Nazi-Gesänge im Kaminkehrer-Internat

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Ein Ausbilder soll angehende Kaminkehrer in der Oberpfalz zu rechten Parolen und Nazi-Gesängen angestachelt haben. Nachdem von dem aus dem Ruder gelaufenen Herrenabend Videos aufgetaucht sind, herrschen Entsetzen und Scham.

von Josef Ametsbichler und Catherine Simon

Mühlbach – „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, schallt es im Chor durch den Raum, gefolgt von „Sieg Heil“-Rufen. Keine historische Szene von einem NSDAP-Parteitag – vielmehr eine, die sich unter Kaminkehrer-Lehrlingen in der Oberpfalz zugetragen hat. Das jedenfalls zeigen heimliche Aufnahmen aus dem Januar, die dem Bayerischen Rundfunk zugespielt wurden.

Darauf zu sehen ist, wie ein Kaminkehrermeister in dem Ausbildungszentrum in Mühlbach (Kreis Neumarkt) seine Lehrlinge in geselliger Feierrunde dazu anstachelt, rechte Parolen zu grölen – und das Horst-Wessel-Lied zu singen, die verbotene Parteihymne der NSDAP. Auch schwulen- und judenfeindliche Witze soll der Mann erzählt haben.

Wie unsere Redaktion erfuhr, spielten sich die Szenen in einem Aufenthaltsraum im Internat des Ausbildungszentrums ab. Dort hatten sich der externe Dozent, der kein an der angeschlossenen Schule angestellter Lehrer ist, und seine Auszubildenden nach Feierabend getroffen – alle seien „rotzevoll“ gewesen, sagt jemand aus dem Umfeld des Ausbildungszentrums.

Inzwischen herrscht wieder Nüchternheit – und Katerstimmung. „Den Schülern ist das extrem peinlich, die sind fix und fertig“, heißt es unter vorgehaltener Hand. „Das sind keine Nazis, maximalst AfD-Wähler.“ Auch der Ausbilder sei zuvor nie mit rechten Parolen aufgefallen. Er habe an dem Abend wohl aus seiner Bundeswehrzeit erzählt, das Ganze habe sich in der Folge „hochgeschaukelt“. Die Reue kommt zu spät: Längst kursieren mehrere Handymitschnitte von dem eskalierten Feierabendumtrunk in diversen Smartphone-Chats.

Das Ausbildungszentrum hat reagiert: Nach Auskunft des Leiters Peter Wilhelm ist der Kaminkehrermeister vom Dienst suspendiert. Außerdem sei ein Hausverbot ausgesprochen und Strafanzeige erstattet worden. Wilhelm zeigte sich entsetzt und verurteilte die Geschehnisse scharf. Die Lehrlinge und deren Eltern habe man bereits Mitte Januar informiert.

Nun ermittelt der Staatsschutz – nicht nur gegen den Ausbilder, sondern auch gegen seine möglichen Mittäter. Dass die Staatsanwaltschaft Alkohol als Ausrede gelten lässt – unwahrscheinlich. Die Straftat, die derzeit im Raum steht: „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Symbole“. Das teilte das Polizeipräsidium Oberpfalz auf Anfrage mit. Eine Geldbuße oder bis zu drei Jahre Haft können die Folge sein.

Ob weitere Tatbestände wie Volksverhetzung dazukommen, sei derzeit noch nicht abzusehen. Die Ermittlungen stünden noch am Anfang. Wer und was alles auf den Videos zu sehen ist – „dazu können wir noch nichts sagen“, sagte der Sprecher.

Der Ausbilder selbst wollte sich gestern nicht äußern. Er ließ allerdings durch seinen Anwalt erklären, dass er sich von dem Vorfall distanziere und keine Sympathien für rechtsorientiertes Gedankengut hege.

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