Mittellose Millionärin

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Bettina B. war reich. Doch weil die Kreutherin schwer dement war, durfte sie über ihr Geld zuletzt nicht mehr verfügen. Der vierte Prozesstag gewährt tiefe Einblicke in das Leben der mutmaßlich Ermordeten.

Mord an Antiquitätenhändlerin

von tobias lill

Kreuth – Bettina B. war offenbar ein Leben im Luxus gewöhnt. Die Kreutherin, die alle nur Betty nannten, besaß laut Staatsanwaltschaft edle Pelze, teure Juwelen und Unmengen an Antiquitäten – alleine die Wasser-, Sekt- und Weingläser in der Villa der Millionärin kosteten viele tausend Euro. Doch in den letzten Monaten ihres Lebens konnte die 95-Jährige, die laut Staatsanwaltschaft im März 2017 ermordet wurde, wohl nur noch sehr eingeschränkt auf ihren Reichtum zurückgreifen. Die Rentnerin habe geklagt, dass sie nur mehr 100 Euro in der Woche „als Taschengeld“ bekam, sagte eine ihrer Freundinnen am Montag vor dem Landgericht München. Betty habe sie einmal angerufen und gesagt, dass sie nicht einmal eine Medikamentenbestellung aus eigener Tasche bezahlen könne, sagte die 86-jährige Beatrice M.

Wegen ihrer fortschreitenden Demenz hatte Betty B. nach Angaben ihres Pflegeheims ab Januar 2016 eine gesetzliche Betreuerin – sie soll ab Ende 2015 zunehmend verwirrt gewesen sein. In einer Art Wahnzustand soll die alte Frau etwa einmal ihr Zimmer unter Wasser gesetzt haben. Sie habe geglaubt, dass sie in Flammen stehe, berichtet die Leiterin der Einrichtung für betreutes Wohnen in Rottach-Egern in der B. zuletzt gelebt hatte. Auch habe B. Mitarbeitern angeboten, ihnen Schmuck zu schenken.

Bereits am ersten Tag des Verfahrens war die Rede davon gewesen, dass die Millionärin aufgrund ihrer schweren Demenz zuletzt nicht mehr frei über ihr Geld verfügen konnte. Doch dies war für Betty B. offenbar nicht leicht zu akzeptieren. Sie sei eine Frau gewesen, die gerne auf ihrem Recht beharrt habe, berichten Zeugen.

Der vierte Prozesstag gibt auch anderweitig tiefe Einblicke in das Leben der in ihrer Heimat Kreuth (Landkreis Miesbach) beliebten früheren Antiquitätenhändlerin. Klar wird schnell: B. vertraute der Angeklagten zwar nicht bedingungslos. „Doch sie hatte ja niemanden“, sagt Beatrice M. „Frau B. war sehr freigiebig“, berichtet später die Heimleiterin. Glaubt man der Staatsanwaltschaft, soll ihr dies zum Verhängnis geworden sein. Seit 2013 lebte die Antiquitätenhändlerin in einem Pflegeheim, ihre Villa am Tegernsee behielt sie jedoch. Im Sommer 2014 stellte sie dann Renate W. an. Die heute 53-jährige gelernte Bürokauffrau aus dem Landkreis München war nicht nur ihre Pflegerin und Büromanagerin – sie war auch deren Gesellschafterin, vertrieb der Witwe die Langeweile.

Zeugen sagen, Betty B. habe berichtet, sie habe Renate W. auch Geld bezahlt – wie hoch diese Summe war, darüber gehen die Angaben jedoch auseinander. Doch folgt man der Anklageschrift, bezahlte die Millionärin ihr Vertrauen nicht nur mit weiten Teilen ihres Vermögens – sondern auch mit ihrem Leben. Betty B. starb im März 2016 in einer Palliativstation eines Krankenhauses. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Renate W. soll die damals 95-jährige, wehrlose Frau im Klinikzimmer mit einem Kissen oder einer Decke erstickt haben. Die Verteidigung bestreitet dies.

Laut Ermittlern hat W. gehofft, von ihr und ihren angeblichen Komplizen mutmaßlich begangene Diebstähle zu vertuschen. Sie sollen der Antiquitätensammlerin aus deren Luxus-Anwesen Kunstgegenstände und anderes Vermögen im Wert von 1,1 Millionen Euro gestohlen haben.

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