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Jubiläum des Stammwerks

Die Stadt in der Stadt: 100 Jahre BMW-Werk 

BMW-Werk-München
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Im Herzen der Stadt: Es gibt kaum Autowerke auf der Welt, die so zentral und urban liegen wie das BMW-Werk in München.
  • VonAndreas Höß
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Das BMW-Werk in München wird 100 Jahre alt. Während hier zunächst ausschließlich Motorräder und Flugmotoren produziert wurden, sorgen heute etwa 1500 Roboter und 7000 Mitarbeiter aus 50 Nationen dafür, dass jeden Tag 900 bis 1000 Autos vom Band laufen – alle 65 Sekunden eines. Ein Einblick in die Geschichte und die Zukunft des Werks im Herzen von München.

München – Die Karosserien reihen sich auf der Schienentrasse wie die Wägen einer Geisterbahn. Mit einem kurzen Ruck fahren die glänzenden Gerippe an, plötzlich stürzen sich orange Roboterarme auf sie. Einer von ihnen bringt einen Kofferraum, die anderen schweißen. Funken fliegen, es stinkt nach heißem Metall. In Sekunden ist der Spuk schon wieder vorbei. Die vorderste Karosserie schwebt ins obere Stockwerk, es ist ein BMW i4, der später einen Elektroantrieb bekommen wird. Hinten wird dafür wie von Geisterhand ein 3er nachgeschoben.

Als die Bayerischen Motorenwerke das Gelände des BMW-Stammwerkes vor 100 Jahren bezogen, hätte sich keiner träumen lassen, wie es dort heute aussieht. 1922 standen nur sechs Hallen auf grüner Wiese. Heute ist das 50 Hektar große Grundstück zwischen Lerchenauer Straße und Dostlerstraße bis auf den letzten Zentimeter bebaut und komplett von der Millionenmetropole umwuchert. In einem Jahrhundert ist eine Stadt in der Stadt gewachsen, samt Restaurants, Feuerwehr, Krankenhaus, Bahnhof und dem Turm in Form eines Vierzylinders, in dem BMW-Chef Oliver Zipse sitzt.

Alle 65 Sekunden rollt ein BMW vom Band

Etwa 1500 Roboter und 7000 Mitarbeiter aus 50 Nationen sorgen heute dafür, dass in München jeden Tag 900 bis 1000 Autos vom Band laufen – alle 65 Sekunden eines. Sener Yilmaz ist einer dieser Mitarbeiter. „Als ich das erste Mal im Werk war, war ich überrascht, wie eng es hier ist“, erinnert er sich. Weil Platz fehlt, wird in München auf mehreren Etagen produziert, was für eine Autofabrik ungewöhnlich ist. „Trotzdem funktioniert alles reibungslos“, sagt Yilmaz.

BMW gehört für Sener Yilmaz, 37, zur Familie. Sein Großvater war bereits im Werk, auch sein Vater Ali arbeitet hier. „Meine Mutter kann es nicht mehr hören, wenn wir am Küchentisch über BMW reden, sie geht dann aus dem Zimmer“, sagt der frischgebackene Familienvater. Doch zu erzählen gibt es immer viel. 

Als der Opa 1977 als Gastarbeiter in München anfing, sahen nicht nur die Autos anders aus, auch die Arbeit war anders. Geschweißt wurde per Hand, mit Lederwams und Schutzbrille, lackiert wurde im Schutzanzug. Und wenn etwas unter dem Auto geschraubt wurde, legte man sich eben darunter.

Eine Fertigungsstraße im BMW-Werk: Industrieroboter schweißen in Sekunden Karosserieteile zusammen.

Heute ist das anders. „Das meiste geht automatisch“, erklärt Yilmaz, der ein Team mit 70 Leuten leitet, das Vorderachsen montiert. Unter die Wägen muss man längst nicht mehr kriechen, die Produktionsstraße dreht sie einfach, damit man im Stehen schrauben kann. Schweißen und lackieren übernehmen Industrieroboter. Der frische Lack wird dann akribisch von Maschinen gescannt, die Auswertung der Daten übernimmt eine künstliche Intelligenz, die selbst kleinste Blasen, Unebenheiten oder Schäden sofort erkennt. 

Glaubt man Yilmaz, ist das Menschliche trotz aller Automatisierung nicht auf der Strecke geblieben. Früher sei es vielleicht etwas gemütlicher zugegangen, aber auch jetzt herrsche noch eine gewisse „bayerische Mentalität“. Der Zusammenhalt, der Dialekt, die Landschaft: „Das gefällt mir“, sagt Yilmaz, der auch schon in Brasilien für BMW gearbeitet hat. „Hier gehen wir nach der Arbeit regelmäßig in den Biergarten oder auf die Wiesn. Das gehört dazu und das wird sich auch so schnell nicht ändern.“

In München begann alles mit Motorrädern

Was sich geändert hat, sind die Produkte. BMW baute zwar schon vor dem Zweiten Weltkrieg Automobile, aber das nur in Eisenach. In München wurden zunächst ausschließlich Motorräder und Flugmotoren produziert, im Zweiten Weltkrieg auch mit Zwangsarbeitern und KZ-Insassen – ein dunkles Kapitel der Firmengeschichte.

Erst nach dem Krieg, in dem fast alle Hallen zerstört und Maschinen demontiert wurden, startete der Autobau auch in München. Zunächst mit dem „Barockengel“ genannten 501, dessen Bau so kompliziert war, dass BMW mit jedem ausgelieferten Modell Minus machte. Die Lizenzproduktion des Rollermobils Isetta ab Mitte der 1950er verschaffte später aber Zeit und Geld, um neue Modelle zu entwickeln. In den 60ern stieß das Werk dann an seine Grenzen, weshalb es umgebaut wurde und man nach Dingolfing expandierte. 1975 läutete die erste Generation der mitten in der Ölkrise geplanten 3er-Reihe endgültig eine neue Ära ein. Mit fast einem halben Jahrhundert Bauzeit ist der Mittelklassewagen bis heute der beliebteste BMW aller Zeiten.

Wandel gehörte also schon immer zur BMW-Geschichte. Auch jetzt steht wieder eine Veränderung an: Die Elektromobilität krempelt die Branche um und der neue Rivale Tesla rollt das Feld von hinten auf. Das Münchner Werk ist im Oktober 2021 ebenfalls im Elektro-Zeitalter angekommen – der erste vollelektrische i4 fuhr vom Hof. Trotzdem werden weiter parallel Verbrenner, Hybride und E-Autos in München an einem Band gefertigt. Auch das ist im Autobau einzigartig.

Zukunft E-Auto: Werk wird völlig umgebaut 

Wie lange diese von BMW „Technologieoffenheit“ genannte Parallelwelt besteht, muss sich zeigen. Langsam, aber sicher verdrängen die neuen E-Autos die alten Verbrenner. Schon 2023 soll jedes zweite Fahrzeug aus München elektrisch sein, auch der Motorenbau wird schon bald komplett aus dem Werk verschwinden. 

Das wird Spuren hinterlassen. BMW hat Architekten beauftragt, das Werk so umzuplanen, dass es fit für die Digitalisierung und Elektrifizierung wird. Außerdem soll es offener werden. Statt Mauern und hermetischer Blechbauten wünscht man sich Glas, Grün und Durchgänge für die Münchner, die dann vielleicht nicht mehr um den Klotz herumlaufen müssen. Es wird wie eine OP am offenen Herzen werden, schließlich soll die Produktion gleichzeitig möglichst ungestört weiterlaufen. Erste Umbauten gibt es bereits. Mitten im Gelände klafft ein Loch und auf den Werkstraßen sind Bagger unterwegs.

Auch wenn der Einschnitt groß sein wird, sieht ihm Sener Yilmaz entspannt entgegen. Im Moment fährt er einen Youngtimer: eine 3er-Limousine aus den 90ern. Elektroautos findet er aber gut. Sein nächster Wagen soll ein i4 werden. „Das ist wirklich ein tolles Auto“, sagt er. „Und wir sind hier alle sehr stolz darauf, dass wir Tesla jetzt endlich die Stirn bieten können.“

Veränderungen nimmt Yilmaz dafür gerne in Kauf. Nur eine Sache darf aus seiner Sicht nicht weg. „Der Vierzylinder muss bleiben“, beharrt Yilmaz. Denn der gehöre zum Stadtbild wie der Olympiaturm und die Frauenkirche. Doch er steht auch gar nicht zur Disposition, im Gegenteil: Bald wird auch der Turm Geburtstag feiern, nämlich seinen fünfzigsten.

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