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„Eine Bilanz des Schreckens“

Missbrauchsgutachten für Münchner Erzbistum belastet Papst Benedikt schwer

Emeritierter Papst Benedikt XVI
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Fehlverhalten in mehreren Fällen: Ein neues Gutachten belastet den emeritierten Papst Benedikt schwer.
  • Stefan Sessler
    VonStefan Sessler
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  • Claudia Möllers
    Claudia Möllers
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Das lange erwartete Gutachten belastet neben dem emeritierten Papst auch den Münchner Kardinal Reinhard Marx sowie weitere hohe Kirchenvertreter schwer. Die Reaktionen auf die Vorwürfe sind verheerend.

München – Diese 1893 Seiten in blutrotem Einband, aufgeteilt in vier Bände, zusammengehalten in einen roten Schuber, enthalten Toxisches. So giftig, dass Münchens Generalvikar Christoph Klingan das mit Spannung erwartete Gutachten von den Juristen der Kanzlei Westpfahl Wastl Spilker (WSW) gar nicht erst berühren wollte. Die zierliche Amtschefin des erzbischöflichen Ordinariats, Stephanie Herrmann, war dann Manns genug, die schweren Bände entgegen zu nehmen. Wie schwer diese Last der Erkenntnisse über den Umgang im Erzbistum mit Fällen sexuellen Missbrauchs für die katholische Kirche sein wird, hatten die Juristen zuvor in über zwei Stunden detailliert ausgebreitet.

Die Erkenntnisse der Anwälte sind erschütternd. Dem emeritierten Papst Benedikt XVI. werfen sie in seiner Zeit als Münchner Kardinal (1977-82) vor, in vier Fällen nicht ausreichend gegen Sexualstraftäter vorgegangen zu sein. Ein Fall davon ist das Drama um den Priester Peter H. (siehe unten), der trotz einschlägiger Verurteilung mehrfach als Seelsorger an verschiedene Orte des Erzbistums versetzt wurde. Aus dem Gutachten geht hervor, dass es Joseph Ratzinger war, der entschieden hat, dass der aus dem Bistum Essen stammende Geistliche nach München kommen konnte. Und dass er wusste, dass H. sich in Essen an Kindern vergangen hatte.

„Es ist überwiegend wahrscheinlich, dass er es gewusst hat.“

Erinnern will sich Benedikt XVI. daran nicht. Ulrich Wastl hingegen betonte im glasklaren Juristendeutsch: „Es ist überwiegend wahrscheinlich, dass er es gewusst hat.“ In der entscheidenden Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980, in der der Beschluss gefasst wurde, will Joseph Ratzinger nicht teilgenommen haben. Wastl führte aber aus: „Wir halten die Angabe des emeritierten Papstes, er sei an der Sitzung nicht anwesend gewesen, für wenig glaubwürdig.“

Just in dieser Sitzung wird im Protokolle vermerkt, dass Kardinal Ratzinger von einem Gespräch mit Papst Johannes Paul II. über Ratzingers Intim-Kontrahenten Hans Küng berichtet hatte. Ironie der Geschichte: So bringt der im April 2021 verstorbene Küng, der 1979 seine Lehrerlaubnis verloren hatte, Joseph Ratzinger posthum in größte Bedrängnis. Noch dazu hat der frühere Generalvikar Gerhard Gruber, der 2010 die Verantwortung für den Fall Peter H. komplett übernommen hatte, diese Aussage im Gespräch mit den Juristen zurückgezogen. Er sei zu dieser Aussage gedrängt worden. Von wem, das geht aus seinen Äußerungen nicht klar hervor.

Entblößtes Geschlechtsteil vor vorpubertären Mädchen

Wie in der Kirche aber Fälle sexuellen Missbrauchs eingeschätzt wurden, zeigt eine Äußerung des emeritierten Papstes in seiner Stellungnahme. Selbst wenn er teilweise davon Kenntnis gehabt hätte, würde man Folgendes berücksichtigen müssen: Der Pfarrer, um den es in einem konkreten Fall gehe, sei als Exhibitionist aufgefallen, aber nicht als Missbrauchstäter im eigentlich Sinn. „Die Tathandlungen bestanden jeweils im Entblößen des eigenen Geschlechtsteils vor vorpubertären Mädchen und in der Vornahme von Masturbationsbewegungen, (...) auch im Zeigen pornografischen Materials. In keinem der Fälle kam es zu einer Berührung.“

„Die Tathandlungen bestanden jeweils im Entblößen des eigenen Geschlechtsteils vor vorpubertären Mädchen und in der Vornahme von Masturbationsbewegungen, (...) auch im Zeigen pornografischen Materials. In keinem der Fälle kam es zu einer Berührung.“

 Stellungnahme des emeritierten Papst Benedikt über sexuelle Missbrauchsfälle eines Pfarrers

Die Zahlen, die die Gutachter für das Erzbistum München und Freising zutage gefördert haben, sind erschütternd: mindestens 497 Betroffene in den Jahren 1945 bis 2019, mindestens 235 mutmaßliche Täter, darunter 40 Kleriker, die nach Missbrauchsvorwürfen wieder in der Seelsorge eingesetzt wurden. Doch das ist nur das „Hellfeld“, wie die Gutachter betonen. Die Dunkelziffer muss um ein Vielfaches höher sein.

Verheerendes Urteil für Papst Benedikt

Die Reaktionen auf das Gutachten sind verheerend. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte, Benedikt XVI. habe mit seinem Verhalten die Kirche beschädigt. Der Sprecher der Opferinitiative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch spricht von einer „historischen Erschütterung“ der Kirche. „Dieses Lügengebäude, was zum Schutz von Kardinal Ratzinger, von Papst Benedikt, errichtet wurde hier in München, das ist heute krachend zusammengefallen.“

Dem derzeitigen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, werfen die Anwälte vor, sich bis 2018 nicht ausreichend um Fälle sexuellen Missbrauchs gekümmert und sie in erster Linie untergeordneten Stellen überlassen zu haben. Konkret halten die Gutachter dem Erzbischof zudem vor, zwei Fälle nicht nach Rom gemeldet zu haben. Auch der oberste Kirchenrichter des Erzbistums, Domdekan Lorenz Wolf, wird durch das Gutachten belastet. Er habe eher die belasteten Priester im Blick gehabt und sei den Opfern mit ablehnender Grundhaltung begegnet. Wolf ist der einzige, der die Legitimation der Untersuchung angezweifelt habe.

Erzbischof ist „erschüttert und beschämt“

Marx Vorgänger, Kardinal Friedrich Wetter, hat laut WSW in seiner mehr als 25-jährigen Amtszeit in 21 Fällen Fehlverhalten gezeigt. Vorwürfe richten sich auch gegen die verstorbenen Erzbischöfe und Kardinäle Michael Faulhaber, Joseph Wendel sowie Julius Döpfner.

Am späten Nachmittag tritt dann auch der Erzbischof selbst vor die Presse. Er steht ganz in Schwarz in der ehemaligen Karmeliterkirche in München auf einem kleinen Podest und sagt: „Ich bin erschüttert und beschämt.“ Im Namen der Erzdiözese bittet er die Opfer um Entschuldigung. Sein Statement liest er vom Blatt ab, Nachfragen sind nicht erlaubt. Marx verweist darauf, dass er das fast zweitausendseitige Gutachten erst gründlich lesen muss. Nächsten Donnerstag will er sich vor Journalisten nochmal äußern. Von Rücktritt spricht er nicht. Aber er sagt: „Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs kann nicht getrennt werden vom Weg der Veränderung, der Erneuerung und der Reform der Kirche.“