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Bayerns Brauer fürchten: Fehlendes Malz und keine Flaschen

Kurz vor der Wiesn: „Ohne Gas kein Bier!“ - geht uns das Flüssigbrot aus?

Biergarten
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Leere Biergläser stehen in einem Biergarten auf dem Tisch.
  • Markus Zwigl
    VonMarkus Zwigl
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8,5 Milliarden Liter Bier wurden in Deutschland 2021 getrunken - und in der Produktionskette spielt Gas eine große Rolle. Die Brauereien haben gerade erst zwei sehr schlechte Corona-Jahre hinter sich, nun sind sie mit der nächsten Krise konfrontiert.

München - Mit 99,7 Liter pro Kopf der Bevölkerung ist Bier-Konsum seit Jahrzehnten im Jahr 2019 erstmals wieder unter die 100 Liter-Marke gefallen. Unter dem Einfluss der Corona-Pandemie, lange Zeit geschlossener Gastronomie und ausgefallener Volksfeste sank er in 2020 und 202 weiter und lag im vergangenen Jahr nur noch bei 92 Liter. Dennoch trinken die Deutschen noch stolze 8,5 Milliarden Liter Bier pro Jahr und sind damit absolute Spitzenreiter im Europa-Vergleich.

Brauereien sind gasabhängig

Kurz vor den Herbstfesten - 2019 wurden allein auf dem Oktoberfest 7,3 Millionen Maß Bier ausgeschenkt - droht den Bierbrauern nun die nächste Krise. Denn ein Stopp der russischen Gaslieferungen würde auch die deutschen Brauereien in große Bedrängnis bringen. „Die Brauereien sind als energieintensive Branche relativ gasabhängig“, sagte Georg Schneider, Präsident des Bayerischen Brauerbunds und der Münchner Brauerei Schneider Weisse. Auf Gas angewiesen sind nach Schneiders Worten insbesondere die Malzherstellung und die Flaschenherstellung. Auch Veltins-Chef Michael Huber warnt: „Ohne Gas kein Bier“.

Malz ist Getreide – Gerste oder Weizen – „das erstmal keimen muss“, sagte Schneider. Die Keimung werde durch einen Trocknungsprozess unterbrochen, in der Fachsprache „darren“ genannt. Das erfolge meistens mit Gas. „Wenn kein Gas mehr fließt, haben wir auch kein Malz mehr zur Verfügung.“

Bayerische Reinheitsgebot von 1516

Das deutsche Reinheitsgebot ist die älteste bis heute gültige lebensmittelrechtliche Vorschrift der Welt aus dem Jahr 1516. Danach darf in Deutschland Bier nur aus Wasser, Malz und Hopfen gebraut werden. Die Hefe wurde damals wahrscheinlich nicht erwähnt, weil die Gärung durch in der Luft vorkommende Hefesporen eher zufällig ausgelöst wurde. Später wurde sie hinzugefügt: Sie ist beim Bierbrauen essentiell ist, da sie bei der Gärung zur Entstehung von Alkohol und Kohlensäure gebraucht wird.

Flaschenproduktion und Reinigung äußerst energieintensiv

Weit verbreitet sind in Brauereien Zweistoffbrenner, die mit Gas oder Öl betrieben werden können. Auch in der Energieversorgung für die aufwändige Flaschenreinigung sind diese Brenner im Einsatz. Hergestellt werden Bierflaschen nach Schneiders Worten ebenfalls in aller Regel mit dem Grundenergieträger Gas. „Hier haben wir eine gewisse Sorge. Das flüssige Glas ist in riesengroßen Wannen, die permanent durchgeheizt werden müssen“, sagte Schneider. „Wenn eine solche Wanne erkaltet, ist die kaputt.“ Energieintensiv sei auch die Herstellung der Kronkorken, die aus Stahl gemacht würden. „Stahl muss gewalzt werden“, sagte Schneider. „Sogar die Herstellung der Etiketten ist eine energieintensive Geschichte.“

Bereits im Mai hieß es, dass die Flaschen-Lage „äußerst angespannt“ sei: „Einigen Brauereien droht der Leerlauf, sie stehen vielleicht bald ohne Flaschen da“, sagte damals der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds, Holger Eichele. Verbraucher sollten Leergut möglichst schnell im Handel zurückgeben, um die Situation zu entspannen. „Die aktuelle Energiepreiskrise stellt die energieintensive Glasindustrie vor große Herausforderungen. Die Energiekosten sind im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 500 Prozent gestiegen“, sagte eine Sprecherin des Bundesverbands Glasindustrie.

Zur Nachhaltigkeit erzogen

Wegen des hohen Ressourcenverbrauchs seien die Brauer laut Schneider seit jeher zur Nachhaltigkeit erzogen. „Als ich vor vielen Jahren Brauer gelernt habe, war die Faustformel: Für einen Liter Bier braucht man zehn Liter Wasser“, sagte Schneider. „Heute sind wir bei Schneider Weisse bei 2,5 Litern.“ Die Brauer täten in ihrer Sphäre alles, um den Energieverbrauch zu reduzieren. „Doch die Vorlieferanten können wir nur wenig beeinflussen.“

Schneiders 1872 gegründete Brauerei feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen und ist nach wie vor in Familienbesitz - der heutige Brauereichef ist der sechste Georg seit der Gründung. Das Unternehmen erwirtschaftet nach Schneiders Worten 25 Millionen Euro Jahresumsatz und exportiert in 42 Länder.

Brauerei-Branche im Wandel

Auch ohne Corona-Pandemie und Gaskrise ist die Branche mit dem Wandel der Lebens- und Trinkgewohnheiten konfrontiert. „Dass Bierbrauen sexy ist, zeigt, dass es immer wieder Neugründungen gibt“, sagte Schneider. In Bayern gab es nach offiziellen Statistiken Ende 2021 insgesamt 631 Braustätten, neun mehr als 2012. Hinter dieser Zahl verbirgt sich allerdings ein tiefergehender Strukturwandel: Alteingesessene Brauereien schließen, neue Kleinbrauereien werden gegründet. „Die Zahl der Brauereien hat zugenommen, aber der Pro-Kopf-Verbrauch nimmt ab.“

Das habe unterschiedliche Ursachen: „Sicher ist das Älterwerden der Bevölkerung ein Faktor. Dann haben wir bei vielen Menschen ein anderes Körperbewusstsein. Das Thema Mobilität spielt eine ganz andere Rolle als vor fünfzig Jahren“, sagte Schneider mit Blick auf den in einem halben Jahrhundert stark gewachsenen Autoverkehr und die damit verbundene Einschränkung des Alkoholkonsums. „Und die Arbeitswelt hat sich grundlegend geändert. Auf Baustellen wurde früher viel Bier getrunken, das ist längst Vergangenheit. Alle diese Faktoren führen dazu, dass der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch in Bayern unter 100 Liter gefallen ist.“

„Demographiebedingt“: Pro-Kopf-Verbrauch wird weiter sinken

„Da die Menschen erst mit etwa 20 Jahren beginnen, in nennenswertem Umfang Bier zu trinken, wissen wir heute bereits, dass wir in den kommenden 20 Jahren in der wichtigen Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen circa 5 Mio. Konsumenten verlieren werden, in der Gruppe der 20- bis 60-Jährigen sind es sogar 9,4 Mio. Konsumenten, die der Brauwirtschaft fehlen werden. Selbst unter der (unrealistischen) Annahme, dass der Pro-Kopf-Konsum sich wieder stabilisiert, verliert die Brauwirtschaft demographiebedingt jedes Jahr circa 0,5 Prozent ihres Absatzes. Verluste durch das Geburtendefizit sind durch Zuwanderung auch nicht auszugleichen, da die zuwandernde Bevölkerung in der Regel eine weit geringere Bieraffinität besitzt, als sie in der einheimischen Wohnbevölkerung traditionell gegeben ist“, heißt es hierzu von Seiten des Bayerischen Brauereibundes.

mz

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