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„Wenn es mehr IQ-Tests gäbe, hätten wir auch mehr Idioten“

Mehr Tests gleich steigende Zahlen und höhere Inzidenzen: Die einfache Rechnung der Pandemie?

  • Markus Zwigl
    VonMarkus Zwigl
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Mehr Tests bedeuteten auch gleichzeitig mehr Corona-Infektionen und somit eine höhere Inzidenz. Diese Vermutung und viele ähnliche kursieren immer häufiger im Netz. Doch ist es wirklich so einfach? Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Fakt ist jedoch, dass die Inzidenz nicht automatisch steigt, wenn mehr getestet wird.

„Klar gibt es mehr Corona-Fälle, da mehr getestet wird. Wenn es mehr IQ-Tests gäbe, hätten wir auch mehr Idioten.“ Es gibt mittlerweile zahlreiche solcher Aussagen. Vor allem auf sozialen Plattformen verbreiten sich diese Äußerungen wie Lauffeuer. Und auch erste Politiker wie Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis90/Die Grünen), der in seiner Stadt vor der Bundes-Notbremse ein Pilotprojekt für Öffnungen startete, meinte: „Wenn wir jetzt massiv mehr testen, dann geht die Inzidenz automatisch hoch, weil man mehr Fälle findet“. Das sei eigentlich gut, weil man damit Infektionsketten breche. 

Mehr Tests bedeutet Anstieg der Zahlen?

Mehr Tests können „zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Infizierte (auch ohne oder mit nur sehr milden Symptomen) erkannt werden“, erklärte das Robert-Koch-Institut bereits im vergangenen Jahr. Das RKI schränkte jedoch damals schon ein: „Das heißt aber nicht, dass umgekehrt die beobachteten steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären wären.“ Testen ist nicht nur für das RKI ein essentieller Bestandteil einer umfassenden Pandemie-Bekämpfungs-Strategie: Es ist Grundlage für die zeitnahe Erkennung und Behandlung von Infektionen, für die Unterbrechung von Infektionsketten und für einen Schutz vor Überlastung unseres Gesundheitssystems. 

Auch ein auf Facebook kursierendes Sharepic stellt eine solche Behauptung auf und versucht es anhand eines Rechenbeispiels zu erläutern.

Mit der sogenannten Inzidenz gibt das Robert Koch-Institut die Zahl der Corona-Fälle der letzten sieben Tage pro 100 000 Einwohner an. Um sie zu errechnen, wird die Zahl der positiven Tests innerhalb einer Woche durch die Anzahl der Einwohner geteilt und mit 100 000 multipliziert.

Berechnung richtig, aber...

Fakt ist, dass die Berechnungen auf dem Sharepic richtig sind: Werden nur 1000 von 100.000 Einwohnern getestet und davon fünf positiv, liegt die Inzidenz bei fünf, die Positivrate bei 0,5 Prozent. Fallen von 10.000 Tests 50 positiv aus, liegt die Inzidenz bei 50, während die Positivrate bei 0,5 Prozent bleibt. Werden alle 100.000 Einwohner getestet und 500 sind positiv, liegt die Inzidenz bei 500, die Positivrate weiterhin bei 0,5 Prozent.

Allerdings würde das obige Rechenbeispiel nur dann funktionieren, wenn die Infektionen gleichmäßig auf die Bevölkerung verteilt und die Tests somit repräsentativ wären. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn die Tests als Stichproben in einer nach demografisch-wissenschaftlichen Standards ausgewählten Testgruppe durchgeführt würden, was es aber so während der Corona-Pandemie nicht gab bzw. weiter so nicht gibt. Immer noch werden bestimmte Personengruppen wie Ärzte, Pfleger und Schüler deutlich häufiger getestet als andere Bürger.

Viele Tests decken Dunkelziffer auf

Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schreibt, dass viele Tests nur die Realität, also die Dunkelziffer aufdecken - und nicht automatisch zu höheren Fallzahlen führen. Auf die Frage, ob es stimmt, „dass die Fallzahlen nur so hoch sind, weil viel getestet wird“, heißt es wörtlich: „Nein. Viele Tests decken nur die Realität (Dunkelziffer) auf. Das hilft zu verhindern, dass sich das Virus unerkannt verbreitet. Des Weiteren führen viele Tests nicht automatisch zu höheren Fallzahlen. Das zeigt die Positivrate: Werden viele Menschen getestet, die keine Infektion mit dem Coronavirus haben, ist die Positivrate niedrig. In den letzten Wochen stiegen die Fallzahlen wieder, gleichzeitig stieg auch die Positivrate. Es werden demnach viele Corona-Fälle entdeckt und Infektionsketten können so noch besser unterbrochen werden.“ Deshalb sollte man sich unbedingt die Positivrate genauer ansehen. Allein der Anstieg von 0,5 Prozentpunkten kann bedeuten, dass Tausende zusätzliche Fälle entdeckt wurden.

Wichtige Kennzahl: Positivrate

Die Zahl der durchgeführten Tests ist in Deutschland in den vergangenen Wochen auf etwa gleichbleibend hohem Niveau, während der Anteil der positiven Tests zunächst gestiegen ist und sich seit vier Wochen zwischen knapp 11 und etwas über 12 Prozent bewegt. In der letzten Februarwoche 2021 wurden laut Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland beispielsweise 1,17 Millionen Tests durchgeführt. Davon waren mehr als 72.000 positiv - was einer Positivrate von rund sechs Prozent entspricht. In der letzten Aprilwoche wurden knapp 166.000 Tests mehr durchgeführt, also 1,34 Millionen. Positiv fielen dabei knapp 150.000 Tests aus - das entspricht einer Positivrate von gut 11 Prozent. Während die Anzahl der Tests um nur knapp 15 Prozent stieg, verdoppelte sich der Anteil der positiv Getesteten fast.

Die Positivenquote der vergangenen Wochen und Monate zeigt deutlich: Es besteht kein linearer Zusammenhang zwischen mehr Tests und höheren Fallzahlen, oder weniger Tests und niedrigeren Fallzahlen

 Anzahl der SARS-CoV-2-Testungen in Deutschland

KW 2020Anzahl TestungenPositiv getestetPositivanteill (%)Anzahl übermittelnder Labore
8/20211.171.798 72.059 6,15210
9/20211.153.27071.7156,22211
10/20211.280.05085.6556,69215
11/20211.367.247107.8277,89209
12/20211.415.220131.8579,32206
13/20211.178.378128.81410,93207
14/20211.169.510140.93512,05209
15/20211.312.521163.45112,45209
16/20211.417.117176.19212,43208
17/20211.337.504149.80511,20200

Quelle: Lagebericht des RKI (5. Mai 2021)

Wären steigende Neuinfektionszahlen nur auf vermehrte Tests zurückzuführen, dürfte sich der Anteil positiver Ergebnisse nicht ändern. Oft lässt sich aber beobachten, dass der Zusammenhang zwischen Testzahl und Neuinfektionszahl schwach ist. Zum Beispiel auch in der KW14, als weniger Tests durchgeführt wurden im Verhältnis zur Vorwoche. Mit dem Ergebnis, dass dennoch deutlich mehr positive Fälle (+ 12.121) erkannt wurden.

Höhere Fallzahlen bedeutet eben auch, dass mehr Personen infiziert sind

Mehr Tests bedeuten zwar auch, dass mehr Infektionen entdeckt werden. Damit lassen sich jedoch nicht pauschal Anstiege der Fallzahlen erklären. Denn auch wenn eine eindeutige Korrelation beobachtet werden könnte, ändert dies nichts daran, dass die positiv getesteten Personen, welche vielleicht keine Symptome haben, das Virus in sich tragen und das Infektionsgeschehen vorantreiben. Damit könnten sie auch andere Menschen infizieren, die mit Covid-19 zu kämpfen haben, behandelt werden müssen und im schlimmsten Fall daran versterben.

Des Weiterten tauchen in den Statistiken des RKI nur die Ergebnisse von PCR-Testungen auf. Heißt die vielen Selbst- und Schnelltests werden hier nicht berücksichtigt. Ein möglicher positiver Schnelltest wird erst durch einen positiven PCR-Test in die Statistik mit aufgenommen.

Fazit

Grundlegend ist festzuhalten, dass die Strategie, sich allein auf den Anteil positiver Tests zu verlassen, falsch wäre. Mehr Tests sind nur einer von vielen Gründen, warum Fallzahlen steigen können. Um die Corona-Lage einschätzen zu können, müssen viele andere Faktoren betrachtet werden. Genauso wichtig sind unter anderem die tägliche Zahl der Neuinfektionen, die Reproduktionsrate, die Zahl der belegten Intensivbetten, die Zahl der Todesfälle. Die steigenden Fallzahlen in Deutschland lassen sich nicht allein auf steigende Testzahlen zurückführen. Ob es daher sinnvoll ist, sich bei der Öffnungsstrategie rein auf Inzidenz-Werte zu konzentrieren, ist eine andere Frage.

mz

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich

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