich stoppt Christian Quaeitzsch, der Konservator und Kurator des Königsbaus. Er steht jetzt im Salon der Königin mit seinen Wanddekorationen im pompejanischen Stil und vielen, vielen vergoldeten Stühlen mit rotem Bezug. Er deutet auf einen Stuhl und sagt: „Findige Hausfrauen haben geschaut, ob sie wirklich doppelt gewebt sind.“ Dabei sind sie kaputtgegangen. Kein Scherz, es gab Residenz-Besucher, die die jahrhundertealten Stühle der Wittelsbacher auf Qualität getestet haben.

Inzwischen sind die Stühle wieder heil, sie haben keinen einzigen Kratzer mehr. Das ist nur eine Winzigkeit, aber eine von zehntausend Winzigkeiten, die in den letzten Jahren restauriert, ausgebessert und repariert wurden. Besucher sind mit ihren Kinderwägen gegen Türrahmen geknallt, Salze haben die Wandgemälde aufgelöst, der Boden war durchgewetzt. Der Zahn der Zeit nagte an der größten urbanen Schlossanlage Deutschlands, diesem gigantischen Stadtschloss mitten in München. Nach zehn Jahren wird dieses unter Ludwig I. (1786-1868) von Leo Klenze errichtete Baudenkmal des Klassizismus am heutigen Freitag wieder für Besucher geöffnet. Die Residenz war vier Jahrhunderte lang der Wohn- und Regierungssitz der Wittelsbacher, im Königsbau schlug das politische Herz Bayerns.

Wer durch die Räume schreitet, macht eine Zeitreise. „Aus trockenem Bücherwissen“, sagt Quaeitzsch, „wird bayerische Geschichte hier zu einem umfassenden und spannenden Wohlfühlerlebnis.“ Man lernt, dass der König in seinem Schlafzimmer nur ein Bett hatte, die Königin jedoch ein Doppelbett. „Er kam zu ihr“, sagt Quaeitzsch, „wenn es um einen Thronerben ging.“ So lief das damals.

Man lernt, dass die Adeligen früher ihr eigenes Besteck-Set dabeihatten – samt Messer, Gabel, Eierbecher und einem speziellen Löffel, mit dem man das Mark aus den Knochen schaben konnte. Mundzeug, hieß das persönliche Silberbesteck damals. „Das waren Statussymbole“, sagt Quaeitzsch. Wer ein opulentes Besteck-Set hatte, der war wer.

Die Ähnlichkeiten mit der Gegenwart sind manchmal verblüffend, erzählt der Kurator, während er vor einem merkwürdigen Porzellan-Stück steht. Ein Fuchs spielt Klavier, während eine Dame mit wallendem Rock daneben lehnt – eine Anspielung auf einen Komponisten aus dem 18. Jahrhundert, der Fux heiß. Adeligen-Humor, hahaha.

Aber genau so eine Keramik war in besseren Kreisen damals für kurze Zeit mächtig angesagt. „Das musste man haben“, sagt Quaeitzsch. Wie modesüchtige Frauen oder Männer, die heute auf Instagram ihre neuesten Schuhe oder Handtaschen vorführen. „Damals war eben Porzellan das Medium“, sagt er.

Die bayerischen Kurfürsten, Herzöge und Könige haben in all den Jahren Unmengen an Kostbarkeiten, aber auch Kuriositäten gesammelt, das erkennt man in den neu gestalteten Ausstellungsräumen sofort. Eine Uhr, die von einem Rhinozeros aus Porzellan getragen wird, ist dort zu sehen. Ein paar Räume weiter stehen Terrinen, Saucieren, Teeservice und Silberteller. Noch heute zählt die Silberkammer der Residenz zu den umfangreichsten noch erhaltenen fürstlichen Silbersammlungen. Sie umfasst 4000 Stücke, die nur in Teilen ausgestellt werden können.

„Das Besondere an Silber ist, dass es ruhendes Kapital war“, sagt Quaeitzsch. „Bei einem Krieg wanderte das Tafelsilber als Erstes in die Münze.“ Sprich: Wenn aus einem Jahrzehnt besonders viel Silbergeschirr erhalten ist, dann war es ein friedliches Jahrzehnt. Noch mehr bayerisches Angeber-Wissen lernt man bei einem eigenen Rundgang durch den Königsbau. Es lohnt sich.

Tag der offenen Tür

Am heutigen Freitag feiert die Bayerische Schlösserverwaltung von 14 bis 22 Uhr die Wiedereröffnung des Königsbaus – bei freiem Eintritt und mit Führungen.

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