„München hat Bürgersinn“

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Interview . „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo erinnert sich an die Lichterkette – und vergleicht sie mit den Protesten heute.

München - Zu einer Lichterkette rufen Münchner Organisatoren für kommenden Montag auf, um gegen Pegida zu demonstrieren. Die Aktionsform der Lichterkette ist freilich nicht neu. Als vor 22 Jahren Asylbewerberheime in Rostock, Mölln und Hoyerswerda brannten und Neonazis unter dem Applaus der Schaulustigen Angst und Schrecken verbreiteten, war München die erste Stadt, die ein Zeichen gegen Rechts setzte: Etwa eine halbe Million Menschen säumte am 6. Dezember 1992 die Straßen der Stadt. Vier junge Männer hatten die Aktion organisiert, einer von ihnen war ein Münchner Reporter. Heute ist Giovanni di Lorenzo (55) Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit in Hamburg. Er erinnert sich an die Mobilisierung der schweigenden Mehrheit – und vergleicht die damalige Aktion mit den heutigen Demonstrationen.

-Herr di Lorenzo, waren Sie in den letzten Wochen gegen Pegida demonstrieren?

Nein.

-Warum nicht?

Ich darf meine Redaktion bei der Berichterstattung nicht in Verlegenheit bringen. Es würde sie befangen machen, wenn ich dort als Aktivist auffiele.

-Mancher vergleicht die aktuelle Situation mit der Anfang der 90er-Jahre.

Damals brannten Flüchtlingsheime, heute gehen selbsternannte „besorgte Bürger“ meist friedlich auf die Straße. Ähneln sich die Konflikte überhaupt? Ich begrüße es, wenn in einer Gesellschaft unterschiedliche Gruppen ihre Meinung zum Ausdruck bringen – so, wie es jetzt der Fall ist. Das darf auch in deutlicher Abgrenzung voneinander geschehen. Es gibt aber einen gravierenden Unterschied zu der Zeit, in der wir damals aktiv geworden sind. Damals sahen wir uns einer Orgie von Gewalt gegenübergestellt, auf die Politik, Justiz, Polizei und Zivilgesellschaft mit einer merkwürdigen Apathie reagierten. Es konnte der Verdacht aufkommen, dass dieser pöbelnde, bedrohliche, die Anschläge verübende Mob so etwas sein könnte wie die Avantgarde der schweigenden Mehrheit. Das war die Initialzündung für die Lichterkette. Die Frage war damals: Wo steht die große, schweigende Mehrheit wirklich? Die Lichterkette war darauf zumindest vorübergehend eine sehr eindeutige Antwort.

-400 000 Menschen waren eine fast schon unfassbar große Menge . . .

. . . und Sie müssen bedenken: Es waren mehr als 400 000! Bei 400 000 hat die Polizei einfach aufgehört zu zählen. Das Motto war ja „München – eine Stadt sagt Nein!“. Und das haben wir auch eingelöst.

-Heute werden Menschen vor allem über die sozialen Netzwerke eingeladen, zu demonstrieren. Wie haben Sie damals mehr als 400 000 auf die Straße bekommen?

Wir haben es ohne Parteien, Kirchen, Verbände gemacht. Wir sind von Geschäft zu Geschäft gezogen, haben sogar in Kaufhäusern über die Lautsprecheranlagen agitieren dürfen. Die Leute haben uns immer gefragt: Wer steht denn hinter euch? Anfangs haben wir verzagt geantwortet: Niemand. Dann sagten die: Okay, wir sind dabei! Als die Idee entstand, hatten wir zunächst 100 Freunde, Kollegen, Bekannte versammelt, um sie zu überzeugen. Sie sollten sich wiederum verpflichten, jeweils zehn Menschen dazu zu bringen, mitzumachen – nach dem Prinzip Kettenbrief. Innerhalb weniger Tage hatten wir 10 000 Zusagen. Die Lawine war ins Rollen gebracht.

-Eine Eigendynamik hatten auch die Proteste der letzten Wochen.

Ja, und da gibt es sogar eine Parallele zu unserer Lichterkette: Auch Pegida und Anti-Pegida kommen relativ spontan und von unten. In Freiburg hat ein Einzelner über die sozialen Netzwerke 20 000 Menschen mobilisieren können.

-Viele Münchner erinnern sich noch sehr gut an die Lichterkette von 1992. Woran denken Sie als erstes im Rückblick?

An meine unglaubliche Verblüffung und Freude darüber, dass wir so viele waren. Wir hatten in der Vorbereitung mit der Polizei angeregt, dass Kreuzungen frei gehalten werden. Die hat abgewunken: Das sei übertrieben, weil wir nicht so viele werden würden. Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung lief ich mit meinen Kollegen Axel Hacke und Heribert Prantl eine Runde durch die Straßen, in denen wir demonstrieren wollten. Wir hatten ein Telefon dabei, das so groß und schwer war wie ein Koffer – wie die Handys damals eben aussahen. Es waren so wenige Leute da, dass wir schon an einer Presseerklärung zu unserem Scheitern gebastelt haben. Eine halbe Stunde später wusste man nicht mehr, wo man hinschauen sollte vor lauter Menschen. Überwältigend!

-Nun gilt München nicht gerade als Demon-strationshochburg, eher als eine behäbige Stadt. Auch in diesen Wochen sind doch wieder sehr viele auf der Straße unterwegs. Passt das zusammen?

Ich habe München in allerbester Erinnerung, als eine Stadt mit ganz viel Bürgersinn.

-Ihre Lichterkette war damals eine stille Aktion. Heute sind hingegen viele Proteste gegen Pegida sehr laut, es wird Musik gemacht, Pegida wird niedergebrüllt.

Wir haben uns damals ganz bewusst für andere Symbole entschieden: das Schweigen gegen das Grölen und die Kerzen gegen die Molotow-Cocktails. Aber jede Zeit findet ihre eigenen Protestformen. Ich persönlich habe allerdings meine Zweifel, ob diese Gegendemonstrationen heute überall, vor allem in den alten Bundesländern, so wirksam sind oder ob nicht die Gefahr besteht, dass man kleine Gruppen größer macht, als sie sind. Auch wenn man mit Pegida nichts am Hut hat: Die Sorgen und Ängste muss man ernst nehmen. Durch Gegendemonstrationen alleine verschwinden die nicht.

-Sie haben mal gesagt, die Lichterkette habe nur als einmalige Aktion funktioniert. Nun soll es am Montag in München eine Lichterkette geben, während Pegida demonstriert. Funktioniert die Symbolik in diesem Zusammenhang?

Wir fanden, dass das Symbol seine Kraft verliert, wenn man es häufiger verwendet. Aber ich will mir nicht anmaßen, darüber zu richten, mit welchen Mitteln eine spätere Generation auf die Straße geht. Wir haben die Lichterkette ja nicht patentiert.

Das Gespräch führte Felix Müller.

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