„Meine Tür steht immer auf“

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Altbäuerin Gertraud Forstmaier auf der Eckbank in der Stube ihres Bauernhofes. Die Gardinen sind zugezogen, um sich vor den Blicken der Demonstranten zu schützen. Fotos: Stefan Rossmann

Ein Bauerndrama, das die Wogen hat hochschlagen lassen: Der Streit in einer Landwirtsfamilie im Kreis Ebersberg geht so weit, dass der Jungbauer samt Familie vom Hof geklagt wurde. Seit Wochen demonstrieren Sympathisanten des Sohnes vor dem Anwesen.

Erstmals spricht jetzt die Altbäuerin über das Drama.

Bauerndrama in Gersdorf: Jetzt spricht die Altbäuerin

Ein Bauerndrama, das die Wogen hat hochschlagen lassen: Der Streit in einer Landwirtsfamilie im Kreis Ebersberg geht so weit, dass der Jungbauer samt Familie vom Hof geklagt wurde. Seit Wochen demonstrieren Sympathisanten des Sohnes vor dem Anwesen. Erstmals spricht jetzt die Altbäuerin über das Drama.

Von Michael Seeholzer

Gersdorf – Eine Dorfgemeinschaft baut eine Kapelle, ein Landwirt verunglückt dabei, wird zum Pflegefall. Deshalb gibt es Schwierigkeiten bei der Hofübergabe, es kommt zum Streit um Pacht und Austrag zwischen der Bäuerin und ihrem Sohn. Der Jungbauer muss schließlich gehen, die Altbäuerin bleibt am Hof, obwohl ihr die Arbeit zusätzlich zur Pflege ihres schwer behinderten Mannes alleine längst zuviel ist. Mutter und Sohn sind zerstritten, der Riss geht durch den ganzen Ort. Kinder werden im Verein geschnitten und gemobbt. Feuerwerkskörper fliegen. Böller krachen. Das ist die Situation in Gersdorf im Landkreis Ebersberg.

Der Unfall des Altbauern liegt genau 20 Jahre zurück. „Er ist mit dem Kopf auf den Betonboden aufgeschlagen“, berichtet Gertraud Forstmaier (68) vom Unglück ihres Mannes. Erstmals erlaubt sie einen Einblick in die Familiengeschichte aus ihrer Sicht. Die Familie wurde vom Schicksal schon geprüft. 1984 war der Hof abgebrannt. „Alles weg bis auf das Wohnhaus“, berichtet die Altbäuerin.

Und dann der Familienstreit, der öffentlich hohe Wellen geschlagen hat. Junglandwirt Hans Forstmaier hatte dabei Gelegenheit, seine Sicht der Dinge ausführlich darzustellen. Sogar im Fernsehen wurde über die Familie berichtet, die samt Kindern vom Hof gejagt wurde, weil eine Räumungsklage verfügt worden war. Der Jungbauer hatte eigenmächtig und über einen längeren Zeitraum die Pacht erheblich gekürzt.

Ist das Tischtuch endgültig zerschnitten? „Meine Türe steht immer auf“, sagt Gertraud Forstmaier. „Aber er muss zu mir kommen“ – und die ausstehende Pacht bezahlen. Die Altbäuerin blieb bei allem Streit in der Öffentlichkeit bisher zurückhaltend. Vielleicht auch deswegen, weil sie sich bedroht fühlte. „Es kam zu Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs, Körperverletzungsdelikten und Beleidigungen“, bestätigt Hendrik Polte, der Leiter der Polizeiinspektion Ebersberg, dass die Situation zu eskalieren begann.

Vor dem Bauernhof der Familie Forstmaier finden Demonstrationen statt. Ein Blick auf die Nummernschilder der Traktoren, mit denen sich Landwirte an einem Konvoi durch Ebersberg beteiligten, lässt den Schluss zu, dass es Auseinandersetzungen, wie die in Gersdorf, nicht nur im Landkreis Ebersberg, sondern auch im Raum Rosenheim, Miesbach oder sonstwo gibt. Alt gegen Jung und umgekehrt. Meistens geht es ums „Sach“, also um die Vermögenswerte, um die Hofnachfolge, um den Austrag, die Altersversorgung der Altbauern und darum, was den Jungen dafür zugemutet werden kann und darf. „Das ist ein richtiger Demo-Tourismus“, sagt einer der Verwandten der Altbäuerin. Konflikte dazu gibt es in ähnlichen Situationen in ganz Oberbayern, selten allerdings gerät ein Generationenstreit derart aus dem Ruder wie hier. Die Polizei zeigt Präsenz auf dem Hof. „Es wird alles aufgenommen und an den Staatsanwalt weitergeleitet“, sagt Polte. „Wir sind in ständigem Kontakt.“

Außenstehende haben eigener Auskunft nach immer wieder versucht, den Konflikt zu befrieden. „Meine Schlichtungsversuche sind gescheitert“, sagt Michael Fischl, der früher für den Zuchtverband Mühldorf gearbeitet hat. Fischl erinnert sich, dass Hans Forstmaier immer eine „sehr eigenwillige Meinung“ vertreten habe. Sehr resolut sei er gewesen und Besucher auf dem Hof können sich vorstellen, dass er das vielleicht von seiner Mama geerbt hat, die mehrfach ihren erwachsenen Töchtern ins Wort fällt, als sie gegenüber unserer Zeitung vom Schicksalstag der Familie erzählt, nämlich vom 1. Dezember 1995, dem Tag, an dem der Altbauer verunglückte.

Fischl kritisiert, dass der Hof früher besser dagestanden habe. Mag vielleicht aus Sicht des Zuchtverbandes so sein, aber Plaketten an der Wand im Gang zum Stall belegen, dass der Betrieb noch 2011 für hervorragende Milchleistung ausgezeichnet wurde. Die Pflege des schwerbehinderten Altbauern, der in der Küche sitzt und freundlich schaut, war eine Belastung für seine Ehefrau, später auch für die Schwiegertochter. Man täte bestimmt beiden nicht Unrecht, wenn man die Behauptung aufstellte, dass das Verhältnis von Anfang an nicht das herzlichste war und beide, Jung- wie Altbäuerin, Schwierigkeiten hatten, den richtigen Ton füreinander zu finden.

Die Altbäuerin bedauert inzwischen, dass sie mehrere Gelegenheiten hat verstreichen lassen, früher die Weichen zu stellen. „Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir selbst ein Austragshaus gebaut“, spricht sie für sich und ihren behinderten Mann. Jetzt ist ihr Sohn im Streit gegangen. „Der hat sogar das Holz mitgenommen. Wir konnten am Anfang nicht mal mehr einheizen“, berichtet sie. Die Maschinenhalle ist leer. Die Heizung abgedreht. Auch das Herdbuch habe er mitgenommen. „Das gehört zur Herde“, sagt Fischl entrüstet. Es enthält alle Daten über den Viehbestand. Sind die nicht bekannt, kann die Milch nicht verwendet werden. Sie landete deshalb in der Güllegrube.

Wie geht es weiter? Eine Möglichkeit nennt Forstmaier: „Den Viehbestand verkleinern, den Hof so umbauen, dass ich Wohnungen vermieten kann.“ Sie führt die Besucher durchs Haus, in dem es ein bisschen so aussieht, als sei der Jungbauer mit seiner Familie nur auf Urlaub.

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