Im Land der Strickliesln

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Stricken, Häkeln, Handarbeit. Was früher nur was für Omas war, ist seit einiger Zeit Trend. Man strickt nicht einfach einen Schal – man strickt aus Leidenschaft, aus Kreativität, zur Stressbewältigung, alleine und in Gruppen. Sogar mit der ganzen Welt.

von angela Walser

Ganz früher strickten nur die Omas – Socken, Schals und Pullis in mitunter gewöhnungsbedürftigen Farben. Kleidung von der Stange, aus dem Kaufhaus war teuer, zu teuer. Und deshalb strickten sie eben selbst. Das ist heute anders. Sabine Niebler, Jahrgang 1963, gelernte Handarbeitslehrerin und seit drei Jahren Inhaberin eines Wollgeschäfts in München, hat das genau beobachtet.

Sie hat 2013 „Die Mercerie“ im Münchner Stadtteil Nymphenburg eröffnet, ein Wollgeschäft. Übersetzt heißt es eigentlich so was wie „Kurzwarenladen“. Sabine Niebler bietet auf 150 Quadratmetern Kurse an, Wolle in allen Varianten, auch ausgefallene Garne – meist von kleinen Produzenten aus den USA. Denn: Die Amerikaner sind Strick-Fans. Auf die Herstellung der Wolle wird dort oft peinlich genau geachtet. Vom Schäfer über den Scherer, den Spinner bis hin zum Färber – alles im eigenen Land. Erst wenn aus der Wolle ein Knäuel geworden ist, darf sie exportiert werden. Zum Beispiel zu den fleißigen Strickliesln nach Bayern.

Sabine Niebler kennt den Markt gut, sie fühlt sich an die letzte Strickwelle erinnert – in den 80er-Jahren. Damals war Stricken zum ersten Mal cool. Plötzlich strickten alle, überall. In der Schule, in der Uni, im Wartezimmer und im Bus. Doch der Trend war so schnell vorbei wie er aufploppte. Mit den Grünen, deren Abgeordnete auch mal strickend im Bundestag hockten, bekam das Hobby eine alternative Note – zu alternativ, um für die Masse noch cool zu sein. Und dann kamen auch noch die Tierschützer von PETA. Die prangerten die industrielle Schaf-Schur an, ein oft tierquälerisches Verfahren. Stricken war auf einmal nicht mehr angesagt. Allein in Bayern blieb die Trachten-Strickerei übrig.

Auch Dagmar Bergk, 60, Englischlehrerin aus Landsberg und freiberufliche Woll-Beraterin, erinnert sich an die goldenen Strick-80er: „Die Schicki-Micki-Leute strickten Pullover aus sieben, acht verschiedenen Qualitäten in einer Farbrichtung. Angora musste überall dabei sein.“ Dagmar Bergk glaubt, am Ende des Booms waren die Fitnesstudios schuld. Die kamen damals in Mode. Die Frauen hatten keine Zeit mehr zu stricken – lieber gingen sie zu Bauch-Beine-Po.

Doch 2011 erlebte die Wollbranche einen zweiten Frühling. Ausgelöst wurde er durch zwei Burschen aus Oberfranken, die für eine Saison zum Skilehrern nach Japan gegangen waren. Gegen die Langeweile an langen Winterabenden auf der Skihütte begannen sie, eine Boshi nach der anderen zu häkeln. Boshi – das japanische Wort für Mütze. Sie häkelten mit dicker Wolle und dicker Nadel, zwei Stunden brauchten sie für eine Kopfbedeckung. Sie merkten: Das kann jeder. Sie gründeten ein Business, nannten es myboshi und plötzlich häkelte ganz Deutschland die bunten Mützen nach einfachen Anleitungen. Plötzlich war Handarbeit wieder interessant.

Mit den gehäkelten Boshis erwachte in Deutschland auch das Interesse am Stricken wieder. Das Internet und vor allem der Videokanal YouTube unterstützten das. Per Mausklick gibt es Anleitungen, Modelle und einen nie da gewesenen Austausch unter den Strick-Ambitionierten. Es gibt riesige Plattformen, auf dem sich Profis und Hobby-Stricker austauschen, „Ravelry“ zum Beispiel ist das weltweit größte Internetportal für Stricken und Häkeln. Hier werden Strickmuster verkauft und Modelle präsentiert. Neulich lud Strickstar Stephen West auf „Ravelry“ zu einem knit along ein. Für sieben Dollar, die man aus der ganzen Welt überweisen konnte, bekam jeder Teilnehmer über vier Wochen jeden Freitag einen Teil des Musters gemailt. Bekannt war nur, dass ein Schal gestrickt wird. Und außerdem gab es Wollvorschläge. Die Teilnehmer können bei einem solchen Gemeinschafts-Strick-Event während der vier Wochen Bilder von ihren Strickereien veröffentlichen, um sie den anderen zu zeigen.

Stricken ist auch eine Wissenschaft – sie wird immer aufwendiger. Nachhaltig gewonnene und handgefärbte Garne aus kleinen Spinnereien verdrängen billige Synthetik-Wolle. Qualität statt Quantität heißt der neue Trend. Das allerdings treibt freilich den Preis in die Höhe – ähnlich wie bei Bio-Lebensmitteln.

Doch die Stricker sind offenbar bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Als vor einigen Jahren in Pfaffenhofen an der Ilm die eher hobbymäßig betriebene Handfärberei „Rohrspatz & Wollmeise“ expandierte und einen Online-Shop einrichtete, war neue Ware vergriffen nur wenige Minuten, nachdem sie im Angebot war. Noch immer gilt es unter Strickern als besonders erstrebenswert, einen Strang Wollmeise zu ergattern.

Stricken, Häkeln, Selbermachen gehört zum modernen Lifestyle, DIY-Kultur ist Trend. DIY, das ist die Abkürzung für Do it yourself und bedeutet Selbermachen. Englische Begriffe dominieren die Handarbeitsszene, längst gibt es Übersetzungstabellen für Abkürzungen und Anleitungen. Die „Mercerie“, das Wollgeschäft von Sabine Niebler, bietet sogar Übersetzungskurse an.

Natürlich schlägt sich der Trend auch in den Zahlen nieder. Rund 1,35 Milliarden Euro haben die Deutschen 2014 für den Spaß am Selbermachen ausgegeben. Tendenz: steigend. Strick- und Häkelgarne führen dabei mit einem Umsatzplus von mehr als 20 Prozent auf 520 Millionen Euro die Umsatz-Hitliste an. Wer heute einen Pullover strickt, gibt allein für die Wolle 100 Euro und mehr aus.

Gestrickt wird im Gegensatz zu früher eher selten alleine, Strick- oder Häkeltreffs sind beliebt. In der Region finden zweimal jährlich unter dem Motto „Oberbayern strickt“ Treffen statt: In Gilching im Kreis Starnberg kamen kürzlich 60 Nadel-Begeisterte zusammen. In Köln gibt es Treffen mit mehr als 500 Strickern.

In Sabine Nieblers Laden treffen sich die Strickerinnen jeden Mittwoch nach der Arbeit. Besonders viel los ist, wenn ein Woll-Promi zu Gast ist, dann kommen die Kursteilnehmer nicht nur aus München, sondern aus ganz Bayern. Vera Sannon ist eine dieser Strick-Berühmtheiten. Die Deutsch-Amerikanerin strickte schon für den US-Schauspieler Tom Hanks – der Pulli für den Oscar-Preisträger soll 2000 Euro gekostet haben. Vera Sannon traf sich auch mit Schauspielerin Julia Roberts, um für deren Zwillinge zu stricken.

In den USA gibt es noch etwas ganz neues: Strickyoga. Über Yoga mit Nadeln zum inneren Frieden finden. Die berühmte „New York Times“ hat neulich sogar behauptet, Stricken sei längst der neue Gesundheitstrend. Es schütze gegen Übergewicht und Rauchen, gegen Stress, Demenz und Gedächtnislücken.

Und auch hierzulande beschäftigen sich Therapeuten mit dem Gesundheitsaspekt beim Stricken, allerdings eher mit der Haltung bei der Handarbeit. Da geht es zum Beispiel bei Viel-Strickerinnen darum, Spannungen in Nacken und Schultern zu vermeiden – insbesondere ein Problem der Italienerinnen, die sich traditionell eine Nadel unter den Arm klemmen und mit der anderen den Faden um die Masche wickeln. Sachen gibt’s.

Für Dagmar Bergk, die Woll-Beraterin aus Landsberg, hat die Strickwelle in Bayern aber langsam den Höhepunkt überschritten. Sieben Jahre würde so ein Trend anhalten, sagt die 60-Jährige. Nach ihrer Berechnung müsste dann übernächstes Jahr Schluss sein. Abwarten und weiterstricken.

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