„Lasst die Finger von den Dingern“

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Vor genau einem Jahr verlor ein junger Mann aus Schwabhausen beim Bauen von Silvesterböllern beinahe sein Leben. Er und drei Freunde überlebten eine Explosion nur knapp. Bei einem Informationstermin des Landeskriminalamts erzählt er seine Geschichte.

Opfer von selbst gebautem Böller warnt

Von Sebastian Schuch

Schwabhausen – Den 29. Dezember 2016 wird der mittlerweile 23-jährige Mann aus Schwabhausen (Kreis Landsberg), der seinen Namen nicht nennen möchte, wohl nie mehr vergessen. Beim Verfeinern von Chemikalien für selbst gebaute Silvesterböller verlor er beinahe sein Leben. Zwischen seinen Beinen explodierten die gefährlichen Stoffe – ihm und drei Freunden flog die Garage seiner Eltern um die Ohren. Eine erste Explosion riss ihm Teile der Oberschenkel heraus und verbrannte ihn an Armen und Beinen. Die zweite Explosion verwüstete die Garage komplett. Ein Rettungshubschrauber brachte die vier Freunde teils lebensgefährlich verletzt in ein Münchner Krankenhaus. Der Schwabhausener lag drei Wochen im Koma.

Ein Jahr später weiß der 23-Jährige, wie viel Glück er hatte, und fragt sich, was ihn und seine Freunde geritten hat. „Wir dachten, es sei ein kalkulierbares Risiko.“ Zuvor sei jahrelang alles gut gegangen, immerhin hatten er und seine Freunde angefangen, Böller zu bauen, bevor sie volljährig waren. Das sei immer noch sicherer gewesen, als sich Feuerwerkskörper aus Polen oder Tschechien zu besorgen, dachten sie. „Die sind zu gefährlich.“

Wie gefährlich die „Polen-Böller“ wirklich sind, erklärt der Erste Kriminalhauptkommissar Jürgen Gust, Sachgebietsleiter für Sprengstoff- und Strahlendelikte beim Landeskriminalamt: „Schon der kleinste Böller kann einem problemlos die Hand zerfetzen.“ Beim Präventionstermin bei der Olympiaschießanlage in Garching hat er einen solchen dabei. Dieser ist etwa drei Zentimeter groß und wirkt relativ harmlos. Doch der Schein trügt.

Das liegt zum einen am Sprengstoff. In Deutschland zugelassene Feuerwerkskörper zünden ausschließlich mit Schwarzpulver, illegale Böller mit einem Blitzknallsatz. Das ist ein Gemisch aus einem Chlorat und Magnesium oder Aluminiumpulver. „Das hat viel mehr Dampf als Schwarzpulver“, sagt Gust. Zum anderen gibt es unterschiedliche Verschlüsse. Legale Böller werden nur mit dem umwickelnden Papier verschlossen, Polen-Böller mit einem Gips-Pfropfen. Durch diesen wird die Explosion verzögert, es entsteht ein deutlich lauterer Knall. Der laute Knall geht aber mit Lebensgefahr einher: „Die Pfropfen fliegen mit bis zu 330 Metern in der Sekunde weg. Eine falsche Bewegung kann den Tod bedeuten“, mahnt Gust. Der Kriminalhauptkommissar warnt auch vor selbst gebauten Böllern, wie im Falle des Schwabhauseners. Dabei ist es ein Leichtes, die benötigten Materialien zu bekommen. In Internetforen hatte sich die Gruppe ihr Wissen angeeignet und anschließend die benötigten Materialien besorgt. „Wenn man weiß, welche Chemikalien man braucht, findet man die in jedem Supermarkt“, sagt der Schwabhausener. Seine Erfahrung macht ihn zum Mahner: „Lasst die Finger von den Dingern. Baut selber keine Böller und nutzt keine Böller aus Polen, Tschechien oder China.“

Bis heute kann sich der 23-Jährige nicht an die Ereignisse des 29. Dezember 2016 erinnern. Die Verletzungen sind bei ihm und seinen Freunden verheilt. Der Schwabhausener kann sogar wieder Sport machen. Silvester 2017 wird er im Kreis seiner Familie verbringen. Lust auf ein Feuerwerk hat er allerdings nicht. Wichtiger ist ihm, dass andere von ihm lernen und nicht sinnlos ihr Leben aufs Spiel setzen.

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