Die Klagen der Tagesmütter

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Sie wollen leistungsgerecht bezahlt werden: Die Tagesmütter Christine Schuster und Angelika Mondini aus Ingolstadt im Münchner Verwaltungsgericht. Foto: Göttler

Rund zwei Euro pro Kind und Stunde. Brutto. Das verdienen die Tagesmütter Christine Schuster und Angelika Mondini aus Ingolstadt – ungerecht, finden sie und klagen. Das Verfahren könnte Auswirkungen auf ganz Bayern haben.

Prozess um gerechte Bezahlung

Rund zwei Euro pro Kind und Stunde. Brutto. Das verdienen die Tagesmütter Christine Schuster und Angelika Mondini aus Ingolstadt – ungerecht, finden sie und klagen. Das Verfahren könnte Auswirkungen auf ganz Bayern haben.

von Dominik Göttler

München/Ingolstadt – Ab 7.15 Uhr wird es laut bei Angelika Mondini. Denn dann trudeln bei der Tagesmutter aus Ingolstadt die ersten Racker ein. Fünf Kinder betreut sie von Montag bis Freitag. Derzeit sind sie zwischen sechs Monaten und knapp drei Jahren jung. Seit 32 Jahren zündet die 56-Jährige Frühstückskerzen an, geht mit den Kindern auf den Spielplatz oder tanzt mit ihnen zum Turnzwergelied. Aber Angelika Mondini ist wütend. Denn sie findet: Für all die Mühe, die sie sich täglich macht, wird sie nicht fair bezahlt. Mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da.

Angelika Mondini ist eine von mehreren Tagesmüttern aus der Region Ingolstadt, die gegen ihre Bezahlung Klage eingereicht hat. Die Klage ihrer Tagesmutter-Kollegin Christine Schuster, 47, ebenfalls aus Ingolstadt, wurde gestern vor dem Münchner Amtsgericht behandelt. Es ist ein Pilotverfahren, das möglicherweise Auswirkungen auf die Situation der Tagesmütter in ganz Bayern haben könnte.

Derzeit bekommen Tagesmütter in der Region Ingolstadt laut Mondini 3,91 Euro brutto pro Kind und Stunde. Die Stadt Ingolstadt orientiert sich dabei an den Empfehlungen der kommunalen Spitzenverbände – wie viele andere bayerische Kommunen auch, die den Ausgang des Verfahrens deshalb interessiert beobachten dürften.

Die 3,91 Euro setzen sich aus einer Betreuungsleistung und einer Sachleistung zusammen. Nach Abzug der Sachleistungen, die nur für das Kind verwendet werden dürfen – etwa zum Kauf von Materialien und Verpflegung – bleiben noch knapp über zwei Euro an Bruttoverdienst für die Tagesmutter. „Das spiegelt die Leistung nicht wider“, sagt Carmen Stocker-Preisenberger, die die Klägerinnen vertritt. „Das liegt unter dem Niveau einer Putzfrau.“

„Der Bundesverband für Kindertagespflege erarbeitet gerade ein Modell zur Berechnung einer leistungsgerechten Entlohnung auf Grundlage des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst“, sagt Rosa Hochschwarzer von Landesverband Kinder in Tagespflege. „Hier liegt das Ergebnis deutlich über vier Euro pro Kind und Stunde – ohne Sachleistung.“

Zweiter Streitpunkt: die Zuzahlungen. Die Klägerin Christine Schuster hat einen Vertrag mit dem von der Stadt Ingolstadt für die Vermittlung von Tagespflege beauftragten Verein Mobile Familie e.V. geschlossen. Darin ist geregelt, dass die Tagesmutter keine Zuzahlungen von den Eltern verlangen darf, beispielweise wenn sie mittags teureres Bio-Essen anbieten will.

Der Vorsitzende Richter im Münchner Verwaltungsgericht machte das Problem der Tagesmütter deutlich: „Die Kommune errechnet das Entgelt auf Grundlage der Refinanzierung aus Mitteln des BayKiBiG.“ Denn gemäß des Bayerischen Kinderbildungs- und -betreuungsgesetzes wird die Betreuung vom Freistaat finanziell gefördert. Der Richter ließ aber durchblicken, dass das Gericht der Ansicht ist, die Bezüge der Tagesmütter müssten ausdifferenzierter berechnet und an der Betreuungsleistung gemessen werden – auch wenn die Kommune sich damit finanziell stärker beteiligen muss. Einen konkreten Betrag, etwa eine Mindesthöhe, könne das Gericht aber nicht festlegen.

Weiter sagte der Richter, dass die bislang verbotenen Zuzahlungen zwar wohl vom Gesetzgeber nicht unbedingt vorgesehen, allerdings auch nicht explizit untersagt seien. Das Urteil können die Beteiligten ab heute erfragen, schriftlich wird es wohl erst im Mai bekannt gegeben.

Für die Kläger-Vertreterin wäre das vom Vorsitzenden Richter angedeutete Urteil ein Erfolg: „Die Kommune muss jetzt für mehr Transparenz sorgen.“ Für Rosa Hochschwarzer vom Landesverband ist der wesentliche Punkt jedoch weiter unbeantwortet geblieben: „Der konkrete Betrag einer leistungsgerechten Entlohnung ist damit noch nicht abschließend definiert.“

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