Die Kunst mit dem Kreuz

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Holzbildhauer Tobias Haseidl steht mit einem Kruzifix vor seiner Werkstatt in Oberammergau am Fuße des Kofel. Seit mehr als drei Jahrzehnten schnitzt der 53-Jährige Krippenfiguren, Christusse und verschiedenste Sonderanfertigungen. Von Söders Kreuz-Offensive erhofft er sich allerdings kaum neue Aufträge. Foto: KOrnatz

Söders Erlass ist in Kraft, in bayerischen Behörden herrscht ab Freitag Kreuz-Pflicht. Bedeutet das nun einen Auftrags-Boom für Holzschnitzer? Ein Besuch bei Holzbildhauermeister Tobias Haseidl in der Schnitzer-Hochburg Oberammergau.

Schnitzer-Handwerk

von Dominik Göttler

Oberammergau – Der Christus, den Tobias Haseidl gerade in den Schraubstock gespannt hat, hat noch ein paar Kilo zu viel auf den Rippen. „Da kann man recht frech hinhauen“, sagt Holzbildhauermeister Haseidl, „noch ist er dick genug.“ Die Späne am Boden seiner kleinen Werkstatt zeigen, dass er schon ein paar Mal recht frech hingehauen hat. Vier Tage lang hat er das Zirbelkiefernholz geformt – und es lässt sich schon zweifelsfrei erkennen, dass aus dem etwa 80 Zentimeter langen Stück Holz ein Jesus werden soll. Die Arme stehen zwar noch auf der Werkbank und warten darauf, mit dem Korpus verleimt zu werden. Und auch das Kreuz fehlt noch. Aber in etwa zwei Wochen dürfte Haseidls neuester Christus fertig sein – und seinen Platz im Privathaus des Auftraggebers finden.

Ab diesem Freitag gilt in 1100 bayerischen Dienstgebäuden Kreuzpflicht, so steht es in Paragraf 28 der Allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates. Über die Initiative von Ministerpräsident Markus Söder wird erbittert gestritten. Aber was sagen diejenigen, die davon eigentlich profitieren müssten? Jemand wie Tobias Haseidl, Holzbildhauermeister aus der Schnitzer-Hochburg Oberammergau im Kreis Garmisch-Partenkirchen?

„Ach“, sagt Haseidl und winkt ab. „Ich habe diese Debatte eigentlich mit einem Kopfschütteln verfolgt.“ Einfach nur ein Kreuz in einen Eingangsbereich zu hängen, was bewirke das schon? „Für mich ist das Kreuz ein Zeichen für Hilfe, für Empathie.“ Wer dieses Symbol bewusst aufhänge, der müsse dann schon auch der moralischen Verpflichtung nachkommen, die damit einhergehe. „Der muss Gutes und Humanitäres tun“, sagt Haseidl. Aber er klingt nicht so, als ob er all zu viel Hoffnung habe, dass sich sein Wunsch auch erfüllt. „Das wird leider unter den Teppich gekehrt.“

Viele Neuaufträge infolge der Verordnung erwartet der 53-Jährige jedenfalls nicht. „Ich glaube nicht, dass sich das groß auswirkt.“ Vielmehr befürchtet er, dass in den meisten Behörden stattdessen auf Massenware gesetzt wird. Unscheinbar, industriell gefertigt, ohne Charakter. Damit liegt einer wie Haseidl natürlich über Kreuz.

Denn für ihn ist das Schnitzen nicht nur ein Handwerk, sondern auch eine Kunstform. Als er vor mehr als 30 Jahren seine Ausbildung zum Holzbildhauer begann, hatte er bereits eine Schreinerlehre hinter sich. „Aber da hatte ich das Gefühl, ich kann zu wenig gestalten.“ Also führte er die Familientradition fort. Jetzt arbeitet er ausschließlich auf Auftrag. Vom kleinen Kruzifix und der Krippenfigur über Grabmäler bis zur Patrona Bavariae im Auftrag der Staatsregierung zum Papstbesuch 2006.

Wegen neuer Herausforderungen wie dieser liebt Tobias Haseidl seinen Beruf auch nach drei Jahrzehnten noch. „Das Tüfteln mit einem neuen Auftraggeber über Form und Gestaltung, die ersten Skizzen. Da kommt bei mir die große Vorfreude.“ Mit jedem neuen Werk setzt sich Haseidl das Ziel, eine Figur mit Charakter zu entwerfen. „Handwerklich am schwierigsten sind dabei Kinderfiguren.“ Für die weichen Gesichtszüge ist Präzision und Gefühl gefragt. „Alte Männer sind leicht“, sagt Haseidl und lacht. Wenn einem da mal das Schnitzeisen auskommt, hat der greise Herr eben eine Falte mehr.

Die Hauptsache sei, dass eine Figur nie angestaubt wirke. Auch wenn die Motive bei Tobias Haseidl oft dieselben sind, so ist doch jedes Stück ein Unikat – gerne mit modernem Einschlag. So ist sein Markenzeichen ein Kreuz, das gar kein Kreuz ist. Vielmehr die Form eines Ypsilons, von dem sich der Gekreuzigte löst. Die Idee kam im Gespräch mit einem Theologen. „Wir wollten eine Form, die nicht nur die Kreuzigung, sondern gleichzeitig die Auferstehung symbolisiert.“ Nicht nur das Negative, auch das Positive betonen – das passt zu Haseidls Kreuz-Verständnis.

Sorgen macht sich der Holzbildhauer trotzdem. Und zwar um die Zukunft seiner Zunft. „Die Breite in unserer Branche hat stark abgenommen“, sagt Haseidl, der auch Vorstand des St.-Lukas-Vereins, einer Vereinigung der Oberammergauer Holzschnitzer, ist. „Als ich angefangen habe, waren wir noch über 100. Jetzt sind wir nur noch 40.“ Das liege auch am Nachwuchsmangel. Haseidls Appell: „Wir sollten in der Schule die Wertschätzung für Kunsterziehung und Gestaltung nicht vernachlässigen.“ Wer soll denn sonst in Zukunft recht frech hinhauen, bis die Späne fallen?

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