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Münchens Stadtwerke-Chef Bieberbach im Interview

„Mit Kernkraft ist man auf dem Holzweg“: SWM-Chef über die Zukunft der Energie-Versorgung

Florian Bieberbach, Geschäftsführer der Stadtwerke München, zeigt Marktkurven für Strom und Gas. Die Lage hat sich etwas entspannt.
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Florian Bieberbach, Geschäftsführer der Stadtwerke München, zeigt Marktkurven für Strom und Gas. Die Lage hat sich etwas entspannt.
  • Matthias Schneider
    VonMatthias Schneider
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  • Wolfgang Hauskrecht
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Münchens Stadtwerke-Chef Florian Bieberbach über schockierend hohe Gasrechnungen, die Angst vieler Bürger vor einem frostigen Winter und die Zukunft unserer Energieversorgung.

München – Die Stadtwerke München (SWM) sind einer der größten kommunalen Energieversorger in Deutschland. Jahresumsatz: 8,3 Milliarden Euro. In Sachen Erneuerbare Energien ist die städtische GmbH Vorreiter. Bis 2025 wollen die SWM so viel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren, wie München verbraucht – 7 Terawattstunden. Seit 2013 leitet Florian Bieberbach die Geschicke des Unternehmens. 

Herr Bieberbach, viele Menschen sind gerade schockiert von ihrer Gasabrechnung. Die Abschlagszahlung ist teils um ein Mehrfaches höher – obwohl die Abrechnung ja den Winter vor dem Ukrainekrieg umfasst. Wie kommt das zustande? 

Bieberbach: Das ist sicher nicht bei uns, denn wir kaufen längerfristig ein. Aber es gibt Anbieter, die ihr Gas kurzfristig einkaufen und die Preise schon Anfang des Jahres stark erhöht haben. Deren Kunden bekommen jetzt die volle Wucht ab. Die Preise sind auch nicht erst mit Kriegsbeginn hochgegangen. Schon im Sommer 2021 haben die Russen ihre Gasspeicher hier nicht befüllt. Der Markt war nervös, die Gaspreise sind gestiegen. Ziemlich genau vor einem Jahr kam plötzlich weniger Gas aus Russland – und die Preise sind weiter hochgeschossen. Bei den SWM sind die Preise bisher nicht so stark gestiegen. Wir erhöhen aber zum Jahreswechsel, unsere Kunden sehen die hohen Preise nächstes Jahr.

Der nächste Winter wird also richtig teuer. 

Bieberbach: Grundsätzlich ja – aber es greift dann die Preisbremse. Und zwar rückwirkend zum 1. Januar, wie der Bund jetzt wohl beschließen wird. Beim Gas und auch beim Strom. Das wird dann über die Jahresrechnung 2023 verrechnet. Beim Gas kommt die Dezember-Entlastung dazu. Wer hohe Abschlagszahlungen hat, kann mit der Bremse im Rücken den Abschlag selber wieder runtersetzen. 

Ist die Bremse so gerecht? Wer bisher viel verbraucht hat, bekommt jetzt mehr günstigen Strom. 

Bieberbach: Ich teile diese Kritik. Will man diesen Effekt nicht, hätte das die Einführung aber weiter verzögert. Die meisten Mieter haben eine Zentralheizung, unser Kunde ist die Hausverwaltung. Die müsste dann ein Kontingent an günstigerem Gas entsprechend der Wohnungszahl bekommen. Wir als Stadtwerke wissen aber nicht, wie viele Wohnungen es gibt. Wir müssten jeden Verwalter anschreiben und der müsste die Zahl der Haushalte belegen. Und dann ist schwer zuzuordnen, wer im Haus wann wie viel verbraucht hat. Da hat der Bund gesagt: Das ist zu viel Aufwand. Die Bremse ist dennoch besser als die Lösung anderer Länder. Die meisten haben einen subventionierten Preis – was dazu führt, dass keiner spart. Und das ist fatal!

Viele Billiganbieter sind bankrott, alles drängt zu Grundversorgern wie den SWM. Mehr Kunden heißt mehr Gasbedarf. Büßen das die Bestandskunden über höhere Preise? 

Bieberbach: Wir sind mit einem sehr hohen Marktanteil in die Krise gegangen und müssen nur Kunden aus unserem Netzgebiet übernehmen. Das waren schon ein paar tausend, aber im Vergleich zur Gesamtzahl war das verkraftbar. Problematisch ist es für Versorger, die viele Kunden an Billiganbieter verloren hatten. Plötzlich kamen all diese Kunden zurück und die Versorger mussten zu wahnsinnig hohen Preisen Gas nachkaufen. Als Folge sind die Preise für alle stark gestiegen.

Der Bund hat mit Milliarden Euro die Gashändler SEFE und Uniper gerettet. Wie wichtig war das?

Bieberbach: Wahnsinnig wichtig. Denn möglicherweise haben wir Gas von einem Vorlieferanten gekauft, der es selbst von SEFE oder Uniper hat. Wenn so eine Lieferkette zerbricht, wäre Chaos ausgebrochen – mit unabsehbaren Folgen.

Warum wird auch der Strom teuer? Die SWM verdoppeln den Tarif zum 1. Januar. 

Bieberbach: Der Strompreis ist dem Gaspreis gefolgt. Das liegt daran, dass immer noch viel Strom aus Gas erzeugt wird. Der Strompreis muss so hoch sein, dass es sich für die Gaskraftwerke lohnt zu produzieren. Das hat sich verschärft durch die katastrophale Situation in Frankreich, wo ein Teil der Kernkraftwerke schon seit Längerem nicht verfügbar ist.

Sie warnen seit Jahren vor dem maroden Zustand. 

Bieberbach: Schon bei den mittelalten Kraftwerken dort gibt es massive Korrosionsprobleme. Ein großer Block an Kraftwerken bröckelt den Franzosen unter den Händen weg. Und die Neubauten kommen nicht voran. Das einzige Neubauprojekt in Flamanville in der Normandie ist seit Jahren im Verzug und soll nun 2023 in Betrieb gehen. Warten wir ab.

Tschechien setzt jetzt auf Minikraftwerke. 

Bieberbach: Spricht man mit Experten aus der Branche, versteht keiner, warum Minikraftwerke billiger sein sollen als Großkraftwerke. Ich persönlich bin der Meinung, dass man mit Kernkraft total auf dem Holzweg ist. In Frankreich droht jetzt ein böses Ende. Atomkraft ist keine zeitgemäße Form der Stromerzeugung mehr. Atomenergie ist zu teuer. Atomkraftwerke baut man auch nicht für 10 oder 20, sondern 40, 50 Jahre. Gaskraftwerke kann man schnell bauen – und auf Wasserstoff umrüsten. Das ist der große Vorteil. 

Wie teuer wäre denn Strom aus neuen Meilern? 

Bieberbach: Das ist ein Stück weit Spekulation, weil seit Jahrzehnten niemand in Deutschland ein Kernkraftwerk gebaut hat. Meine Schätzung wäre etwa 110 Euro pro Megawattstunde. Beim Gas sind es derzeit 260 Euro. Das ist natürlich wahnsinnig teuer. Aber wenn sich die Gaspreise stabilisieren, wäre man bei 70 bis 80 Euro, also deutlich weniger. 

Die SWM sind mit 25 Prozent an „Isar 2“ beteiligt. Sie sind trotzdem gegen eine längere Laufzeit?

Bieberbach: Für uns als SWM hat „Isar 2“ keine strategische Bedeutung. Ob es für Deutschland sinnvoll ist, da kann man geteilter Meinung sein. Man braucht weniger Kohle und Gas, andererseits haben die Kraftwerke jahrelang auf den Rückbau hingearbeitet. Das alles zu reaktivieren, wäre ein immenser Aufwand. Und man bräuchte neue Brennstäbe – für die wir kein Endlager haben. Allerdings hätte man den Streckbetrieb mit den alten Brennelementen bis Juli machen können, statt ihn Mitte April zu beenden. 

Wir schaffen die Energiewende ohne Atomkraft

Bieberbach: Ja. Aber wir werden noch Jahrzehnte Erdgas brauchen, das kann man nicht leugnen. Oder Kohle, aber da will man früher raus. Wir werden Erdgas solange nutzen müssen, bis wir in der Wasserstoffwirtschaft voll drin sind oder erneuerbaren Strom im großen Stil speichern können. 

Wann wird Wasserstoff sinnvoll einsetzbar sein? 

Bieberbach: Die Hersteller glauben, dass man 2030 Wasserstoffkraftwerke kaufen kann. Die Frage ist: Woher kommt er? Grünen Wasserstoff kann man nur mit genug erneuerbarem Strom herstellen. Im Moment haben wir nicht mal genug grünen Strom, um den heutigen Strombedarf zu decken. Wir müssen also wahnsinnig viel erneuerbaren Strom zubauen. Das dauert bestimmt bis Mitte der 2030er-Jahre.

Hängen stabilere Gaspreise vom Ukraine-Krieg ab? 

Bieberbach: Grundsätzlich sind sie unabhängig vom Verlauf des Krieges. Die Frage ist, wie schnell sie stabiler werden. Liefert Russland wieder Gas, kann es ganz schnell gehen. Wenn nicht, muss man sehen, wie schnell mehr LNG auf den Markt kommt und wir Importterminals haben. Das kann schon fünf Jahre dauern. 

Sind Sie da zufrieden mit der Politik? Es gibt ja viel Kritik an Robert Habeck. 

Bieberbach: Ich finde schon, dass die einen guten Job machen. Wer hätte gedacht, dass wir in ein, zwei Jahren mehrere LNG-Terminals planen, bauen und in Betrieb nehmen. Hätte man mich vor zwei Jahren gefragt, ob so was in Deutschland geht, hätte ich gesagt: Nein, das dauert mindestens zehn Jahre.

Die SWM sind an vielen grünen Kraftwerken beteiligt. Wieso verdoppelt sich der Strompreis?

Bieberbach: Wir verkaufen den Strom am Großhandelsmarkt, unser Vertrieb kauft dann wieder vom Großhandel – und verkauft den Strom an unsere Kunden. Nun könnte man sagen, man subventioniert den Endkundenpreis mit den Gewinnen der Windparks. Aber: Der Bund hat ein relativ harsches Gesetz in Vorbereitung, dass man nur die Einspeisevergütung bekommt mit einem Risikoaufschlag. Der restliche Gewinn wird abgeschöpft und bundesweit über die Strompreisbremse verteilt. Der Bund schöpft zwar nicht alles ab, aber wir haben uns dazu entschieden, nicht den Strompreis zu subventionieren, sondern einen „Wärmefonds“ zu gründen. 

Was ist das genau? 

Bieberbach: Ein Härtefallfonds. Viele können höhere Strompreise bezahlen. Es wird aber Menschen geben, die finanziell völlig überfordert sind. Der Bund nimmt die Gießkanne, wir wollen ergänzend gezielt helfen. Der Bund sagt, er kann nicht Millionen Einzelfälle prüfen. In München haben wir aber sehr leistungsfähige Sozialstrukturen und Sozialverbände – und die sagen, sie kriegen das hin. Betroffene wenden sich direkt dorthin. Die Verbände können genau prüfen, ob jemand bedürftig ist. Wir können das nicht, schon aus Datenschutzgründen. Der Topf wird von der Stadt, den Sozialbürgerhäusern und den Verbänden gezielt verteilt. Wir haben jetzt mal 20 Millionen Euro bereitgestellt. Wenn das nicht reicht, sind wir auch bereit nachzulegen.

Die Blackout-Angst geht um. Ist die Gefahr real? 

Bieberbach: Die Bundesnetzagentur und alle, die sich auskennen, sagen: Die Gefahr ist nicht wesentlich größer als früher. Natürlich ist die Situation angespannt, aber für flächendeckende Blackouts muss man schon in ganz extreme Szenarien gehen. Wir hatten in Deutschland ja auch schon Blackouts, 2005 im Münsterland zum Beispiel hat ein Schneesturm Leitungen beschädigt. Viele Gemeinden hatten tagelang keinen Strom.

Die Politik fordert die Bürger zum Energiesparen auf. Sparen wir schon?

Bieberbach: Deutschlandweit wird gespart. Der Gasverbrauch liegt deutlich unter dem, was üblich ist für diese Jahreszeit. Etwa zur Hälfte ist das dem milderen Wetter geschuldet, der Rest ist Einsparung. In München konnten wir leider noch keinen Spareffekt abseits der milderen Temperatur sehen. 

Werden wir künftig sowieso mit weniger Energie auskommen müssen? 

Bieberbach: Wir haben grundsätzlich keinen Energiemangel auf diesem Planeten, Die Sonne liefert sehr, sehr viel, Geothermie gibt es auch noch. Mit Wind- und Solaranlagen kann man weltweit viel mehr Energie erzeugen, als die Menschheit ansatzweise jemals verbrauchen wird. Es dauert aber, bis das erschlossen ist. Bis dahin ist es sinnvoll, Energie zu sparen. In der Industrie hat sich die Energieeffizienz in den letzten 20 Jahren stark verbessert. In den Haushalten ist sie stagniert, verschlechtert hat sie sich im Transportsektor – bei Mobilität ist die Entwicklung ganz negativ. Autos werden immer größer, immer schwerer, wir haben immer mehr Lkw-Verkehr.

Werden die Preise jemals wieder auf das bekannt niedrige Niveau fallen? 

Bieberbach: Sie werden sich beruhigen, aber nicht die alten Niveaus erreichen. LNG wird immer deutlich teurer sein als Erdgas. Dazu kommt ein steigender CO2- Preis, der vom Staat draufgeschlagen wird. Selbst wenn sich die Lage mit Russland stabilisiert, bleibt der CO2-Aufschlag – auch beim Strom. 

Wie sehen Ihre Stadtwerke im Jahr 2040 aus? 

Bieberbach: Da haben wir definitiv keine Kern- und Kohlekraftwerke mehr. Bei den Gaskraftwerken hoffe ich sehr, dass sie bis dahin mit Wasserstoff laufen. Wir werden sehr viel Windkraft haben. Bei der Wärme wird es überwiegend Geothermie sein, flankiert von Biomasse und Wasserstoff. Dezentral werden Wärmepumpen dominieren. Wind- und Solarstrom werden den größten Teil der Grundlast abdecken, Wasserstoff wird eher ein Lückenfüller sein. 

Sie haben Windräder in der Nordsee und in etlichen Ländern Europas – aber nur zwei in Bayern. 

Bieberbach: In Bayern waren einige Projekte geplant, dann kam die 10H-Regel und es war Schluss. Interessanterweise auch da, wo die Regel gar nicht greift. Aber die Stimmung gegenüber Windrädern war so negativ, dass sogar diese Standorte nicht durchsetzbar waren, weil die Kommunen das nicht mehr wollten.

Und in Zukunft? Markus Söder ist ja gerade zum Windkraft-Fan mutiert. 

Bieberbach: Ich habe das Gefühl, dass sich die Stimmung deutlich verbessert hat. Wir suchen wieder Standorte – aber noch ist die 10H-Regel ja nur leicht gelockert. Aus unserer Sicht müsste man sie abschaffen. Es gibt auf Bundesebene genug Regeln, die dafür sorgen, dass Windräder nicht im Vorgarten landen. Konkrete Flächen auszuweisen, wo viele Windräder gebaut werden, halte ich für den besten Ansatz.

Viele sagen, das lohnt sich nicht, weil in Bayern zu wenig Wind weht. 

Bieberbach: Ich wohne in Schäftlarn. Dort stehen die Windräder quasi direkt vor der Haustür und die Leute, die sich beteiligt haben, sagen, dass sie sehr zufrieden sind. In Bayern müssen sie halt relativ hoch bauen. Natürlich bringt ein Windrad an der Küste mehr, aber dafür muss man den Strom nicht nach Bayern transportieren. Es ist absolut sinnvoll, Windräder in Bayern zu bauen.

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