Ein Maibaum als „Gruß“ der Nationalsozialisten

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Eine Geschichte zum „ANSCHLUSSJAHR“ 1938 . von roland lory.

Garmisch-Partenkirchen – Am 15. März 1938 verkündet Adolf Hitler vom Balkon der Wiener Hofburg den „Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“. Der „Anschluss“ Österreichs ist damit besiegelt. Auf dem Heldenplatz sind rund 250 000 Menschen versammelt, um das Ereignis zu feiern. In Österreich beginnen sofort die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung.

Etwa sieben Wochen später macht sich eine Gruppe aus Garmisch-Partenkirchen auf den Weg nach Wien. Und ein Maibaum. Das ist nun 80 Jahre her. Der Stamm „soll ein Gruß des alten Deutschen Reiches an unsere deutschösterreichischen Brüder und Schwestern sein und ein Zeichen des Dankes für ihre Treue zu Führer und Reich“, heißt es in zeitgenössischer Diktion im gleichgeschalteten „Garmisch-Partenkirchner Tagblatt“ vom 25. April 1938. Gefällt wurde die mehr als 43 Meter große Tanne, die der NSDAP-Bürgermeister Jakob Scheck stiftete, in der Gegend von Kaltenbrunn.

Das Brimborium ist groß: Beim Transport zum Garmisch-Partenkirchner Bahnhof wird die Tanne von dreißig Fackelträgern flankiert. Vorne marschieren Musiker, gefolgt von Förstern und Zimmerleuten. Am 26. April wird die Tanne verladen und mit dem Zug über München, Passau und Linz nach Wien befördert. Am Stamm sind Transparente befestigt: Auf einem steht „Garmisch-Partenkirchen grüßt Wien“. Eine Delegation aus dem Werdenfels fährt mit dem Auto dorthin.

Dabei legt man Zwischenetappen ein. So besucht die Gruppe, der NSDAP-Kreisleiter Johann Hausböck angehört, während der Reise das Grab von Hitlers Eltern und das Elternhaus des „Führers“. Der Baumtransport vom Wiener Westbahnhof durch die Vorstadtstraßen verläuft nicht ohne Schwierigkeiten, wie Zeitungsberichten zu entnehmen ist. Zwei zweirädrige Fuhrwerke bugsieren den Stamm durch die Hauptstadt. Mit dabei: Trachtler aus dem Werdenfels und auch die drei Holzfäller. Hinter dem Maibaum marschiert ein langer Zug mit österreichischen und sudetendeutschen Trachtengruppen. Am Heldenplatz hält Kreisleiter Hausböck eine Ansprache, die im Reichssender Wien übertragen wird.

Schließlich übernimmt Wiens Gaupropagandaleiter Friedrich Habacht den Maibaum. Im Gegenzug schickt die „Ostmark“ aus Seekirchen bei Salzburg ein Exemplar zum 1. Mai nach Berlin. In der Werdenfelser Lokalpresse ist die Baumreise ein großes Thema. Das „Garmisch-Partenkirchner Tagblatt“ berichtete unter der Überschrift: „Wir brachten den Maibaum nach Wien“. Auch die „Ostmark-Wochenschau“ berichtet am 6. Mai über die Maifeier am Heldenplatz. Dabei wurde eine Hitler-Rede aus Berlin übertragen – ein nationalsozialistisches Medienspektakel.

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