„Mit Bürgermeister Klitschko wird Kiew offener werden“

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Conrad Breyer über das „gesamtgesellschaftliche Problem“ Homophobie in der Ukraine und die Münchner Delegation beim „Kiew Pride“. Der Christopher Street Day München ist mittlerweile eine große Politparade.

Tausende Teilnehmer feiern alljährlich ein friedliches Straßenfest. In Münchens Partnerstadt Kiew ist ein offenes Bekenntnis zur Homosexualität hingegen sehr gefährlich. Conrad Breyer vom Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum „Sub“ will dennoch Ende Juni mit einer Delegation in die Ukraine reisen, um am „Kiew Pride“ teilzunehmen. 2012 wurde die Parade aus Sicherheitsgründen abgesagt, im Vorjahr musste die Polizei die Teilnehmer vor nationalistischen und orthodoxen Gegendemonstranten schützen. Breyer war schon 2013 mit dabei. Im Interview berichtet der 41-jährige Redakteur von seinen Erfahrungen und Erwartungen.

-Herr Breyer, die politi-sche Lage in der Ukraine ist alles andere als stabil. Werden Sie dennoch nach Kiew reisen?

Ja. Die Lage in Kiew selbst ist ja sehr ruhig. Um die Sicherheit während der Pride Week mit den umfangreichen Kulturveranstaltungen mache ich mir keine Sorgen. Etwas anderes ist die einstündige Parade zum Abschluss am 5. Juli. Es wird sich wohl auch erst kurzfristig entscheiden, ob sie stattfindet. Ungefährlich ist das nicht.

-Wie groß wird die Münchner Delegation sein?

Das ist noch nicht ganz absehbar. Ich rechne mit zehn bis 20 Teilnehmern.

-Setzt auch der Stadtrat wieder ein Signal? Im Vorjahr waren Bürgermeister Hep Monatzeder und zwei Stadträte mit dabei.

Ich freue mich, dass Stadträtin Lydia Dietrich als Vertreterin des Oberbürgermeisters mitfahren wird. Sie war auch im Vorjahr schon dabei. Ein offizieller Status der Reise hat eine ganz andere Tragweite.

-Zögern noch manche Leute aufgrund der unsicheren Lage?

Definitiv. Es ist schon anders als im Vorjahr. Einige potenzielle Mitreisende sind in Sorge, wie sich die Lage entwickelt. Derzeit betreffen die Unruhen hauptsächlich die Ostukraine. Aber man kann ja nie wissen.

-Was berichten Ihre Freunde aus Kiew? Sind Anfeindungen zu befürchten? Die Staatskrise hat ja auch viele rechte Kräfte mobilisiert.

Diese Frage musste kommen. Die rechten Kräfte gab es auch schon vorher. Im vergangenen Jahr mussten wir von der Polizei vor Swoboda-Anhängern – einer im Parlament vertretenen rechtsradikalen Partei – geschützt werden. Ich habe aber den Eindruck, dass die Rolle der Rechten mit den Präsidentschaftswahlen marginalisiert wurde. Die Homophobie in der Ukraine ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und nach wie vor nicht zu unterschätzen. Auch die Kommunisten sind homophob. Sie haben ja 2012 den Entwurf zu einem Gesetz im Parlament eingebracht, das – wie in Russland – jedwede positive Information über Homosexualität verbieten würde. Der Entwurf ist nach wie vor anhängig.

-Wird der „Kiew Pride“ wieder unter Polizeischutz stattfinden müssen?

Ich weiß, dass die Veranstalter vor Ort wieder mit Amnesty International und der Polizei zusammenarbeiten, um ein Sicherheitskonzept zu er–stellen. Ich denke, dass die Stadt mit dem neuen Bürgermeister Klitschko offener wird. Sein Vorgänger Popow war offen homophob.

-Wie sieht Ihr Programm in Kiew aus?

Die ganze Woche über finden kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen und Diskussionen statt. Wir selbst bringen eine eigene Band mit. Wir besuchen auch die deutsche Botschaft in Kiew und treffen Ukraine-Experten. Höhepunkt und Abschluss der Woche ist dann die Demo am 5. Juli.

-Haben sich auch Gruppen aus anderen Ländern angekündigt?

So weit ich weiß, kommen Aktivisten aus Weißrussland, Polen, Schweden und den Niederlanden. Im Vorjahr waren von 150 Teilnehmern der Parade etwa die Hälfte aus dem Ausland.

-Wie entwickelt sich die Szene in Kiew? Können sich Schwule und Lesben frei zu Ihrer Sexualität bekennen?

Nein, das wäre extrem gefährlich. Offen zeigt seine Homosexualität in der Ukraine niemand. Es gibt natürlich einschlägige Clubs; da müssen Sie aber klingeln, um reinzukommen. Nachts kann man durchaus Prügel beziehen, wenn man einer Gruppe betrunkener Jugendlicher begegnet. Für viele Ukrainer ist Homosexualität ein höchst unmoralisches Verhalten. Es fehlt an Aufklärung.

-Könnten stabile politische Verhältnisse Positives bewirken?

Definitiv. Es gibt ja eine funktionierende Zivilgesellschaft in der Ukraine. Aber bislang werden Einrichtungen wie hier in München das Sub nicht von der Stadt Kiew selbst, sondern vom Ausland finanziert. Wir hatten jedoch schon vergangenes Jahr den Eindruck, dass sich etwas bewegt, dass unsere Öffentlichkeitsarbeit für die Bewegung etwas bringt. Ich sehe die Ukraine auf einem guten Kurs.

-Seit dem Erfolg der Kunstfigur Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest wird wieder darüber diskutiert, wie liberal Europa wirklich in dieser Frage ist. Was glauben Sie?

Eine schwierige Frage. Es ging doch in erster Linie um den Song. Meines Wissens bekam Conchita Wurst übrigens auch ein paar Punkte aus der Ukraine. Auf alle Fälle ist es gut, dass die Menschen über die Kunstfigur Conchita Wurst ins Gespräch über das Thema Geschlechter-Identität und Geschlechter-Rollen gekommen sind. Das hat mir auch eine ukrainische Aktivistin bestätigt. Es trägt dazu bei, die Verbohrtheit abzubauen.

-Gibt es einen Gegenbesuch der Kiewer Freunde zum Christopher Street Day in München am 19. Juli?

Ja, wir erwarten sieben Leute aus Kiew, eine Frau aus Odessa und einen Aktivisten aus Minsk.

Das Interview führte Klaus Vick

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