Aus Liebe zum Buch

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Weg mit dem Buchrücken. Buchrestauratorin Susanne Depping löst in ihrer Werkstatt in München das Leder von einer Sammlung von Kirchenschriften aus dem Jahr 1624, um den Originalrücken später wieder neu aufzusetzen. Die 48-jährige Buchbinderin hat sich auf das Restaurieren alter Bücher und Papiere spezialisiert. Fotos: Klaus haag

Reparieren, restaurieren, konservieren: Susanne Depping bewahrt alte, zerfledderte Bücher vor dem Zerfall. Aber sie hat dabei zwei große Feinde: Klebeband und schwarze Schuhcreme.

Eine Restauratorin im Porträt

Reparieren, restaurieren, konservieren: Susanne Depping bewahrt alte, zerfledderte Bücher vor dem Zerfall. Aber sie hat dabei zwei große Feinde: Klebeband und schwarze Schuhcreme.

von DOminik Göttler

München – Vorsichtig dreht Susanne Depping, 48, grüne Arbeitsschürze, filigrane Finger, die Klotzpresse zusammen, bis die alte Ausgabe von Lord Byrons Werken von 1877 fest zwischen den beiden massiven Holzbalken klemmt. Mit einem kleinen Stück Schleifpapier raut sie den Buchrücken an. Es raschelt leise in der kleinen Werkstatt in einem Hinterhof der Münchner Altstadt. Ansonsten: Stille. Depping greift zum Pinsel, tunkt ihn in ein kleines Einmachglas mit Fischleim und bestreicht damit den Buchrücken. Jetzt kann der abgelöste Originalrücken wieder aufgeklebt werden. Mit geübten Handgriffen und einem weißen Falzbein bügelt sie das gelöste Leder wieder auf seinen angestammten Platz. Nicht mehr lange und Lord Byrons Lyrik kann wieder zurück nach Hause. Zurück in die Bibliothek.

Reparieren, restaurieren, konservieren – so sieht der Arbeitsalltag von Susanne Depping aus. Die gelernte Buchbinderin hat sich auf das Restaurieren alter Bücher und Papiere spezialisiert. Seit 26 Jahren verhilft sie historischen Werken wieder zu neuem Glanz. An diesem Wochenende zeigt sie neben Goldschmieden, Uhrmachern, Lederhosensäcklern und anderen Vertretern althergebrachter Handwerkstechniken ihre Kunst am Lichtmessmarkt in Holzkirchen (Kreis Miesbach).

„Die Liebe zu den Büchern wurde mir in die Wiege gelegt“, sagt Depping. Ihr Vater hat in ihrer Heimatstadt Münster einen Buchbinderei-Betrieb gegründet. Als Kind gab es Bücher statt Süßigkeiten als Geschenk. Und in den Ferien half Susanne Depping in der Werkstatt des Vaters. Das hat sie geprägt. Heute sammelt die Münchnerin selbst, unter anderem Ballett- und Tanzbücher. Und auch beruflich hat sie sich statt einem kurz angedachten Chemie-Studium ganz den Büchern verschrieben. Mit Cellulose, Lignin und organischen Stoffen hat sie jetzt auch zu tun – aber in der Praxis statt in der Theorie.

In ihrer Werkstatt nicht weit vom Sendlinger Tor stapeln sich die historischen Werke. Dazwischen zwei eiserne Buchpressen, Pinsel, allerlei Gläser mit flüssigem und festem Inhalt und sogar eine Art elektrisches Miniatur-Bügeleisen. Aber all das ist nur Beiwerk. Bücher restaurieren ist vor allem eines: Handarbeit.

Susanne Depping restauriert Bücher von Privatleuten, Sammlern, Antiquaren, Museen oder Bibliotheken. Sie arbeitet mit Handschriften aus dem 13. Jahrhundert genauso leidenschaftlich wie mit Kinderbüchern vom Speicher der Großmutter. „Oft geht es den Kunden einfach um den ideellen Wert.“ Um Erinnerungen, die zwischen den Buchdeckeln eingefangen sind. Susanne Depping sorgt dafür, dass diese Erinnerungen nicht verblassen.

Ein Auftrag ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: das handschriftliche Protokollbuch der Gemeinde Frauenneuharting (Kreis Ebersberg) aus dem 19. Jahrhundert. Am Computer zeigt sie Bilder von dieser Mammut-Aufgabe. Das Buch fiel 1961 einem Wassereinbruch zum Opfer. „Jemand hat es gerettet, in ein Handtuch gewickelt und über Jahrzehnte im Speicher aufbewahrt“, sagt Susanne Depping. Vom Schimmel zerfressen bröselte bei jeder Berührung ein Stück Geschichte davon. Dann landete der Wälzer bei ihr. Und das Bröseln hatte ein Ende.

Sie reinigte und wässerte jede einzelne Seite, faserte neues Papier an die zerfledderten Seiten an, band das Buch mit Kordeln wieder zusammen und unterlegte den gebrochenen Buchrücken mit neuem Leder. „Das war ein Jahresprojekt.“ Jetzt kann in dem Werk wieder geblättert werden, ohne dass es auseinanderfällt. Und die Geschichten über Misthaufen-Streit und Wirtshaus-Raufereien bleiben erhalten. „Das ist ein befreiendes Gefühl“, sagt Depping. Wenn sie die Vorher-Nachher-Bilder vergleicht, überkommt die Restauratorin eine innere Zufriedenheit.

Depping wirkt nicht gerade, als könnte sie irgendetwas aus der Ruhe bringen. Aber wenn, dann wäre es wohl der größte Feind aller Restauratoren: das Klebeband. „Tesa ist der Horror für uns“, sagt sie und lacht. Um die provisorischen Flickarbeiten wieder auszubügeln, braucht es viel Geduld und Geschick. Nicht nur mit Tesa steht Depping auf Kriegsfuß. Hin und wieder kommen Kunden, die ein altes Buch so aufpoliert haben möchten, dass es möglichst glamourös aussieht. Dass es Eindruck schindet, wenn es im Wohnzimmer auf dem Steinway-Flügel thront. „Wer schwarze Schuhcreme auf dem Einband möchte, soll das machen. Ich mache das nicht“, sagt Depping. Sie will nicht verfälschen. Aus alt mach neu gilt bei ihr nicht. Ein altes Buch soll auch optisch alt bleiben – und trotzdem beim Aufschlagen noch lange seine Geschichte erzählen.

Der Lichtmessmarkt

findet an diesem Wochenende im historischen Oberbräusaal Holzkirchen statt. Der Markt hat heute von 12 bis 17 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt 2,50 Euro.

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