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Zwei Münchner Rentnerinnen im alltäglichen Kampf

„Brot ist fast schon Luxus geworden“: Was passiert, wenn die Rente nicht mehr zum Leben reicht

Müssen auf jeden Euro achten: Die Rentnerinnen Isolde A. und Gerlinde K. aus München
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Müssen auf jeden Euro achten: Die Rentnerinnen Isolde A. und Gerlinde K. aus München
  • Nina Praun
    VonNina Praun
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Alles wird teurer. Das trifft vor allem diejenigen, die vorher schon jeden Cent umdrehen mussten. Zwei Rentnerinnen aus München berichten, wie sie mit den hohen Preisen im Alltag zu kämpfen und warum eine kaputte Waschmaschine plötzlich die Existenz bedrohen kann.

München – Vor einigen Wochen lag das befürchtete Schreiben im Briefkasten. Isolde A.s Vermieter, eine Wohngesellschaft, erklärte darin etwas umständlich, dass „eine Verdoppelung, teils sogar Verdreifachung der Heiz- und Warmwasserkosten“ zu erwarten sei, und somit die Abschlagszahlung für die Nebenkosten erhöht werden müsse. In A.s Fall um genau 80,13Euro. Pro Monat.

In dem Schreiben sind die wichtigsten Passagen sorgfältig mit einem Leuchtmarker markiert, wie auch bei all den anderen Dokumenten, die A. in einer Mappe verpackt aus der Handtasche gezogen hat. Die Rentnerin aus München ist gut vorbereitet auf das Gespräch über gestiegene Lebenshaltungskosten, das an diesem Tag beim Verein Lichtblick Seniorenhilfe statt findet. Denn A. hat alles im Griff , Dokumente, Finanzen. Ihr ist also klar, dass diese 80 Euro ab jetzt jeden Monat auf der Ausgabe-Seite auftauchen – und vermutlich so schnell nicht wieder verschwinden werden. Ihre einzige Hoffnung ist, dass das Sozialamt den Betrag übernehmen wird, im Rahmen der Grundsicherung.

672 Euro Rente im Monat

Auf die ist die 67-Jährige angewiesen, denn ihre eigene Rente beläuft sich auf nur 672 Euro im Monat. Dabei hat sie ihr ganzes Leben lang in der Gastronomie gearbeitet. „Ich war sogar 30 Jahre Wiesnbedienung“, sagt sie stolz. „Aber der Job geht einfach in die Knochen. Mein Körper ist kaputt .“ Die letzten Jahre war sie in einer Kantine tätig, bis es mit 65 Jahren in Rente ging. Endlich.

Jetzt kann sie ihrem Körper etwas mehr Ruhe gönnen. Doch der Stress ist geblieben, nun dreht er sich um ein Thema: Geld. Die hohen Energiekostensind ja nur ein Posten auf der Ausgabenliste, der beständig steigt. Der andere große Punkt sind die Lebensmittel. „Einkaufen ist bei mir zum Jonglieren geworden“, sagt A. „Ich muss immer irgendetwas verschieben. Wenn etwa die
große Packung Waschmitel im Angebot ist, muss ich zuschlagen. Doch dann gibt es eine ganze Zeit lang keine Tomaten mehr, weil das Geld nicht mehrreicht.“

Gerlinde K. nickt zustimmend. „Ich mache es genauso. Ich schaue auf die Sonderangebote und kaufe dann gleich mehrere Packungen auf Vorrat ein. Bei Butter zum Beispiel.“ Die Rentnerin sieht gepflegt und frisch aus, die 83Jahre sieht man ihr kaum an. Auch sie ist heute zu dem Gespräch bei Lichtblick erschienen, denn auch sie bekommt zu wenig Rente, obwohl sie als Illustratorin gearbeitet hat, und auch sie erhält anteilig Grundsicherung.

„Mir bleiben nach dem Bezahlen der Miete jeden Monat 342 Euro zum Leben“, rechnet K. nun vor. „Damit muss ich noch die Telefonrechnung bezahlen. Und davon muss ich Lebensmittel kaufen, aber auch Drogerieprodukte, Medikamente, Kleidung und Schuhe oder eine Waschmaschine, wenn sie kaputt geht.“ Sie runzelt die Stirn. „Wie soll das gehen?“ Sie weiß, dass es nicht geht – denn genau in dieser Situation kam sie das erste Mal zu Lichtblick: Als ihre Waschmaschine kaputt ging und sie nicht wusste, wie sie eine neu bezahlen sollte. Damals half der Verein. „Es war überwältigend“, sagt K.

Isolde A. hatte ein ähnliches Erlebnis. Ihr Geldbeutel war im Supermarktgestohlen worden. Die Börse samt Dokumente bekam sie zurück – doch das Bargeld war weg. Und das Anfang des Monats, kurz nach dem Abheben. „Ich dachte, nun geht die Welt unter“, erzählt A. In ihrer Not ging sie zu Lichtblick, dort bekam sie eine Einmalhilfe. „Da war ich oberheiligfroh“, sagt A. heute noch erleichtert.

Doch heute geht es nicht um einmalige Notsituationen, sondern um den Alltag. Wie kann man mit den gestiegenen Preisen klug kalkulieren? Eine große Aufgabe. „Es ist so ärgerlich“, sagt K. „Ich mache mir mittlerweile geradezu ein Hobby daraus, tagelang nicht einkaufen zu gehen.“ Und Isolde A. ergänzt grimmig: „Bei der Butt er konnte man die Steigerung direktbeobachten. Erst war es nur ein 50erl mehr, dann plötzlich ein Euro. Und das Brot habe ich immer beim Bäcker gekauft, aber das kann sich ja heute niemand mehr leisten.“

Geld reicht kaum für Lebensmittel

Schon sind die beiden Damen in einem Fachgespräch über Lebensmittelpreise vertieft. „Ja, Brot ist fast schon ein Luxus geworden“, antwortet K. „Aber Nudeln gehen gerade noch. Dabei sind sie auch teurer geworden, wie alle Grundnahrungsmittel“ – „Sogar die Kartoffeln sind teurer geworden“, sagt A. „Dabei denkt man, die sind doch von hier, die könnte man auch einfach selber aus dem Feld klauben?“ Nun kichern beide.

Nur so sind diese Zeiten überhaupt zu ertragen, findet Gerlinde K.: mit etwas Humor. Sie hat zwar noch kein Schreiben über eine Erhöhung der Nebenkosten erhalten, doch mit dem Warmwassersparen hat sie schon angefangen. „Ich dusche nur noch zweimal die Woche, aber ich habe auch gelesen, dass Duschen für die ältere Haut gar nicht so gut ist“, sagt sie und lächelt verschmitzt. „Nun wasche ich mich jeden Tag mit dem Waschlappen, wie früher. Und dabei lasse ich das Wasser auch nicht mehr laufen.“

Sie überlegt kurz. „Man muss schon sagen: Wir waren die letzten Jahrzehnte sehr verwöhnt. Man hätt e schon viel früher Energie sparen können. Warum etwa wurden die Schwimmbäder so lange so stark beheizt?“– „Über so etwas ärgere ich mich auch“, sagt A. „Oder über die Klimaanlagen in den großen Kaufhäusern, die immer laufen.“ – „Und die beleuchteten Schaufenster abends!“, sagt K. Dann seufzt sie. „Aber eigentlich will ich mich gar nicht so aufregen. Denn: Vielleicht wird ja alles doch nicht so schlimm.“

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