AM MITTWOCH BEGINNT DIE LANDESAUSSTELLUNG IM KLOSTER ETTAL – WIR HABEN VORAB MIT RICHARD LOIBL, DEM DIREKTOR DES HAUSES FÜR BAYERISCHE GESCHICHTE, ...

Mythos Bayern – die Geburt des Freistaats

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Richard Loibl (52) ist seit 2007 Direktor des Hauses für Bayerische Geschichte in Augsburg, das alljährlich Landesausstellungen organisiert.

Nun ist das Kloster Ettal an der Reihe: Im Südflügel des Klostertrakts wird am Mittwoch mit einem Festakt die Ausstellung „Mythos Bayern – Wald, Gebirg und Königstraum“ von Ministerpräsident Markus Söder eröffnet. Es ist eine Geschichtsschau und -show, die auf 1500 Quadratmetern dem hinterherspürt, was Bayern so ausmacht – die Mythen und die Fakten. Für Loibl, ein ehemaliger Benediktinerschüler aus Niederaltaich (Niederbayern) und promovierter Mittelalter-Historiker, ist es bereits die 13. Landesausstellung, die er verantwortet. Ab Donnerstag ist die Ausstellung (bis 4. November) für Besucher zugänglich.

-Herr Loibl, was ist Ihr schönstes Exponat?

Zurzeit habe ich drei Favoriten. Zum einen der keltische Einbaum, der im Starnberger See gefunden worden ist und aus der Zeit um 900 vor Christus stammt. Er ist also 3000 Jahre alt. Er widerlegt das Klischee, das in der Romantik lang vorherrschte, nämlich das der wilden, unbewohnten Alpenwelt. Der Einbaum aus dem Bestand der Prähistorischen Staatssammlung zeigt, dass das Voralpenland seit ewigen Zeiten eine Kulturlandschaft war, keine unberührte Wildnis. Eine Neuentdeckung ist zweitens das „Bluthemd“ aus der Holzschlacht von Fuchsmühl.

Gemeint ist Folgendes: Bei der Holzschlacht von Fuchsmühl in der Oberpfalz 1894 stritten Bauern mit einem Adligen um Rechte zur Holzentnahme. Ein Amberger Polizei-Regiment ging mit Bajonetten gegen die Bauern vor, zwei Menschen starben, mehrere wurden schwer verletzt.

Loibl erzählt weiter:

Der Konflikt zeigt die Verwerfungen zwischen Moderne und dem althergebrachten Recht. Das „Bluthemd“ hat vor vielen Jahren die Gemeinde Fuchsmühl von einem Privatmann gekauft. Es stammt von einem damals verletzten Bauern, der angeblich 15 Bajonettstiche abbekommen hatte. Das Hemd wurde damals zerschnitten und in der Region wie eine Reliquie aufgehoben.

-Welches Ausstellungsstück imponiert Ihnen noch besonders?

Ein auf den ersten Blick unscheinbares Schild einer kleinen Pension aus der Zeit um 1900: „Zimmer zu vermieten“ – allerdings „Ziemer zu vermithen“ geschrieben. Das illustriert amüsant den noch etwas ungelenken Beginn der Vermarktung des Alpenlandes.

-Welche Bestandteile hat der Mythos Bayern, dem Sie in der Ausstellung auf den Grund gehen?

Uns geht es vor allem um seine Entstehung. Die drei wichtigsten Bestandteile sind ja im Titel der Landesausstellung genannt: Wald, Gebirg und Königstraum. Wald – das steht stellvertretend für die Landschaft, wie sie seit Ende des 18. Jahrhunderts zuerst von den Malern, dann von den Gelehrten und Dichtern der Romantik entdeckt worden ist. Schon damals entstanden Meisterwerke wie Der Watzmann von Caspar David Friedrich, von dem bald eine enorme Anzahl von Reproduktionen kursierte. Die Romantiker sahen im Alpenraum eine urwüchsige, unversehrte und wilde Landschaft, mit einer Bevölkerung, die von den Heimsuchungen der Industrialisierung noch verschont geblieben ist. Manche betrachteten die Bayern damals auch als hinterwäldlerisch, in jedem Fall aber als anders – „strange“, schrieben damals die Engländer.

-Wurde nur Bayern so betrachtet oder auch andere urwüchsige Landstriche?

Die Faszination Bayerns hängt eindeutig mit der Bergwelt zusammen. Allerdings wird damals oft zwischen Bayern, Österreich und der Schweiz nicht sonderlich unterschieden. Es ist der Alpenraum.

-Und der Königstraum?

Er entsteht abrupt: 1886 – kurz nach dem Tod von König Ludwig II. sind die Schlösser für den Besucherverkehr geöffnet worden. Die Vermutung liegt nahe, dass das Motiv dahinter war, Ludwig als Spinner abzutun – nach dem Motto: Da geht’s rein, dann seht’s, wie euer Geld zum Fenster rausgeschmissen wurde. Das Gegenteil aber trat ein: Es setzte Bewunderung für den König ein, die dann jahrzehntelang immer weiter zunahm. Eines der ersten Plakate zum deutschen Tourismus nach 1945 hatte als Motiv das Schloss Neuschwanstein – als Symbol für das andere, bessere Deutschland.

-Gehen Sie nicht dem Mythos auf den Leim, wenn Sie ihn kritiklos reproduzieren?

Wir reproduzieren ihn nicht, wir zeigen, wie er entstanden ist und blicken hinter die Klischees.

-Bayern ist aber doch nicht nur Wald und Gebirge. Das heutige Bayern ist auch Landschaftszerstörung, Autobahnbau und Lagerhallen-Architektur. Gibt es nicht auch das brachiale Bayern?

Wir haben ja die Ursprünge als Schwerpunkt. Der Mythos Bayern wird Ende des 19. Jahrhundert konstruiert, und darum geht es in der Ausstellung. Aber natürlich ist er Änderungen unterworfen. Man könnte beispielsweise auch fragen, ob die Liberalität und der Freiheitsgedanke heute noch dieselbe Rolle spielen wie beispielsweise bei der Revolution 1918. Selbst bei den Manns, die das Treiben der Revolutionäre ja eher belustigt-distanziert betrachteten, wird Bayern damals als Ort besonderer Freiheit gepriesen. Der Revolutionär Ernst Toller schreibt, wenn man eine neue ideale Gesellschaft irgendwo errichten könnte, dann in Bayern und vor allem in München. Da schwingen schon Vorstellungen mit, wie sie die Romantik mit ihrer idealisierten Betrachtung Bayerns als Ort des Ursprünglichen entwickelt hat.

Mit einem Ausblick auf die Revolution 1918 und deren Niederschlagung im Mai 1919 klingt die Ausstellung zum Mythos Bayern aus. Nicht unumstritten dürften die Bewertungen sein, die die Ausstellung vornimmt. „Der Wechsel zur Demokratie vollzog sich nicht ohne Kampf. Es kam zum Bürgerkrieg“, heißt es an einer Stelle – so als ob die Freikorps, die die Räterepubliken vor allem in Oberbayern blutig niederschlugen, Vorkämpfer der Demokratie gewesen seien. Aber das ist ein anderes Thema.

Loibl fährt fort:

Dieser Freiheitsbegriff ist etwas, was durch die rückwärtsgewandte Ordnungszelle Bayern in den 1920er-Jahren und durch das NS-Regime dann völlig zerstört wird. Neuerdings erscheinen als wichtige Elemente das bayerische Bildungssystem oder die bayerische Wirtschaftskraft. Und natürlich stellt sich die Frage: Bleibt der Mythos bestehen, wenn die Landschaft mehr und mehr verbaut wird? Wir halten’s da mit Karl Valentin: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie sich in die Zukunft richten.

-Ihnen geht es also nicht so sehr um die Gegenwart, vielmehr um die Mythos-Entstehung im  18. und 19. Jahrhundert als Schwerpunkt?

So ist es. Um die Frage, wie Bayern Freistaat wurde, wird es im Museum der bayerischen Geschichte gehen. Es öffnet 2019 in Regensburg.

-Was bedeutet für Sie das Kloster Ettal als Ausstellungsort?

Es ist ein idealer Ort. Ettal hatte sich ursprünglich für die Ausstellung 2016 zum Bier beworben, für die dann aber eine Jury dem Kloster Aldersbach den Zuschlag erteilte. Damals bei der Führung mit dem Cellerar Pater Johannes fiel uns aber der Südflügel auf, der ja noch herzurichten war. Das wäre ein guter Ausstellungsort, dachte ich mir damals. Eigentlich wollten wir dann in Ettal eine Landesausstellung speziell zum Wald machen, aber wir haben das zur großen Jubiläumsausstellung anlässlich 100 Jahre Freistaat Bayern erweitert.

-Hoffen Sie auf ein Besucherplus, weil Ettal ohnehin Anlaufpunkt ist?

Das ist natürlich ein Punkt. Das Kloster ist touristischer Anlaufpunkt und weiß auch damit umzugehen. Darauf bauen wir auf.

Am Rande erzählt Loibl, dass die Ausstellung 2011 über Ludwig II. mit 600 000 Besuchern die erfolgreichste Landesausstellung war. Ganz so hoch dürften die Zahlen in Ettal nicht werden – offizielle Zielvorgabe sind „100 000 plus x“, 200 000 wären schön.

Loibl erklärt weiter:

Wenn Sie sich dann noch vorstellen, dass Sie in unserer Landesausstellung den Mythos erfahren und anschließend in die Bergwelt der Ammergauer Alpen hinaustreten, noch dazu in wenigen Minuten nach Linderhof kommen, dann erleben Sie den Mythos Bayern am denkbar originalsten Schauplatz.

-Ein Ausstellungsstück, der Holzpavillon mit der Ludwig-Inszenierung, wird dauerhaft stehen bleiben. Was wird damit geschehen?

Er wird dem Kloster für Veranstaltungen aller Art überlassen.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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