Von München nach Tibet – zu Fuß

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Von München nach Tibet, zu Fuß und ohne Geld: 2012 hat sich Stephan Meurisch aus Haag auf den Weg gemacht. Er bewältigte 13 000 Kilometer, lernte 13 Länder auf zwei Kontinenten kennen und überwand dabei sieben Zeitzonen. Und sein Weg ist noch nicht zu Ende.

von Margit Conrad

Schon der erste Tag ist eine Herausforderung. Stephan Meurisch steht am Tag nach seinem 31. Geburtstag in einer Münchner Bäckerei, keinen Cent in den Taschen, und erklärt, dass er vorhat, von München nach Tibet zu gehen. Zu Fuß. Nur mit einem Rucksack, in den er seine Habseligkeiten, Zelt, Kleidung und Geschirr gepackt hat. Und während die Verkäuferin mit einer eindeutigen Handbewegung zu verstehen gibt, für wie verrückt sie ihn hält, wandert eine kostenlose Butterbreze über den Tresen. Seit diesem Tag im März 2012 ist der Mann aus Haag im Kreis Freising tausende Kilometer gelaufen und hat viel Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erlebt.

Heute ist er 37 und sagt, er sei kein mutiger Draufgänger, der es allen beweisen will. Trotzdem kündigt er damals sämtliche Versicherungen und die Wohnung und macht sich auf den Weg. Zwei Jahre will er ursprünglich laufen, am Ende werden es mehr als vier. Die Idee kommt ihm 2009 auf dem Jakobsweg. 780 Kilometer zu Fuß. Was für viele schon unvorstellbar ist, motiviert Meurisch zu einem Fußmarsch in einer anderen Größenordnung: Stephan Meurisch läuft nach Tibet.

Die erste Nacht verbringt er bei einem Wirt aus Forstinning im Kreis Ebersberg. Der Wirt, der selbst reisen wollte, aber nach dem frühen Tod seines Vaters das Gasthaus übernehmen musste, gibt dem völlig durchnässten und frierenden Meurisch ein Abendessen, freie Unterkunft und das Frühstück am nächsten Morgen obendrauf. „Wäre er nicht gewesen, ich glaube, ich hätte nach einem Tag die Mission für beendet erklärt“, sagt Meurisch und ist heute noch dankbar. Zu dem Wirt hat er auch sechs Jahre später Kontakt.

Dank ihm endet die Reise nicht direkt im Kreis Ebersberg: Nach drei Tagen überquert Stephan Meurisch die Grenze zu Österreich. In Wien angekommen, läuft er mit der Startnummer eines anderen – der hatte Meurischs Vorhaben auf Facebook verfolgt – den Wien-Marathon. „Ich brauchte aber mehr als fünf Stunden“, erinnert sich Meurisch, der zuvor schon einige Marathons bewältigt hatte. Wieder eine Etappe auf seinem „Long trip to Tibet“, so nennt er die Reise.

Obwohl konditionell in guter Verfassung, gewöhnt er sich erst nach gut zwei Wochen an den schweren Rucksack, in den er „viel zu viel gepackt“ hat. Ob er irgendwann einmal Angst gehabt hat? Meurisch zögert nur kurz, dann sagt er entschieden: „Nein“. Vor Rumänien, „wo doch so viel passiert“, habe man ihn gewarnt. Und dann ist es gerade Rumänien, das ihm besonders gefällt. Wenn er in die Dörfer kommt, dauert es nur wenige Minuten – und schon ist der hochgewachsene schlanke Mann mit dem mächtigen Rucksack umringt von neugierigen Menschen.

Meist nicht der Landessprache mächtig, lernt er sehr schnell, Körpersprache zu deuten – und schon funktioniert die Verständigung mit Händen und Füßen. Es gibt nur wenige Tage, an denen er nicht zum Bleiben aufgefordert wird, sein Zelt baut er insgesamt nur achtmal auf. „Die Menschen waren unwahrscheinlich aufgeschlossen.“

Etwa in Ungarn, wo ihm ein Priester anbietet, im Pfarrhaus zu übernachten. Er ist wissbegierig, aber seine Deutschkenntnisse sind zu schlecht. Also lässt der Geistliche nach einer jungen Frau rufen – sie ist Deutschlehrerin. Ihr erzählt Meurisch seine Geschichte, und sie ist so begeistert, dass sie ihn bittet, vor ihrer Klasse zu sprechen. Es ist nicht das erste Mal, dass Meurisch auf seiner Reise als Lehrer fungiert. Mit Unterricht in Deutsch und Englisch verdient er sein Geld.

Am meisten beeindruckt ihn Indien. Heute sagt er, dass er anfangs mit den Zuständen dort überhaupt nicht zurechtgekommen ist: „Als Europäer bist du entsetzt, wenn du die Leute auf der Straße sterben siehst. Du möchtest helfen, du möchtest die Situation verbessern.“ Erst als „ich angenommen und verstanden habe, wie selbstverständlich für diese Menschen der Tod zum Leben gehört“, sieht er das Land mit anderen Augen.

Ernüchternd ist schließlich die Ankunft am Ziel: In Lhasa darf er sich nicht ohne Aufpasserin bewegen. Nach sieben Tagen in der Hauptstadt trampt er nach Bayern zurück, auf Lastwagen. Im Ampertal schlägt er wieder Wurzeln, wohnt inzwischen in Inkofen.

Gelernt habe er auf seinem Fußmarsch eines: „Es gibt für nahezu jedes Problem eine Lösung, man muss sich nur bemühen.“ Etwa als es gilt, den Bosporus zu überwinden, der Europa von Asien trennt. Die Autobrücken sind für Fußgänger tabu. Per Zufall erfährt er von einem Journalisten in Istanbul, dass man den zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellten Eurasien-Tunnel begehen könne. Der Journalist stellt den Kontakt zu den Ingenieuren her, und Meurisch überwindet die 5400 Meter von Europa nach Asien unter Tage.

Wenn er täglich 16 Kilometer läuft, so hatte er sich vor Beginn der Reise und anhand seiner Erfahrungen aus dem Jakobsweg ausgerechnet, würde er Tibet nach etwa zwei Jahren erreichen. Schnell wird ihm bewusst, dass sein Trip kein Sprint sein soll, sondern er sich auf den Weg gemacht hat, um Land, Leute und andere Kulturen kennenzulernen. „Es ist wichtig, dass man das Ganze nicht mit krankhaftem Ehrgeiz angeht, sonst geht schnell die Freude am Tun verloren, und man ist zum Scheitern verurteilt“, sagt er. Das gelte für den Jakobsweg und andere Fußmärsche – etwa den nach London, den er diesen Mai gemacht hat.

Stephan Meurisch will Motivator für andere sein. Er bietet an, dass Menschen, die selbst gerne zu Fuß reisen, ihn ein Stück oder ganz begleiten. Mit einer Homepage, die gerade im Aufbau ist, will er ambitionierten Menschen Hilfestellung für ähnliche Unternehmungen geben. Wichtig sei, sich für so ein Vorhaben Zeit zu nehmen, sagt er. Wer beispielsweise glaubt, den Jakobsweg im 14-tägigen Urlaub durchjagen zu müssen, wird seiner Meinung nach am Ende nicht unbedingt zufrieden sein. Die Erfahrungen seiner langen Reise zu Fuß will Stephan Meurisch nun in Coaching-Seminaren an andere Menschen weitergeben. Damit auch sie ihre Lebensträume verwirklichen können.

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