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Josef Enzinger am Dach der Welt

Plötzlich bist du dem Himmel so nah: OVB-Redakteur mit Altöttinger Hilfsverein Sano Madad in Nepal

Auf dem knapp 5000 Meter hohen Tsergo Ri in Nepal.
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Gipfelglück unter Gebetsfahnen: Auf dem knapp 5000 Meter hohen Tsergo Ri in Nepal.
  • Josef Enzinger
    VonJosef Enzinger
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Der Altöttinger Verein „Sano Madad“ unternahm nach dem Erdbeben im Jahr 2015 große Kraftanstrengungen, um ein komplett zerstörtes Dorf wieder mit aufzubauen und jungen Kindern eine Zukunft zu geben. Redakteur Josef Enzinger machte sich ein Bild davon und erfüllte sich im Himalaya einen Traum.

Mühldorf/Kathmandu - Die Schritte werden schwerfälliger, auch der Geist verlangsamt sich, ist volltrunken von der Sauerstoffarmut, weniger aufnahmefähig. Aber der Körper hält durch, jetzt, da es nur noch wenige Meter bis zum Gipfel des Tsergo Ri sind. 4983 Meter misst der Berg inmitten des Langtang-Tales. Wenig später ist es geschafft. Freudentränen kullern über die kalten Wangen. Man liegt sich in den Armen am Gipfel des Berges, der höher liegt als irgendein Fleck in Europa. Erschöpft, aber glücklich. Mehrere Tage war die Trekking-Gruppe unterwegs im Langtang-Tal in Nepal, knapp 30 Kilometer Fußmarsch im Himalaya-Gebirge liegen hinter der Gruppe, die sich aus Frauen und Männern aus den Landkreisen Mühldorf und Altötting zusammensetzt. Funktionäre und Freunde der Organisation „Sano Madad“, übersetzt „die kleine Hilfe“, einem Verein aus Altötting, der sich der Ausbildung bedürftiger Kinder in Nepal verschrieben hat und in diesem unwegsamen Gebiet nach einem verheerenden Erdbeben 2015 eine Schule aufgebaut hat.

Typisches Bild aus den Gassen von Thamel in Kathmandu.

Jede Menge Unterrichtsmaterial im Gepäck

Kopf der Gruppe sind Dr. Herbert Nennhuber, Dr. Peter Widmann und Dieter Prenninger-Hackl, die Vorstände des Vereins, die regelmäßig das Langtang-Tal und deren Ortschaften besuchen, um sich mit Mitgliedern nicht nur auf eine spannende Reise quer durch Nepal zu begeben, sondern sich auch ein Bild vom Erfolg ihrer Projekte im Langtang-Nationalpark und auch in der Hauptstadt Kathmandu zu machen. Mit im Gepäck: Jede Menge Unterrichtsmaterial für die Schulen, gespendet von heimischen Firmen. Ausgangspunkt ist die nepalesische Hauptstadt Kathmandu, wo die Reisegruppe am Flughafen von Lhakpa Dhundup, dem Sekretär der Organisation vor Ort, freudestrahlend bereits begrüßt wird. Jeder Gast erhält ein Tuch, Khatas genannt. Diese werden überreicht, um dem Beginn einer Begegnung eine positive Note zu geben; das Gleiche auch zum Abschied um eine sichere Reise zu erbitten.

Hektische Betriebsamkeit

Schon die Fahrt zum Hotel inmitten des Backpacker-Viertels und Touristenzentrums Thamel ist ein Erlebnis. Es herrscht hektische Betriebsamkeit, wenn sich Kleinbusse durch die Schwüle der Großstadt auf mehrspurigen Straßen drängen, hupende TukTuks, die ebenso ihren Platz für sich beanspruchen und dazwischen völlig unaufgeregte Rikscha-Fahrer, die sich vor allem den Touristen widmen. Diese waren in den Jahren der Corona-Pandemie rar geworden. Allmählich aber erwacht der Tourismus als Erwerbszweig wieder. Aus aller Herren Länder kommen die Gäste nach Kathmandu.

Eintauchen in Thamel

Thamel ist eine pulsierende, touristenfreundliche Gegend, die als Ausgehviertel besonders bei jüngeren Backpackern hoch im Kurs steht. Aus den Bars schallt laute Musik von detailverliebten Coverbands und in den gut besuchten Restaurants werden nepalesische und internationale Gerichte zum Spottpreis serviert. Nicht zu verachten die Biere: Gorkha, Nepal Ice oder Everest im Schatten von Pampelmusenbäumen, heißen die Getränke, die uns im „International Guest House“, unserer ersten Unterkunft mit gemütlich-kolonialistischem Ambiente, nach dem obligatorschen Begrüßungstee über den Jetlag hinweghelfen sollen. Noch am ersten Tag saugen wir die Atmosphäre in den engen Gassen auf.

Trekking steht hoch im Kurs

Auf Märkten und in Läden werden Kunsthandwerk aus Metall, bunter Schmuck und imitierte Marken-Trekking-Ausrüstung angeboten. Gehobene Geschäfte und Spas säumen die Fußgängerzone in der Mandala Street. Fahrende Händler bieten Gemüse und Obst an. Fußläufig geht es am Tag der Ankunft noch an den Durbar-Platz, einen von drei königlichen Plätzen in Nepal, die heute UNESCO-Weltkulturerbe sind. Mehr als 50 Pagoden, Tempel und Palästen, meist aus Holz und die Kunstfertigkeiten der Newar zeigten, umgaben diesen Platz. Viele wurden beim Erdbeben in Nepal am 25. April 2015 zerstört.

Festlicher Empfang der Sano-Madad-Delegation an der Schule von Sano Madad mit von links Nepal-Sekretär Lhakpa Dhundup, Dr. Herbert Nennhuber und Dieter Prenninger-Hackl.

Bretterverschläge entlang des stinkenden Bagmati

Wer sich auf Sightseeing-Tour durch Kathmandu begibt, ist überwältigt von den Eindrücken, von den Gerüchen, vom krassen Gegensatz zwischen Reichtum und Armut. Bretterverschläge entlang des stinkenden Bagmati, ein stark verschmutzter Fluss, der sich quer durch die Metropole schlängelt. An dessen Ufern befindet sich auch die Tempelanlage von Pashupatinath, wo nach hinduistischem Ritual Leichenverbrennungen stattfinden und die Asche anschließend in den Fluss gewaschen wird. Freche Affen, Kinder als Bettler und fast beklemmende Bestattungsrituale, dazwischen plakative Hindu-Priester, die sich für ein Touristenfoto gegen einen kleinen Obolus verrenken.

Keine Honeymoon-Suite verfügbar, Dusche Fehlanzeige: Das Hotel Riverside auf 2770 Metern Höhe.

Drei-Tages-Marsch entlang des Langtang-Flusses

Wir entfliehen dem Treiben der Millionenstadt, machen uns an Tag drei auf die beschwerliche Reise in Richtung Langtang-Nationalpark, wo uns eine 30-Kilometer lange Trekking-Tour erwartet. Beschwerlich deshalb, weil die Straßen auf diesem 90 Kilometer langen Trip nicht diesen Namen verdient haben. Wir sind einen halben Tag im Gebirge unterwegs auf teils abenteuerlichen, serpentinenartigen Geröllwegen voller Schlaglöcher, verlassen uns dabei demütig auf den Fahrer, unterlassen aber zu viele neugierige Blicke in schwindelerregende Täler jenseits der Passstraße, die keine Leitplanken hat. Dass im Auto eine Auflage von Kuschelrock, geschätzte Folge 542, läuft, scheint Methode zu haben - nämlich uns die Aufregung während dieses Höllenritts zu nehmen. Bevor wir Flip-Flops gegen Wanderschuhe tauschen, wird in Syapru Besi im Tibet Guest House auf rund 2300 Metern Höhe übernachtet, einer Ortschaft knapp 15 Kilometer südlich der Grenze zu China, die unser Startpunkt der Trekking-Tour ist.

Lokalreporter Josef Enzinger mal nicht lokal, sondern zusammen mit seiner Frau Kathrin am Gipfel eines 5000ers im Langtang-Nationalpark.

Es gibt keine Straßen in Langtang-Dorf

Es hat sonnige 25 Grad Celsius, als wir uns am nächsten Tag durch atemberaubende Rhododendronwälder auf Wanderschaft begeben. Es ist ein Drei-Tages-Marsch entlang des Langtang-Flusses bis zum Endpunkt unserer Trekking-Tour auf rund 3900 Metern Höhe, der Ortschaft Kyanjin Gompa. Das Dorf ist nur zu Fuß erreichbar, oder mit Mulis. Oder, wer es sich leisten kann, per Hubschrauber. Es gibt schlichtweg keine Straße dorthin. Ziel des ersten Tages ist das Hotel „Riverside“, knapp 13 Kilometer entfernt, 1100 Höhenmeter werden wir zurücklegen.

Languren-Affen begleiten uns

Beim Tragen erhalten wir Hilfe von sogenannten „Portern“, die vor allen Dingen unsere Gastgeschenke über das unwegsame Gelände tragen werden. Sonnengegerbte Tibetaner sind es, vornehmlich Frauen, die sich in traditioneller Kleidung, mit langem Kleid und Turnschuhen auf den Trip begeben. Auf dem Weg begegnen wir immer wieder Familien, die gerade auf dem Rückweg von einer Beerdigung in Langtang sind, zwei Tage entfernt. Immer gut gelaunt. Wir haben jede Menge Süßigkeiten mit dabei, die uns die Kinder freudig kreischend fast aus den Händen reißen. Es dämmert. Schemenhaft sind Languren-Affen, eine Meerkatzenart, zu erahnen.

Das höchste Hardrock-Café der Welt steht im Langtang-Tal. Yaks sind ständige Begleiter der Wanderer.

Wasserflaschen zum Füße wärmen

Dann beginnt es zu regnen, gerade als wir das „Hotel Riverside“ erreichen. Wobei Hotel übertrieben ist. Es gibt keine Duschen, das fließende Wasser kommt vom Berg oder vom Langtang-Fluss. Entsprechend kalt ist es. Aber immerhin ist der Gastraum bereits geheizt, wo Ingwer- und Lemontee von innen wärmen. Strom ist gerade soviel vorhanden, damit wir unsere Smartphones und die Akkus der Fotoausrüstung aufladen können. Die Schlafkojen sind nichts anderes als Wellblechhüten. Einige lassen sich heißes Wasser in Plastikflaschen auffüllen, wärmen damit die Füße im Schlafsack. Den Rest erledigen die Strapazen der Wanderung. Hundemüde, wie wir sind, ist schon bald Zapfenstreich.

Leonie Widmann aus Altötting verteilt Süßigkeiten an die Kinder.

7234 Meter hoch und doch nur auf Platz 99

Nach einer viel zu kurzen Nacht ist der Morgen umso schöner. Die ersten Sonnenstrahlen erleuchten den Lantang Lirung, mit seinen 7234 Metern ist er der höchste Gipfel der Langtang Himal Range, einer Teilkette des nepalesischen Himalaya. Die Liste der 100 höchsten Berge der Welt führt ihn auf Rang 99. Er erstreckt sich 4500 Meter über uns. Doch das Gehirn vermag nicht, die gigantischen Ausmaße des Berges zu verarbeiten, der als Schicksalsberg des Dorfes Langtang gilt (siehe Kasten), das heutige Tagesziel auf 3400 Metern Höhe. 830 Höhenmeter sind an diesem Tag geplant. Wir merken bald, wie uns die Tour des Vortages in den Beinen steckt.

Wälder voller Rhododendren

Die zunehmende dünnere Luft macht die Anstrengung nicht einfacher. Der Ausblick auf schneebedeckte Gipfel, farbenfrohe Rhododendren, mal weiß, mal rot, entschädigen. Yaks grasen im feuchten Untergrund. Und immer wieder begegnen uns gut gelaunte Muli-Treiber. Gastfreundlich wie die Bewohner des Tales sind, werden wir mal hier mal dort zum Tee oder zu einer Kostprobe Yakmilch eingeladen. Man kennt sich mittlerweile, schließlich ist es nicht der erste Aufstieg der Vertreter von Sano Madad. Dennoch ist es bedrückend, als wir das Geröllfeld erreichen, das heute noch vom schweren Erdbeben 2015 zeugt. Schnee, Eis und Geröll hatten ein ganzes Dorf unter sich begraben, das in den Jahren danach weiter oben wieder aufgebaut wurde. Mit mulmigem Gefühl überqueren wir das Schotterfeld, in welchem so viele Menschen begraben liegen. 80 gelten heute noch als vermisst. Man hat sie nie gefunden.

Herzlicher Empfang der Schüler aus Langtang in 3600 Metern Höhe.

Festtagskluft für die Gäste aus Deutschland

In Langtang angekommen bleibt nicht viel Zeit, sich auszuruhen. Denn die Einwohner haben die Gruppe von „Sano Madad“ bereits erwartet. An der Schule ist ein großer Empfang vorbereitet. Ein aufwendiges Zeremoniell, für das die Reisegruppe in traditionelle Festtagskluft schlüpfen soll. Dr. Nennhuber, Dr. Widmann und Dieter Prenninger-Hackl sollen als Vertreter von Sano Madad symbolisch das Band zur Schule durchschneiden, das aufgrund von Spendengeldern um zwei Etagen aufgestockt wurde. Die Kinder strahlen. Tiefe Dankbarkeit ist nicht nur aus den Gesichtern der Kinder zu lesen, sondern auch bei den Erwachsenen zu spüren.

Zöpfe und Süßigkeiten für die Kinder

Die letzte Etappe gehen wir gechillt an, sie ist fußläufig in zwei Stunden zu erreichen. Also statten wir einen Tag später vor der Abreise der Schule noch einen Besuch ab. Die Kindern zeigen uns, wie gut sie auf Englisch buchstabieren können, man unterhält sich, die Damen flechten den Kindern Zöpfe, Süßigkeiten finden reißend Absatz. Pure Freude, als die Kinder vom Verein „Sano Madad“ neue Schultaschen erhalten, 30 Stück hatten Mulis schon vorher hochgebracht.

Ein Berg wie gemalt: Der 6378 Meter hohe Gangchenpo.

Selbst Armut hemmt die Gastfreundlichkeit nicht

Dann geht es los. Entlang von Gebetsmauern, die nur linksseitig passiert werden dürfen, werden Höhenmeter für Höhenmeter genommen. Lahkpa Dhundup lädt uns ein in das bescheidene Heim seiner Familie. Ein Raum über einen Stall, nicht mehr als 20 Quadratmeter, zu fünf wohnte die Familie dort. Es riecht wie in einer Selchkammer mit offener Feuerstelle. Das Gebälk ist rußig, der Raum keine zwei Meter hoch. Bilder von Sano Madad hängen an den Wänden. Die Familie ist arm, bewirtet uns aber großzügig mit dem Wenigen, das sie hat, Tee und gekochte Eier.

Sanddornsaft zur Stärkung

Wir nehmen dort Platz, wo die Familie später schlafen wird, genießen die Gastfreundlichkeit. Der nächste Stopp lässt nicht lange auf sich warten. Eine einsame Hütte. Wir halten, um uns mit süßen Sanddornsaft zu stärken. Und das im Hard Rock Café - das wohl höchstgelegene der Welt. Es gehört zwar nicht zur berühmten Kette. Und es finden sich auch keine Instrumente von bekannten Musikgrößen darin. Aber immerhin hat es die Besitzerin des Cafés, Kartok Lama, auf 3620 Metern schon zu einem TV-Beitrag im Bayerischen Rundfunk gebracht.

Priester setzen sich plakativ für die Touristen in Szene.

Steile Berghänge flankieren den Fluss

Steile Berghänge flankieren den Fluss. Es wird immer höher und auch weißer. Es kreisen Bartgeier über uns. Majestätisch segeln sie über dem Tal, lassen sich durch die Thermik nach oben schrauben. Kurz vor Erreichen unseren Zieles, Kyjanjin Gompa, zeigen sich die mächtigen Gletscher der 6000er. Herrliche Stupas, buddhistische Bauwerke, begrüßen uns. Dann über eine Hängebrücke und wir sind angekommen. Ein absurdes Bild, das die bunten Hotels und Guest Houses vor dieser Kulisse schneebedeckter Berge abgeben. Dort, wo es sogar eine Bäckerei gibt, inklusive Cappuccino-Maschine und lauwarmen Schoko- und Karottenkuchen.

Schokokuchen und immer noch Wlan

Und natürlich Wlan, wie fast überall, selbst im entlegendsten Winkel dieses Ortes. Plötzlich ein uns bekannter Dialekt: Eine Reisegruppe aus Ober- und Niederbayern genießt gerade die mittagliche Sonne. Später treffen wir Manfred Stinglhammer und Andi Stecher aus Neumarkt-St. Veit, die gerade von ihrer Tour auf den 5000er, dem Tsergo Ri, zurückkommen. Sie genießen mit ihrer Gruppe die Abgeschiedenheit und Ruhe des Tales, haben ebenfalls einige Gastgeschenke mit ins hochalpine Tal mitgebracht.

Trommeln, kleine Becken und Schellen erklingen im Gebetsraum

Abends dürfen wir noch einer Trauerzeremonie in einem buddhistischem Tempel beiwohnen. Im Buddhismus sind sowohl Erdbestattungen als auch Feuerbestattungen üblich, letztere jedoch am häufigsten verbreitet. Im Anschluss an die Kremation wird die Urne mit der Asche des Verstorbenen 49 Tage im Tempel aufbewahrt, bevor sie beigesetzt wird. Und das war an diesem Tag der Fall. An die 350 Personen waren auf 4000 Meter gepilgert, um sich feierlich zu verabschieden. Im Tempel geht es dabei zu wie auf einem Markt. Es werden Esspakete geschnürt. Äpfel, Bananan, Schokoriegel, Chips. Es gibt Tee. Regelmäßig stimmen die Priester Gebete an, es erklingen Trommeln, kleine Becken und Schellen im Gebetsraum, im welchem Reiskörner verstreut liegen.

Wo Gletscher noch wie Gletscher aussehen: Der Kimshung-Gletscher über dem Dorf Kyanjin Gompa, der seinen Ursprung in 6500 Metern Höhe hat.

Betgesang und Tanz in Trance

Nach einer kurzen Andacht geht es in eine Halle, wo die Feiernden auf dem Boden sitzend Reis mit Linsen, Curry und vegetarischem Allerlei verzehren. Oder sie formieren sich zum Tanz. Im Uhrzeigersinn stapfen Frauen und Männer, strikt nach Geschlechtern getrennt, im gleichmäßigem Tempo im Kreis. Es ist ein Betgesang, den sie anstimmen. Mal Frauen, dann Männer, dann wieder die Frauen. Irgendwann wirkt das Ganze meditativ, wie in Trance, zumal sehr viele bereits dem Alkohol, Reisbier, deutlich zugesprochen haben. Unter ihnen Pasang, der bei den Männern den Takt vorgibt mit seinen langen, schwarzen borstigen Haaren und dicker Sonnernbrille. James Brown is dead? Mitnichten. Und er hält jede Menge aus.

James Brown is dead? Von wegen

Denn dieser Pasang ist es auch, der uns am nächsten Morgen auf den 5000er führen soll. Keine anspruchsvolle Tour, die hochalpine Bergerfahrung voraussetzt. Aber, dass der Bergführer letztendlich doch nur eine Stunde geschlafen haben soll, bereitet uns etwas Sorge. Zumal er zur Ausnüchterung zwar eine große PET-Flasche mit dabei hat. Die aber ist gefüllt mit Reisbier. Immerhin sind wir nicht alleine. Zu acht machen wir uns sich auf den Weg auf den Tsergo Ri. 1260 Höhenmeter liegen vor uns, die sich auf knapp neun Kilometer Weglänge verteilen. Wir starten bei 4000 Meter, merken schnell, dass die Wanderung kein Zuckerschlecken wird, die dünne Luft macht sich schnell bemerkbar. Der Körper funzt, aber die Atemfrequenz ist gewöhnungsbedürftig hoch. Neben Pasang begleiten uns drei weitere Nepalesen, die Tee, Wasser und - ganz wichtig - Knoblauchsuppe als Belohnung für die Gipfelerstürmung eingepackt haben. Knoblauchsuppe deswegen, um den Blutdruck schnell nach unten zu drücken, wenn der Gipfel erst einmal erreicht ist.

Zu acht machte sich die Reisegruppe aus Altötting und Mühldorf auf zum Gipfel des Tsergo Ri in Nepal.

Volltrunken von der Sauerstoffarmut

Der Trek beginnt hochmotiviert. Der nepalesische James Brown tut alles, um seinen Kater zu überspielen, muss aber immer wieder Pausen einlegen, die er zunächst als Rücksichtnahme uns gegenüber zu verkaufen versucht. Schnell wird uns aber klar, dass er selbst die Pausen benötigt, um nicht komplett schlapp zu machen. Der Höhenmesser zeigt 4500 Meter, als die Schritte immer langsamer werden, volltrunken von der Sauerstoffarmut in dieser Höhe konzentriert sich jeder Schritt auf den Wanderer unmittelbar davor. Atmung korrigieren, tiefer und bewusster schnaufen, so der Tipp von Herbert Nennhuber. Tatsächlich geht es besser.

Ab 4700 Meter hat sich der Körper an die dünne Luft gewöhnt

Ab 4700 Meter scheint sich der Körper an die dünne Luft gewohnt zu haben. Die Schritte sind zwar langsam, aber zielstrebig steuern wir dem Gipfel entgegen, der schon von Weitem zu sehen ist. Bunte Fahnen flackern im gleißenden Sonnenlicht, bei glasklarer Sicht, im Wind. Es wird heller, und greller. Ohne Sonnenbrille nicht zu empfehlen. Noch nie sah man ein so schönes Blau. Man ist dem Himmel so nah. Oben angekommen wird man von der Großartigkeit der Bergwelt übermannt. Es fließen Tränen der Erschöpfung und des grenzenlosen Glücks. Ein Moment des Innehaltens, der Zufriedenheit, es bis ganz nach oben geschafft zu haben. Das einzige, was in diese Stille hineinbricht: Bergführer Pasang. Der hat sich ingelegt, schläft und lässt lautstark wissen, wie müde er tatsächlich ist.

Große Hilfe für kleine Menschen aus dem Landkreis Altötting

Sano Madad ist entstanden aus der privaten Initiative von Siegi Rasp aus Emmerting. Auf einer seiner vielen Reisen rund um die Welt bereiste er Nepal und Tibet bereits in den 70er Jahren. Beim Drachenfliegen im Himalaya Gebirge, am 5.000 Meter hohen Kyanjin Ri, stürzte der Extremsportler ab und brach sich unter anderem beide Beine und mehrere Rippen. Sich selbst und fast schon dem Tod überlassen, schleppte er sich Meter für Meter in Richtung des Dorfes Langtang, in dem er zuvor Unterkunft gefunden hatte. Inzwischen hatten sich dessen Bewohner – nachdem ihr Gast nicht mehr zurückgekommen war – auf die Suche nach ihm gemacht und retteten ihn.

Wieder in Deutschland angekommen gründete er seine Privatinitiative, die fortan die Bewohner der Bergregion Langtang unterstützte, vor allem die Kinder. Bei den Schützlingen von Sano Madad handelt es sich nicht um einheimische Nepalesen, sondern um buddhistische Exil-Tibeter, deren Großeltern nach der gewaltsamen Annexion Tibets durch die Volksrepublik China in das südliche Nachbarland Nepal geflohen waren. Dort leben sie nun in der kargen Bergregion Langtang – einem Nationalpark fernab von jeglicher Zivilisation – in einem der zehn ärmsten Länder der Erde. In den Familien wird nur Tibetisch gesprochen. Die Eltern der Kinder sind Analphabeten und ohne jegliche Schulbildung. Im Norden liegt die Grenze zu Tibet, wohin diese Flüchtlinge nicht zurückkehren können. Die nächste Zivilisation befindet sich im Süden, im drei Tagesreisen entfernten Kathmandu. Die Amtssprachen dort sind Nepali und Englisch, zwei sowohl in Wort als auch in Schrift völlig andersartige Sprachen.

Mit Langtang verbindet der Verein ein traumatisches Erlebnis, das sich am 25. April 2015 zugetragen hatte. Gegen 12 Uhr mittags suchte ein Erdbeben der Stärke 7,8 das Himalaya-Gebirge heim. Das Epizentrum lag nur etwa 40 Kilometer vom Bergdorf Langtang entfernt. Häuser und Hütten stürzten ein. Aus einer hoch über dem Dorf gelegenen Gletscherzunge löste sich eine infernalische Lawine aus Schnee, Felsbrocken, Gestein und Schlamm. Sie verschüttete alles, was nicht schon von der ihr vorauseilenden Druckwelle weggerissen worden war, unter meterhohem Schutt. Etwa 250 Menschen wurden unter den Geröllmassen begraben. Nur circa 120 von ihnen konnten geborgen werden. Die Gefahr neuerlicher Steinlawinen war für die Helfer zu groß. Sano Madad hat bei dem Inferno auch einige seiner Patenkinder verloren. Die meisten Überlebenden betrauerten mindestens einen Elternteil oder auch Geschwister und sind tief traumatisiert. „Unser primäres Ziel ist es, noch mehr Kindern aus der Bergregion Langtang den Schulbesuch zu ermöglichen. Schließlich stellt unserer Meinung nach die Bildung der Kinder das wirksamste Instrument gegen die tristen Zukunftsaussichten der Menschen vor Ort dar“, sagt Dr. Herbert Nennhuber, Vorsitzender des Vereins mit Sitz in Altötting.

Der Verein Sano Madad bezahlt mittlerweile für über 60 Kinder zwischen 4 und 25 Jahren die Kosten für Schule, College beziehungsweise Berufsausbildung. Die meisten Kinder besuchen ein Internat in Kathmandu, für das Sano Madad aufkommt. Die Valley Public School war auch das Ziel der Reise in 2022. 35 Schüler dieses Internats sind Patenkinder von Mitgliedern des Vereins. Für die Kinder, vom Vorschulalter bis zum Studierenden, hatte die Delegation aus Bayern jede Menge Geschenke mit dabei sowie digitale Endgeräte für den Schulalltag, Smartphones und Tablets, die von der Firma Baierl & Demmelhuber aus Töging gesponsert worden waren.

Für die kleinsten Kinder aus den entlegenen Bergdörfern des Langtang Nationalparks baute Sano Madad in den Jahren 2018/2019 eine Schule auf 3500 Metern Höhe im Bergdorf Langtang. Dort ist Sano Madad Arbeitgeber für Lehrer, Kindermädchen, Hausmeister, Köchin und einen Sekretär des Vereins. Und die Herausforderung wird nicht kleiner.

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