STUDIE VORGESTELLT

Was Lebensmittel eigentlich kosten müssten

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Etwa ein Drittel teurer müsste Milch laut Forschern sein, um Umweltbelastungen bei der Produktion auszugleichen.

München – Zwischen 70 und 80 Cent kostet der Liter Milch derzeit im Supermarkt.

Viel zu wenig, wenn es nach Forschern der Universität Augsburg geht. Etwa 30 Prozent mehr müssten es sein, sagen die Wissenschaftler. Aber nicht, damit Landwirte oder der Einzelhandel mehr daran verdienen. Sondern um die Kosten für die Umweltfolgen zu decken, die bei der Erzeugung entstehen.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Tollwood GmbH und die Schweisfurth-Stiftung in Auftrag gegeben haben und die gestern in München vorgestellt wurde. Ziel der Forscher war es, „versteckte Kosten“ zu entlarven, die bei der Produktion von Lebensmitteln entstehen. Als Kriterien haben die Wissenschaftler den Energieverbrauch, die Treibhausgas-Emissionen und den Stickstoff-Eintrag gewählt – alles Faktoren, die derzeit im Marktpreis für Lebensmittel nicht mit einbezogen werden. „Für viele negative Klima-, Umwelt- und Gesundheitsfolgen, die sich aus der Produktion von Lebensmitteln ergeben, kommen aktuell weder die Landwirtschaft noch die Konsumenten auf“, sagt Tobias Gaugler vom Institut für Materials Resource Management der Uni Augsburg. In manchen Fällen begleiche der Steuerzahler aber die Rechnung. Etwa bei den Dürrehilfen für die Landwirtschaft oder wenn die Wasserpreise wegen höherer Aufbereitungskosten steigen.

Den höchsten „Schattenpreis“ haben die Forscher bei tierischen Lebensmitteln aus konventionellem Anbau ausgemacht. Hier müsste demnach der dreifache Erzeugerpreis angesetzt werden, wenn die untersuchten Umweltbelastungen miteingerechnet werden. Grund für die massive Differenz sei die energieintensive Aufzucht der Nutztiere. Bei konventionell erzeugten Milchprodukten sei immerhin noch der doppelte Erzeugerpreis nötig. Rechnet man die Folgekosten für Transport, Veredelung und Handel mit ein, ergibt sich der Aufschlag von rund 30 Prozent beim Endverbraucher-Preis. Am geringsten ist der Unterschied bei pflanzlichen Produkten (30 Prozent auf den Erzeugerpreis).

Bei der ökologischen Lebensmittel-Produktion fällt die Preisdifferenz deutlich niedriger aus: Tierische Produkte müssten demnach aber immer noch um 80 Prozent, Milchprodukte um 35 Prozent und pflanzliche Lebensmittel um sechs Prozent teurer werden.

Stephanie Weigel von der Tollwood GmbH, die ihre Festivalgastronomie vor 15 Jahren auf bio umgestellt hat und für eine nachhaltige Landwirtschaft eintreten will, fordert: „Die Politik muss diese Preisverzerrung abstellen, die vor allem die Bio-Lebensmittel am Markt benachteiligt.“ Es könne nicht angehen, dass die Kosten für ökologische Schäden nicht eingepreist seien und stattdessen von der Allgemeinheit bezahlt werden müssten.

Aber angenommen, die Lebensmittel würden tatsächlich so viel kosten, wie Gaugler und seine Kollegen berechnet haben, wohin sollte das zusätzliche Geld dann fließen? „Es müsste natürlich von Staat oder Landwirtschaft sinnvoll eingesetzt werden, um die Ursache für diese versteckten Kosten zu bekämpfen. Also etwa für präventive Umweltprogramme“, sagt Gaugler. Dass diese Umstellung nicht von heute auf morgen geschehen kann, ist dem Forscher klar. „Unser Ziel war es, einen Beitrag zu leisten, um zu zeigen, wo es hingehen könnte.“  dg

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