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Wenn der Jäger zum Opfer wird

Das schier unglaubliche Ende einer Plagiats-Jagd

Prof. Dr. med. Matthias Graw ist Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität
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Prof. Dr. med. Matthias Graw ist Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität
  • Dirk Walter
    VonDirk Walter
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Der Chef der Münchner Rechtsmedizin soll seine Doktorarbeit abgeschrieben haben. Der Verdacht wurde im Sommer publik. Jetzt gibt es eine schier unglaubliche Wende in dem Fall.

München – Prof. Matthias Graw ist Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität. Als Forensiker wird er immer wieder für Gutachten in großen Strafverfahren zu Rate gezogen, jüngst im Fall des Starnberger Dreifach-Mordes. Im Sommer sah er sich indes selber einem Vorwurf ausgesetzt, der juristische Konsequenzen haben würde – wenn denn die Fakten stimmen würden.

Vorwürfe hätte Karriere ruinieren können

Doch danach schaut es nicht aus. Die bekannten Plagiatejäger Stefan Weber und Martin Heidingsfelder hatten Vorwürfe publik gemacht, dass Graw beim Erstellen seiner Doktorarbeit aus einer rumänischen Quelle abgeschrieben haben soll. Ein Plagiatsfall bei einem renommierten Wissenschaftler? Im Extremfall müsste Graw der Doktortitel aberkannt werden – wenn die Hinweise erhärtet werden könnten.

Graws Dissertation an der Hamburger Universität aus dem Jahr 1987 stammt aus dem Bereich der Hautkrebsforschung. Ihr Titel lautet „Untersuchung zur Chemotaxis von Fibrosarkornzellen in vitro“. Zuständig war dafür die Universität Hamburg, die eine Ombudsstelle für solche Fälle unterhält. Diese hat den Plagiateforschern am Donnerstag aber mitgeteilt, dass die Vorwürfe nicht stichhaltig sind. „Weiterer Handlungsbedarf in dieser Angelegenheit besteht nicht.“

Plagiatsjäger steht blamiert

Graw ist damit – sollten nicht neue Abschreibe-Hinweise auftauchen – rehabilitiert. Und Weber steht blamiert da. Er vermutet, jemand könne ihn mit „einer Fälschungskomplexität, die an die Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau erinnert“, hereingelegt haben.

Was war geschehen? Ein unbekannter Auftraggeber hatte Weber auf den vermeintlichen Fall Graw aufmerksam gemacht – und ihn auf einen angeblich im DDR-Verlag VEB Volk und Gesundheit erschienenen Sammelband aus dem Jahr 1982 hingewiesen. Darin waren Aufsätze aus einer (angeblichen) rumänischen Wissenschaftstagung in englischer Übersetzung publiziert und mit einem Vorwort von Elena Ceausescu, der Ehefrau des damaligen rumänischen Diktators, garniert. Aus einem Aufsatz, geschrieben von einem Wissenschaftler namens C. Moldoveanu, soll Graw abgeschrieben haben.

Ruf des Mediziners angekratzt

„Es gab eine hohe Übereinstimmung bei Text und bei mehr als einem Dutzend Abbildungen“, sagt Weber gegenüber unserer Zeitung. Er gab seine Hinweise an die Hamburger Ombudsstelle weiter, berichtete im Juli aber auch gegenüber Medien von seinen Funden. Der Ruf von Graw war seitdem etwas angekratzt. Nun hat die Ombudsstelle die Vorwürfe geprüft und zurückgewiesen.

Demnach könnte das 1982 angeblich in dem DDR-Verlag erschienene Buch eine Fälschung sein, die Weber untergejubelt wurde. „Die eingehende Sichtung unter Hinzuziehung von Expert*innen ergab, dass die festgestellten Indizien in der Summe dazu führen, die Echtheit des Buches grundsätzlich und ernsthaft in Frage zu stellen“, schreibt die Ombudsstelle wörtlich. Unter anderem entspreche der DDR-Band nicht Vergleichsbüchern aus diesem Verlag „in Aufbau und Art“. Zudem werde eine zentrale Formulierung falsch übersetzt – „dies hieße, dass der Herausgeber das zentrale Konzept der Konferenz und des Konferenzbandes nicht verstanden hätte“.

In der Tat ist der angebliche Sammelband aus dem Jahr 1982 reichlich dubios. Er ist in keiner Bibliothek zu finden, aber auf Ebay zu kaufen – hierüber erwarben sowohl Weber als auch die Hamburger Uni je ein Exemplar. Der angebliche Wissenschaftler Moldoveanu taucht auf einer Memorien-Internetseite eines rumänischen Krankenhauses auf, soll aber schon 1983 verstorben sein.

Blamiert: der bekannten Plagiatejäger Stefan Weber

„Stümperhafte Fehler“

Graw äußerte sich über seinen Rechtsanwalt: „Unser Mandant ist erleichtert, dass sich seine Erwartung bestätigt hat“ und ihm „keinerlei wissenschaftliches Fehlverhalten“ vorzuwerfen sei. An die Plagiatejäger hat er kritische Fragen: Die „teilweise stümperhaften Fehler“ hätten schnell erkannt werden müssen, etwa der Fakt, dass der angebliche Sammelband in keiner wissenschaftlichen Bibliothek auffindbar sei. Die beiden Forscher dürften sich nicht zu Opfern stilisieren.

Weber fragt sich jetzt, in was er da hineingeraten ist. Wollte jemand Graws Ruf ruinieren? Ganz traut er der Hamburger Ombudsstelle noch nicht. Er werde den Sammelband aus dem Jahr 1982 forensisch prüfen lassen, kündigt er gegenüber unserer Zeitung an. Stammt das Papier aus dem Zeitraum oder ist es neueren Datums? Den Auftraggeber seiner Plagiatssuche will er freilich auch jetzt noch nicht nennen.

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